Die neuen Weinschläuche der NAR [Neue Apostolische Reformation] (Georg Walter)

Von der NAR zur GSI – Wie der neue globale Weinschlauch der “Apostel” und “Propheten” der Erfüllung der dominionistischen Ziele dienen soll

(Autor: Georg Walter)

Unter Leitung von C. Peter Wagner fand im Jahre 1996 eine Konferenz am bekannten Fuller Seminary (USA) statt. C. Peter Wagner gab der Bewegung, die er bis dahin als „post-denominational“ (die Zeit nach den Denominationen) bezeichnete, erstmalig die neue Bezeichnung Neue Apostolische Reformation (NAR). In dem fundierten Artikel mit dem Titel Wurzel und Frucht der Neuen Apostolischen Reformation des ehemaligen Pfingstlers und intimen Kenners der pfingstlich-charismatischen Szene in den USA hat der US-amerikanische Pastor Bob DeWaay nicht nur nachgewiesen, dass die Urgemeinde mit dem Tod des letzten Apostels keiner weiteren Apostel bedurfte und die Leitung der Gemeinde in der nachapostolischen Zeit Ältesten, Diakonen und Lehrern anvertraut war, wie auch die Pastoralbriefe des Paulus (1 + 2Tim, Titus) bereits deutlich erkennen lassen, sondern er weist auch darauf hin, dass die geistlichen Wurzeln der NAR im Grunde in den unbiblischen Lehren der Spätregen-Bewegung liegen, die Ende der 1940er Jahre aus der Pfingstbewegung entstand und von letzterer als häretisch abgewiesen wurde.

 

Steter Tropfen höhlt den Stein aus heißt es in einem Sprichwort. Nachdem die Spätregen-Bewegung sich schnell Anfang der 1950er Jahre auflöste und in der entstehenden charismatischen Bewegung absorbiert wurde, dauerte es fast zwei Jahrzehnte, bis die häretischen Lehren der Spätregen-Bewegung in Form einer Bewegung von „Aposteln“ und „Propheten“ erneut an Popularität gewann. C. Peter Wagner und Mike Bickle sind wohl die bekanntesten Vertreter dieser Lehre sowohl in den USA als auch in Deutschland. Um das Gedankengut der NAR zu verbreiten, schuf Peter Wagner Global Harvest Ministries (GHM) in Texas. Die NAR zählt heute weltweit über 500 Apostel und Hunderte von Propheten. In Deutschland zählt Jobst Bittner mit der Tübinger Offensiven Stadtmission zu den assoziierten Gemeinden der NAR (siehe: hier). C. Peter Wagner, der sich bislang als Hauptapostel der Bewegung betrachtete, hat sich nun den Titel „Apostolic Ambassador“ (Apostolischer Botschafter) zugelegt.

 

Am 15. August 2010 wurde Wagner 80 Jahre alt und übergab seinem langjährigen Weggefährten Chuck Pierce Global Harvest Ministries (GHM). Chuck Pierce gründete ein neues Werk mit dem Namen Global Spheres Inc. (GSI), in welchem er Präsident und Peter Wagner Vizepräsident ist. Global Spheres Inc. (GSI) ist „ein neuer Weinschlauch der apostolischen Ausrichtung“, so Wagner. Der Name Global Spheres deutet die 7 Sphären an, die der charismatische Dominionismus für sich einnehmen will (siehe unten Punkt 12: “Die sieben Berge [=Sphären] der Gesellschaft”)

 

Am 21. November 2011 richtete sich nun der „Apostolische Botschafter“ Peter Wagner mit einer Botschaft an seine Anhänger. Darin brachte er seine Zufriedenheit zum Ausdruck, dass die NAR mittlerweile bis in die amerikanische Medienlandschaft die Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Sowohl das bekannte TIME Magazine als auch Associated Press berichteten über die NAR. In christlichen Kreisen wird die NAR sehr unterschiedlich bewertet. Von Zustimmung über Vorbehalte bis zu ablehnenden Positionen liegen die unterschiedlichsten Bewertungen vor.

Eine Kritik, die an der NAR laut wurde, war der Vorwurf, die NAR habe kein Glaubensbekenntnis. Peter Wagner begründete dies damit, dass die NAR keine Organisation, sondern eine Bewegung sei und die Gemeinden, die mit der NAR assoziiert sind aus sehr unterschiedlichen Denominationen kommen. Ferner sieht Wagner diese theologische Vielfalt als eine Bereicherung an. Dennoch bekennt er sich zu den klassischen christlichen Glaubensbekenntnissen wie dem Apostolischen und Nizäischen Glaubensbekenntnis, was für Wagner nicht ausschließt, dass auch Denominationen wie die Oneness-Pfingstler, die die Lehre der Trinität ablehnen und zur Lehre des Modalismus neigen, der NAR angehören können.

Zusammen mit Chuck Pierce hat C. Peter Wagner ein Glaubensbekenntnis der GSI veröffentlicht. Die GSI wird als „Oase für die Nationen“ und Glory of Zion International Ministries (Werk von Chuck Pierce) als „Ausdruck des Einen Neuen Menschen“ bezeichnet. Das Bekenntnis beinhaltet:

1. Gott, der sich treu zu seinem Bund stellt und ihn erfüllen wird.
2. Israel ist Gottes Bundesvolk und wird in der Zukunft das Zentrum der Nationen sein.
3. Der himmlische Vater erfüllt in jedem Menschen seinen einzigartigen Plan.
4. Gott sandte seinen Sohn Jesus Christus, der die Menschen durch seinen Opfertod mit Gott versöhnt.
5. Nach der Himmelfahrt Christi wurde der Heilige Geist, die dritte Person der Gottheit, auf die Erde gesandt, um aus den Gläubigen übernatürliche Personen zu machen, die Gottes Werk auf Erden tun.
6. Jesus ist das fleischgewordene Wort. Der Glaube kommt aus dem Hören der Predigt.
7. Der Mensch wird durch Gnade und nicht durch die Werke des Gesetzes errettet.
8. Die Lehre der Erstlingsfrucht ist der Schlüssel, um im Segen zu wandeln. Wenn der Mensch Gott das Beste bringt, wird Gott den Rest segnen.
9. Geben und Opfern sind die Schlüssel zur Anbetung. Wenn der Mensch Gott sein Bestes oder seine Erstlingsfrucht darbringt und Ihn anbetet, wird er von Ernte zu Ernte gehen.
10. Gott wohnt im Lobpreis seiner Kinder. Gott will, dass die Anbetung, die im Himmel stattfindet, ebenso hier auf Erden stattfindet. Auf diese Weise wird Gottes Gegenwart auf Erden manifestiert.
11. Die Geistesgaben und Dienste sind nach einer Ordnung Gottes gegeben. An oberster Stelle steht der Apostel, gefolgt vom Propheten, Evangelisten, Pastor und Lehrer.
12. Das Königreich Gottes wird gebaut, indem alle Gläubigen, die das Königreich bereits in sich tragen, in jeden Bereich der Gesellschaft ausgesendet werden. Das Reich Gottes ist bereits heute hier! Die sieben Berge der Gesellschaft [Kultur, Medien, Bildung, Politik, Religion, Familie, Kommerz] sollen vom Königreich Gottes dominiert werden (Dominionismus).
13. Propheten proklamieren den himmlischen Willen. Gott hat verheißen, dass alle, die auf seine Propheten hören, Erfolg haben werden!
14. Geistliche Kriegführung ist das Mittel, um den Feind zu besiegen. Geistliche Kriegführung geschieht vom Zufluchtsort in Gott. Durch Anbetung steigt der Krieger auf in himmlische Bereiche, um von dort als Krieger in diese Welt hinabzusteigen.
15. Die Menschen dieser Erde sollen zu Jüngern gemacht und die Nationen sollen geheilt werden.

Chuck D. Pierce – C. Peter Wagner – Doris M. Wagner President – Apostolic Ambassador – Minister & Vice President: A MESSAGE FROM PETER: THE NEW APOSTOLIC REFORMATION – What Are Its Beliefs? 21. November, 2011.

Chuck Pierce schreibt auf seiner neuen Webseite Global Spheres Inc. (GSI) über sein Werk:

„Eines der Hauptgebiete, das im letzten Jahrzehnt entwickelt wurde, war das Heranreifen des neuen Weinschlauchs der apostolischen Bedeutung der Leiterschaft, die den Plan von Gottes Königreich auf Erden im nächsten Jahrzehnt vorantreiben soll. Peter Wagner hat 15 Jahre damit verbracht, dem Leib Christi ein Verständnis über diesen Wandel des Weinschlauchs zu vermitteln.“

Über C. Peter Wagner urteilt Chuck Pierce: „Ich habe niemals jemanden getroffen, der mehr Paradigmen im Denken des Leibes Christi verändern konnte als Peter.“ Aber auch über Wagners Frau Doris ist Pierce voller lobender Worte: „Doris hat dazu beigetragen, den neuesten apostolischen Ruf zu führen, Befreiung und innere Heilung im Leib Christi zu ermutigen. Die Organisation, die daraus hervorging, ist unter dem Namen International Society of Deliverance Ministers (Internationale Gesellschaft für Befreiungsdienste) bekannt.“

Über seine eigenen geistlichen Führungen schreibt Pierce: „Ich wusste, dass ich Global Harvest Ministries (GHM) nicht in diesen Weinschlauch [Glory of Zion International Ministries – das eigene Werk von Chuck Pierce], der mehr prophetischer Natur ist…, aufnehmen sollte. Die Weitergabe eines Mantels [der Salbung] und die Schaffung eines neuen Weinschlauchs macht es erforderlich, eine neue Organisation und neue Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.“

Über die Ziele, die Pierce mit dem neuen Weinschlauch verfolgt, sagt er: „Dieser Weinschlauch muss Gebiete umfassen wie Mission, Lehre, Befreiungsdienst, Transfer von Wohlstand, Apostolische Leitung, Bildung, Kunst, Familie, Medien, Wissenschaft und technischer Fortschritt, um nur einige zu nennen.“

Mit Global Spheres Inc. (GSI) hat Pierce große Pläne. Als ein Dreiergespann aus Pierce selbst sowie Peter Wagner und seiner Ehefrau Doris wollen die drei Apostel und Propheten „eine neue Apostolisch-Prophetisch-Evangelistische Ordnungsstruktur der Befreiung (Apostolic-Prophetic-Evangelistic-Deliverance Governmental Structure) schaffen, die bereit ist, im Dienst der Nationen zu stehen. Dies wird ein Weinschlauch sein für das transformatorische Ziel, die Welt in dieser Ära auf den Kopf zu stellen.“

Pierce sieht vor, apostolisch-prophetische Offenbarungen zu veröffentlichen, wobei jede Gemeinde für sich selbst entscheidet, ob sie den Offenbarungen folgen will oder nicht. Pierce will Durchbruch-Teams (breakthrough teams) zur Verfügung stellen, die von Gemeinden angefordert werden, die auf eine höhere Ebene ihrer Berufung kommen wollen. Diverse Gemeinden sollen in ihrer „besonderen Sphäre von Autorität“ bestätigt und ausgesendet werden. Pierce hat eine globale Vision. „Der Herr hat mir gezeigt, dass ich eines Tages mit geistlichen Leitern aus 153 Nationen vernetzt sein werde. Dies wird kein nationaler Weinschlauch sein, sondern einer, der apostolisch-prophetische Leiter in der ganzen Welt einschließt.“ Die assoziierten Gemeinden und Werke sollen regelmäßig kontaktiert werden, damit sie effektive Unterstützung erfahren in der jeweiligen „Einflusssphäre, die der Herr ihnen gegeben hat.“

Chuck D. Pierce, About Global Spheres, Inc.

Soweit die beiden charismatischen Visionäre mit ihrer „apostolisch-prophetischen Salbung“. Bescheidenheit ist nicht gerade ein Merkmal, das man bei Wagner und Pierce antrifft. Die fast triumphalistisch anmutenden globalen Ziele der beiden Apostel sowie Wagners eigenmächtige Ernennung zu einem „Apostolischen Botschafter“ – früher hatte er noch den Rang eines „horizontalen Apostels“, der über den „vertikalen Aposteln“ stand, weil er Gott näher war als diese und sie mit seinen geistlichen Offenbarungen anführen durfte – zeugt alles andere als von Demut. Wer wahre apostolische Demut kennenlernen will, wird in diesen Kreisen vergeblich suchen.

Wie wäre es, sich einmal dem 2Korintherbrief zuzuwenden. Dort finden wir viele Hinweise über falsche Apostel und betrügerische Arbeiter und deren Auftreten unter den Korinthern. Vieles erinnert an die modernen Apostel und Propheten unserer Tage. Aber vertieft man sich in die Aussagen des Apostels Paulus über sich selbst, wird schnell sehr deutlich, wie einfach und demütig dieser wahre Apostel Gottes war. Erst kürzlich hat der Charismatiker J. Lee Grady, Chefredakteur des US-amerikanischen Magazins CHARISMA, wieder einmal scharfe Kritik an seiner eigenen Bewegung geübt. Anlässlich des Reformationstages im Oktober schrieb er einen Artikel mit dem Titel Es ist höchste Zeit, die charismatische Bewegung zu reformieren – Zum Gedenken an den Reformationstag, hier einige Vorwürfe, die ich an die Wittenberger Türe nagle. Grady schreibt:

„Mir ist zunehmend bewusst geworden, dass die sogenannte ‚geisterfüllte‘ [=charismatische] Gemeinde von heute vielfach die gleichen Probleme hat wie die katholische Kirche im 16. Jahrhundert. Wir haben keine ‚Ablässe‘ – wir haben Spendenmarathone. Wir haben keine Päpste – wir haben Super-Apostel. Wir haben keine unantastbaren Priester – wir werfen Star-Evangelisten, die Flotten von Privatjets besitzen, unser Geld zu Füssen.

Zum Gedenken an den Reformationstag tue ich meine eigene Liste notwendiger Reformen unserer Bewegung kund. Und da ich sie nicht an die Türe zu Wittenberg nageln kann, veröffentliche ich sie online. Fühle dich frei, sie überall anzuschlagen.

1. Lasst uns unsere Theologie reformieren. Der Heilige Geist ist die dritte Person der göttlichen Dreieinigkeit. Er ist Gott und Er ist heilig. Er ist nicht ein ‚es‘. Er ist nicht etwas Fiktives, eine Kraft oder eine intuitive Macht. Wir müssen aufhören, Ihn zu manipulieren, Ihm Befehle zu erteilen und Ihn umherzuwerfen.

2. Lasst uns zur Bibel zurückkehren. Das Wort Gottes ist die Grundlage der christlichen Erfahrung. Jede dramatische Erfahrung, ganz gleich wie geistlich sie erscheinen mag, muss am Wort Gottes durch das vom Heiligen Geist gewirkte Unterscheidungsvermögen geprüft werden. Visionen, Träume, Prophetien und Begegnungen mit Engeln müssen mit der Schrift vereinbar sein. Wenn wir diese Dinge nicht prüfen, enden wir in einer ausufernden Verführung.

3. Es wird Zeit für persönliche Verantwortlichkeit. Wir Charismatiker müssen aufhören, den Dämonen alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Menschen selbst sind normalerweise das Problem.

4. Hört auf, Spiele zu spielen. Geistliche Kampfführung ist eine Realität, aber wir werden die Welt nicht für Jesus gewinnen, indem wir einfach dämonische Herrschaften und Gewalten anbrüllen. Wir müssen beten, predigen und ausharren, damit wir letztlich Sieg haben werden.

5. Beendet alle Torheit. Leute, die für andere Leute beten und sie schlagen, ihnen einen Schubs geben oder sie niederdrücken, sollte man bitten, sich hinzusetzen, bis sie gelernt haben, dass Sanftmut eine Frucht des Heiligen Geistes ist.

6. Hört mit aller geistlichen Erpressung sofort auf. Christliche Fernsehdienste müssen mit all ihren manipulativen Taktiken bei ihren Spendenaufrufen aufhören und sich davon distanzieren. Wir müssen aufhören, Predigern eine Plattform zu bieten, die haarsträubende Versprechungen für übernatürlichen Geldsegen nach der Gabe von Spenden machen, insbesondere wenn diese die Schrift verdrehen, wenn Fristen gesetzt werden und die Armen ausgebeutet werden.

7. Duldet nicht länger Einzelgänger. Diejenigen, die von sich behaupten, Diener Gottes zu sein – ob es sich nun um Reiseevangelisten, Pastoren vor Ort oder Leiter von christlichen Werken handelt -, müssen anderen Leitern verantwortlich sein. Alle, die sich weigern, ihr Leben einer göttlichen Disziplin zu unterwerfen, müssen korrigiert werden.

8. Stellt die Fieslinge an den Banner. Gemeinden sollten sich nach Predigern im Reisedienst erkundigen. Prediger, die Straftaten vertuscht oder über vergangene Ehen gelogen haben, indem sie die Frauen ausnehmen oder den Unterhalt für ihre Kinder nicht bezahlen, sollten als Scharlatane entlarvt und gemieden werden, sofern sie nicht Buße tun.

9. Hört auf, die Salbung zu imitieren. Gott ist Gott, und Er braucht unsere Hilfe nicht, damit Er sich manifestieren kann. Das bedeutet, wir bestäuben uns nicht mit Goldstaub, um andere glauben zu machen, Gottes Herrlichkeit sei mit uns; wir verstecken keine nachgemachten Juwelen auf dem Boden, um zu beweisen, dass wir gesalbt sind, und wir holen keine Hühnerfedern aus unseren Westen, um vorzugeben, Engel seien in unserer Mitte. Damit lügen wir den Heiligen Geist an.

10. Lasst uns zur Reinheit umkehren. Wir hatten genug Skandale. Die charismatische Bewegung muss ein System entwickeln, wie gefallene Verkündiger wiederhergestellt werden. Diejenigen, die moralisch fallen, können Wiederherstellung erfahren, aber sie müssen bereit sein, sich einem Heilungsprozess zu unterziehen, statt dass sie umgehend auf die Kanzel zurückkehren.

11. Wir brauchen Demut. Prediger, die wie Stars behandelt werden wollen und enorme Gehälter fordern, die auf Titel bestehen oder sich als abgehoben über alle anderen darstellen, machen sich des geistlichen Hochmuts schuldig.

12. Keine ‚großen Tiere‘ mehr. Apostel sind Sklaven Christi und sollten die unanfechtbarsten Vorbilder in Demut sein. Wahre Apostel üben weder Macht von oben nach unten aus, noch stellen sie sich als hierarchische Autorität an die Spitze der Gemeinde. Sie dienen der Gemeinde von unten nach oben als wahre Diener.

13. Fördere niemals Charismen (Geistesgaben) auf Kosten des Charakters. Diejenigen, die den Dienst der Prophetie, Heilung und Wunderwirkungen ausüben, müssen auch die Frucht des Geistes erkennen lassen. Und während wir die Gabe des Zungenredens befürworten, so lasst uns aus dieser Gabe nicht etwas machen, das man wie eine höhere Auszeichnung vor sich herträgt. Die Welt muss unsere Liebe erkennen, nicht unsere Zungenrede.

14. Propheten müssen Rechenschaft ablegen. Diejenigen, die sich weigern, die Verantwortung für falsche Aussagen zu übernehmen, sollte man nicht mehr reden lassen. Und ‚Propheten‘, die einen unmoralischen Lebensstil führen, verdienen es nicht, dass sie eine Stimme in der Öffentlichkeit haben.“

J. Lee Grady, It’s (Past) Time for a Charismatic Reformation. 26. Oktober 2011.

Obgleich Peter Wagner als auch Chuck Pierce (soweit bis heute bekannt) keine größeren moralischen Verfehlungen vorzuwerfen sind, so treffen doch zumindest eine Reihe von Vorwürfen, die J. Lee Grady an seine eigene Bewegung richtet, auf Wagner und Pierce zu. Die dominionistische Theologie Wagners über den Dienst der Apostel und Propheten sowie seine Vorstellungen über das Reich Gottes, das in allen Gesellschaftsbereichen dieser Welt errichten werden soll, werden selbst von vielen Charismatikern und Pfingstlern nicht geteilt. Die Lehre der geistlichen Kampfführung (siehe hier) und des Befreiungsdienstes (siehe hier) sind unbiblisch und in vielen Punkten sogar durch und durch heidnisch.

Der Inhalt der neuen apostolischen Weinschläuche ist auch in anderer Hinsicht äußerst fragwürdig. Der Autor stimmt J. Lee Grady zu, wenn er die „großen Tiere“ ablehnt, die an der Spitze von Organisationen wie Stars verehrt werden und von oben herab ihre Anhänger dirigieren. Jesus sagte seinen Jüngern, niemand solle sich Meister nennen lassen – in jener Zeit gab es noch keine „horizontalen Apostel“, die in den Rang eines „Apostolischen Botschafters“ aufsteigen konnten. Vielmehr lebten und wirkten in der Urgemeinde die wahren Apostel als demütige Jünger, die sich wie Petrus in 1Petrus 5,1 diensteifrig als „Mit-Älteste“ einer Gemeinde und „Diener aller“ sahen und nicht als die übergroßen Apostel, wie es bei den falschen Aposteln unter den Korinthern der Fall war.

Und schließlich, wer die überzogenen Prophetien von Peter Wagner und Chuck Pierce nur oberflächlich studiert, wird schnell merken, dass viele Prophetien entweder nie eintraten oder einfach so allgemein gehalten wurden, dass man alles in sie hineininterpretieren kann. Peter Wagner prophezeite beispielsweise im Jahre 1993 in seinem Buch Breaking Strongholds in Your City, in welchen er die Methode der territorialen Kampfführung gegen die Mächte der Finsternis über Japan anpreist: „10 Millionen Japaner werden bis zum Jahr 2000 zu Christus kommen“ (1993, S.25). Heute, fast 20 Jahre nach dieser Prophetie, wissen wir, dass die Zahl aller japanischen Christen noch immer gerade einmal ca. 1% der Bevölkerung (also ca. 1 Million) ausmacht – die Zahl der Evangelikalen ist demgemäß noch weit geringer.

Es würde den Umfang dieses Artikels sprengen, auf die vielen falschen Voraussagen der modernen „Propheten“ einzugehen. Ausdrücklich weist sowohl das Alte als auch das Neue Testament darauf hin, dass prophetische Worte geprüft werden müssen (5Mo 13,1-6; 1Kor 14,29; 1Thes 5,20-21; 1Joh 4,1). Sowohl die nationale Erweckung in Deutschland, die mehrfach prophezeit wurde, als auch die globale Megaerweckung ist bislang ausgeblieben. In dem Buch Der Angriff auf die Wahrheit ist eine Chronologie von Falschprophetien von 1986 – 2008 aufgeführt, darunter finden sich viele Propheten der NAR wie Cindy Jacobs, Dutch Sheets und Paul Cain (siehe S. 429 – 444, kostenloser Download: hier). Alle Prophetien mit einem konkreten Datum haben sich seither als falsch erwiesen.

Trotz Hunderter falscher Prophetien halten die meisten Charismatiker ihren „Propheten“ die Treue. Mancher Anhänger der prophetischen Strömung wie beispielsweise der Charismatiker Andrew Strom haben mittlerweile der Bewegung den Rücken zugekehrt und prangern offen deren Missstände an – Falschprophetien, extravagantes Auftreten, moralische Verfehlungen und Manipulation. Die charismatische Bewegung hat mit ihren Prophetenschulen und Seminaren den Eindruck vermittelt, als wäre Prophetie erlernbar. Ferner wurde der Mensch in das Zentrum des prophetischen Dienstes gerückt. Kennzeichnend für die meisten persönlichen prophetischen Worte sind die außergewöhnlichen Segnungen oder Berufungen der Empfänger solcher Prophetien. Mittlerweile hat die charismatische Bewegung fast alles mit einem prophetischen Etikett versehen: prophetisches Gebet, prophetische Evangelisation, prophetischer Tanz, prophetischer Lobpreis, prophetische Seelsorge usw. Nicht wenige Charismatiker sind einer regelrechten Prophetiesucht verfallen. Die prophetische Praxis, wie sie sich heute größtenteils darstellt, ist als unbiblisch abzulehnen.

Viele Propheten werden auch morgen aufstehen und vage, nebulöse Prophetien abgeben, die auf jede beliebige Weise interpretiert werden können. Viele der Propheten werden ihre Prophetien, die sich nicht erfüllt haben, mit fadenscheinigen Argumenten wegerklären, was von ihren leichtgläubigen Anhängern problemlos akzeptiert werden wird.

Jesus hatte recht, als er seinen Jüngern und damit uns über das nahende Ende und seine Wiederkunft sagte: »Und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen“ (Mt 24,11; siehe auch V. 4, 5, 24!).

Letztlich soll an dieser Stelle neben dem falschprophetischen Geist noch auf den unbiblischen Charakter des Dominionismus hingewiesen werden. Der Dominionismus sieht vor, dass das Reich Gottes hier auf Erden in allen gesellschaftlichen Bereichen aufgerichtet wird. In seiner Extremform wird die Errichtung des Gottesreiches auf Erden sogar zur Voraussetzung für die Wiederkunft Christi. Mit anderen Worten, Christus kann nicht eher wiederkommen, bis die vollmächtigen Apostel und Propheten im Zuge einer globalen Erweckung die Welt „christianisiert“ haben.

Sandy Simpson führt eine Reihe von Gründen an, warum die Lehre des Dominionismus abzulehnen ist:

Grund 1: Es ist kein universelles „Königreich Gottes“ auf Erden vonnöten

Folgt man der Logik der dominionistischen Lehren, dann führt die Christianisierung der Welt zu dem Wunder eines planetarischen Heils. Dies würde aus Sicht des Dominionismus das „Königreich des Friedens und der Gerechtigkeit“ darstellen, wie es im Alten Testament verheißen wurde. Wenn man jedoch den gefallenen Zustand des menschlichen Herzens und Satans Absicht, eine Weltherrschaft zu errichten, berücksichtigt, kann dies am Ende nur in eine universelle Herrschaft des Schreckens durch den Antichristen münden! Das Wort Gottes sagt nichts über einen universellen Gehorsam vor der Wiederkunft Christi, sondern es sagt eine universelle Verderbtheit (der große Abfall) voraus, und alle Nationen werden den satanischen Plänen des „Tieres“ folgen (Offb 13,3-4).

Grund 2: Das Bewusstsein für die Wiederkunft des Herrn geht verloren

Die Betonung auf den irdischen Triumph der Gemeinde und einer langen siegreichen Herrschaft vor der Wiederkunft Christi macht es überflüssig, zu wachen und zu beten, um sich für den Tag der Wiederkunft Christi bereit zu sein. Viele besonnene Christen glauben, dass die Zeichen in dieser Generation auf die Wiederkunft Christi hindeuten und dass die Wiederkunft sich sehr bald ereignen könnte. Wenn dem so ist, dann sollten wir auf der Hut sein vor Lauheit und Verführung, vor der Jesus uns warnte. Die Lehre des Dominionismus verheißt der Gemeinde in der Endzeit Sieg statt Trübsal und Erweckung statt des großen Abfalls.

Grund 3: Die Souveränität Gottes wird geleugnet

Die Lehre des Dominionismus propagiert, dass Jesus NICHT wiederkommen kann, ehe alle seine Feinde durch die Gemeinde unterworfen wurden. Christi Wiederkunft wird sich also nicht zu dem von Gott bestimmten Zeitpunkt ereignen, wie die Schrift es sagt (Apg 1,7). Vielmehr kann sie erst dann stattfinden, wenn die Gemeinde die Voraussetzungen dafür geschaffen hat. Die Welt muss evangelisiert und errettet werden, und die Braut Christi muss in vollkommener Einheit und ohne Flecken und Runzeln sein, ehe Christus wiederkommen kann. Die Bibel jedoch sagt, dass nur sehr wenige bereit sein werden, wenn Jesus kommt und dass die Reinigung der Braut ein Werk des Heiligen Geistes und nicht von christlichen Führern sein wird (Lk 18,8, Mt 7,14).

Grund 4: Religiöse Einheit wird zu einer Bedingung gemacht

Da die Welt gemäß dieser Lehre evangelisiert und rein gemacht werden muss, und da dies nicht durch einzelne Gemeinden erreicht werden kann, ist es notwendig, dass alle christlichen Kirchen und Denominationen (mittlerweile schließt dies die Mormonen ein) sich zusammenfinden müssen, um dieses Werk zu verrichten. Das Ziel der Weltevangelisation mit allen christlichen Gruppen beinhaltet zwangsläufig, dass Lehrunterschiede bedeutungslos werden; somit können Katholiken und Liberale dabei helfen, die Welt zu christianisieren. Die Schrift allerdings warnt davor, mit Ungläubigen und Häretikern zusammenzuarbeiten (2Kor 6,14).

Grund 5: Menschliche Fähigkeiten und Weisheiten sind entscheidend

Statt auf die Weisheit und Kraft des Heiligen Geistes beruft sich die dominionistische Lehre auf die menschliche Entwicklung der sozialen Fähigkeiten, der Erkenntnis, der organisatorischen Fähigkeiten, der Qualitäten als Leiter und Verkündiger und der Fähigkeit, Widersacher zu unterwerfen. Anhänger des Dominionismus werden derzeit ermutigt, sich in allen Bereichen der Welt zu engagieren, um sie von innen her zu verändern. Alles in der Transformations-Bewegung (Transformation Movement) dreht sich um die Vorstellung von Aposteln und Christen, die in alle Bereiche der Arbeitswelt hineinwirken.

Grund 6: Es muss ein strukturiertes Gemeindesystem auf der Grundlage menschlicher Leiter geschaffen werden

Um eine „christliche“ Herrschaft über die Welt zu errichten, muss die Lehre des Dominionismus starr und universell sein, was man nur erreichen kann, wenn alle Anhänger dieser Lehre Gehorsam leisten. Folglich muss ein System einer Leiter- und Jüngerschaft eingeführt werden, welches sicherstellt, dass sich jeder Christ einer Autorität unterstellt, welche ihm Schutz bieten und ihn vor vermeintlichen Irrlehren bewahren soll. Dieses Leiterschafts-Modell finden wir bei der Neuen Apostolischen Reformation (NAR). Aus diesem „globalen Königreich“ werden alle ausgeschlossen, die mit den Lehren des Dominionismus nicht übereinstimmen.

Grund 7: Jesus wird durch die Gemeinde ersetzt

In den Bemühungen, auf Erden das Königreich Gottes zu errichten und geistliche Autorität (dominion) aufzurichten, der sich alle Menschen unterwerfen sollen, ist die Lehre des Dominionismus teilweise so weit gegangen, dass sie den Herrn Jesus Christus durch den Leib Christi ersetzt. Sowohl die vollmächtigen Eigenschaften als auch die Autorität Jesu Christi werden auf den sichtbaren Leib Christi auf Erden übertragen. Sogar Christi Funktion als Haupt und Herrscher, Hirte und König wird von den Aposteln für ihren eigenen Dienst beansprucht. Damit wird der GEMEINDE die Verantwortung übertragen, das Böse zu vertilgen und das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Gehorsam Gott gegenüber wird auf diese Weise durch den Gehorsam gegenüber einer Gemeinde oder eines Leiters (Apostel und Propheten) ersetzt.

Grund 8: Die Lehre wird aus ungesunden Quellen gespeist

Die derzeitige Irrlehre der „Geburt des Menschenkindes“ („Man-Child“: die vollmächtige Siegesgemeinde oder Sohnes-Gemeinschaft nach Offb 12,5) und die Rolle einer Elite-Armee von Heiligen (Joels Armee), welche die Welt erobern, wurde von vielen charismatischen Gemeinden unbedacht übernommen. Aus bitterer Erfahrung haben viele Mitglieder dominionistischer Gemeinden erkannt, dass sich hinter der lächelnden Fassade von Kameraderie, liebevollen Umarmungen und Sieges- und Lobgesängen ein Geist der Unterdrückung verbirgt, der jeden, der mit ihm nicht in Übereinstimmung ist, zu unterjochen sucht. Dadurch entsteht ein Imperium, in dem die dominionistischen Leiter von einer selbstsüchtigen Arroganz erfasst werden, die sich nicht mehr als korrekturfähig erweist.

Fazit

Bis Jesus wiederkommt, sind Christen gerufen, das Evangelium zu verkünden (Mk 16,15) und alle Nationen zu Jüngern zu machen (Mt 28,19). Christen sind NICHT dazu berufen, die Regierungen dieser Welt zu übernehmen, die Wirtschaft zu erobern und in allen Bereichen der Gesellschaft ihren Einfluss geltend zu machen, um an Macht zu gewinnen und um diese Welt in ein christliches Paradies zu verwandeln.

Daher sollten Christen diese dominionistische Rhetorik über die Errichtung eines Königreiches Gottes auf Erden abweisen.

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