Wurzel und Frucht der „Neuen Apostolischen Reformation“ [NAR] (Bob DeWaay übersetzt von Georg Walter)

Wurzel und Frucht der „Neuen Apostolischen Reformation“ (NAR)
(Quelle: distomos.blogspot.de von Georg Walter)

Bob DeWaay

Bob DeWaay erteilte freundlicherweise die Genehmigung, diesen Artikel ins Deutsche zu übersetzen und einer deutschen Leserschaft zugänglich zu machen. Bob DeWaay ist seit 28 Jahren Pastor der unabhängigen evangelikalen Gemeinde Twin City Fellowship in Minneapolis, Minnesota (USA). Er studierte am North Central Bible College und am Bethel Theological Seminary. Er ist seit 36 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 1992 publizierte Bob DeWaay über 100 Artikel, in welchen er sich kritisch mit Lehren und Strömungen der Charismatik und des Evangelikalismus auseinandersetzt.

Originaltitel: Roots and Fruits of the New Apostolic Reformation

„So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist.“

Epheser 2:19-20

In diesem Artikel geht es um Apostel in der Geschichte der Gemeinde. Ich werde aufzeigen, dass die Neue Apostolische Reformation (NAR) von den Vorstellungen der Spätregen-Bewegung durchzogen ist und dass sich diese unbiblische Bewegung für ihre Anhänger als gefährlich erweist. Zuerst will ich aufzeigen, welche Vorstellungen die frühe Gemeinde über Apostel hatte. Dann werden wir die Lehre der katholischen Kirche über apostolische Autorität betrachten. Und schließlich untersuchen wir die Auffassungen der Mystiker des 17. Jahrhunderts, die in der Spätregen-Bewegung und heute in der NAR neu aufgelebt sind.

Unter Leitung von C. Peter Wagner fand im Jahre 1996 eine Konferenz am Fuller Seminar (USA) statt. Wagner gab der Bewegung, die er bis dahin als „post-denominationel“ (die Zeit nach den Denominationen) bezeichnete, erstmalig den neuen Namen Neue Apostolische Reformation (NAR).1 Neben Wagner wirkte auch ein anderer bekannter Leiter in dieser Bewegung, Bill Hamon, der von Wagner breite Unterstützung erfuhr. Wie wir sehen werden, ist Hamon von großer Bedeutung, weil sein Dienst bis in die 1950er Jahre zurückgeht und direkt an die Spätregen-Bewegung anknüpfte.

Was die Urgemeinde unter Apostel verstand

Im Jahre 97 nach Christus schrieb Klemens von Rom einen Brief an die Korinther. Dieser Brief weist eindeutig darauf hin, dass die frühe Gemeinde nicht glaubte, dass die ersten Apostel Nachfolger hatten oder dass künftig Apostel wichtig waren, um die Gemeinden zu führen. In dem Brief ging es darum, dass einzelne Personen in Korinth die Autorität einiger Ältester, die zum Dienst eingesetzt waren, in Frage stellten. Klemens schrieb ihnen, um sie zu korrigieren. Das Zeugnis des Klemens ist bedeutungsvoll, da es sich wahrscheinlich um den Klemens handelt, der in Philipper 4:3 erwähnt und von Paulus als Mitarbeiter bezeichnet wird. Klemens nimmt Bezug auf die Apostel, wenn er schreibt:

„Die Apostel haben uns durch Jesus Christus das Evangelium verkündigt; Jesus Christus war hierzu von Gott gesandt. Christus war demnach von Gott gesandt, und die Apostel waren von Christus gesandt. Beide Berufungen waren in der Ordnung und in dem Willen Gottes. Nachdem die Apostel ihre Berufung empfangen und durch die Auferstehung Christi volle Gewissheit erlangt hatten und im Wort Gottes gegründet waren, zogen sie voller Gewissheit des Heiligen Geistes los und verkündigten, dass das Reich Gottes nahe ist. Als sie in den Städten und auf dem Land predigten, ernannten sie die Erstlingsfrucht ihres Dienstes zu Ältesten und Diakonen, nachdem diese zunächst durch den Geist als bewährt erfunden wurden, um jenen zu dienen, die noch zum Glauben kommen sollten.“2

Obwohl die katholische Kirche behauptet, dass Klemens selbst ein Apostel Christi in der Nachfolge des Petrus gewesen war, beanspruchte Klemens weder selbst, solch ein Apostel zu sein, noch erkannte er abgesehen von den wahren Aposteln weitere Personen als Apostel an; für ihn galten die ersten Apostel als wahre Apostel, weil sie von Christus selbst berufen worden waren. Aus den Schriften von Klemens können wir ersehen, wie die Apostel Älteste oder Vorsteher (eine identische Gruppe) ernannten, um Autorität in der lokalen Ortsgemeinde auszuüben. Der Apostel Paulus hatte darüber gelehrt, welche Qualifikationen und Aufgaben die Ältesten haben (Apg.20:28-31, Tit.1:5-9, 1.Tim.3:1-7), und er trug Vorsorge dafür, dass sie in ihren Ämtern Bestand hatten (2.Tim.2:2). Klemens erläutert dies näher:

„Unsere Apostel wussten auch durch unseren Herrn Jesus Christus, dass es Auseinander-setzungen um das Amt der Ältesten geben werde. Aus diesem Grund und weil sie vollkommenes Wissen darüber erlangt hatten, setzten sie jene bereits erwähnten Diener ein und belehrten sie alsdann, dass andere bewährte Männer ihrem Dienst folgen sollten, wenn ihre Vorgänger entschlafen würden. Daher sind wir der Meinung, dass es nicht recht ist, die von den Aposteln eingesetzten Männer oder andere bewährte Männer, die ihnen folgten und von der gesamten Gemeinde bestätigt wurden, ihres Dienstes zu entheben, wenn sie der Herde Christi tadellos und in Demut, Frieden und einem selbstlosen Geist gedient und für lange Zeit ein gutes Urteil aller empfangen haben. Denn unsere Schuld wird nicht gering sein, wenn wir jene aus dem Amt entfernen, die als Älteste ihre Pflichten tadellos und heilig erfüllten. Glückselig sind jene Älteste, die ihren Lauf bereits vollendet haben und von dieser Welt heimgegangen sind und viel Frucht und Vollkommenheit erworben haben, denn sie müssen nicht fürchten, dass ihnen jemand ihren gebührenden Platz, der ihnen jetzt bestimmt ist, streitig macht.“3

Klemens berief sich nicht auf eine apostolische Autorität, um in dieser Angelegenheit zu intervenieren, sondern er verwies vielmehr auf die Ältesten, die nach den Maßstäben der biblischen Apostel eingesetzt worden waren. Es ist bemerkenswert, dass er die Begriffe „Ältester“ und „Bischof“ für den gleichen Personenkreis gleichrangig verwendete. Bald würde die (frühkatholische) Kirche Bischöfe über Städte ernennen – eine Neuerung, die von den biblischen Aposteln nie befürwortet worden wäre. Klemens hingegen, der ein Gefährte des Paulus gewesen war, benutzte die Worte episkopos (Bischof) und presbyteros (Presbyter, Ältester), um die gleiche Gruppe von Personen zu beschreiben. Genau dies tat Paulus, als er in Apg. 20:77,28 die Ältesten (presbyteros) zusammenrief und sie auch als Aufseher/Bischof (episkopos) bezeichnete.

Im Jahre 97 nach Christus hatten nicht Apostel und Propheten die Leitungsautorität in den Gemeinden, sondern die Ältesten, die von den Aposteln nach deren Anforderungen eingesetzt worden waren. Jene, die behaupten, Gott wolle die Gemeinde dauerhaft durch die Autorität von Aposteln leiten, deren Offenbarungen für die Gemeinden bindend sind, ignorieren die Tatsache, dass die Apostel selbst zu keiner Zeit wollten, dass sie Nachfolger haben und dass sie auch an keiner Stelle lehrten, derartige Nachfolger müssten bestimmte Qualifikationen aufweisen. Dagegen führten sie jedoch die Qualifikationen von Ältesten an, die für zukünftige Generationen gelten sollten. Es ist traurig, dass weltweit ein Boom von Aposteln zu verzeichnen ist, obwohl nirgends in der Schrift Hinweise für die Voraussetzungen eines apostolischen Dienstes zu finden sind. Wahre Apostel mussten den auferstandenen Herrn gesehen haben und direkt von Ihm eingesetzt worden sein – Voraussetzungen, welche von den Aposteln der NAR entweder ignoriert oder verworfen werden. Viele, die das Amt des Apostels für sich beanspruchen, weisen noch nicht einmal die notwendigen Merkmale auf, die sie als Älteste einer Ortsgemeinde qualifizieren.

Die Apostel der katholischen Kirche

Im Laufe der Kirchengeschichte trat die Vorstellung von Autorität in der Gemeinde, wie sie von Klemens von Rom vertreten wurde, sehr schnell in den Hintergrund zugunsten von Bischöfen, die über ganze Städte eingesetzt wurden. Bald entwickelte sich daraus die neue unbiblische Lehre der Vorrangstellung des Bischofs von Rom, was schließlich im Papsttum mündete. Es ist eine erstaunliche Ironie der Kirchengeschichte, dass die katholische Kirche später behauptete, Klemens von Rom sei ein Apostel und der Nachfolger Petri gewesen. Diese irreführende Meinung übergeht leichtfertig die Unterweisungen des Klemens, der derartiges nie gelehrt hatte. Diese Neuerung in der katholischen Kirche machte den Status biblischer Apostel als Grundlage der Gemeinde4 ungültig und führte die Sukzession von Aposteln (die Vollmacht des Bischofs/Papstes aufgrund der historischen Rückbindung an den Apostel Petrus) ein, die sich das Recht herausnahmen, neue Offenbarungen zu empfangen, die für die Kirche bindend waren. Im Folgenden eine Erklärung der katholischen Position:

„Wir lehren und erklären, dass es ein von Gott offenbartes Dogma ist, dass der römische Pontifex, wenn er ex cathedra spricht, d.h., wenn er das Amt des Hirten und Heilers aller Christen kraft seiner höchsten apostolischen Autorität ausübt, in Fragen des Glaubens und der Moral der universellen Kirche spricht durch den göttlichen Beistand, der ihm vom glückseligen Petrus verheißen ist, die Unfehlbarkeit innehat, wie der göttliche Erlöser es für seine Kirche bestimmt hat, um über Glaube und Moral zu lehren, und aus diesem Grunde sind die Lehren des römischen Pontifex in sich selbst unveränderbar ohne die Zustimmung der Kirche.“5 (Katholische Enzyklopädie)

Es erscheint geradezu ironisch, wenn C. Peter Wagner behauptet, wir bräuchten die Wiederherstellung des apostolischen Amtes, wenn es schon vor über 1000 Jahren Personen gab, die dieses Amt für sich beanspruchten. Wagner räumt ein:

„In gewissen Teilen der Kirche wird das Amt des Apostels tatsächlich seit zwei Jahrtausenden anerkannt. Dazu gehört die katholische Kirche, die anglikanische und episkopale Kirche, und viele weitere Denominationen haben sogar das Wort ‚apostolisch‘ in den Namen ihrer Denomination eingefügt. Dennoch gilt für die apostolischen wie prophetischen Bewegungen, dass ihre lehrmäßige Betonung keinen Einfluss auf den Hauptstrom von Gemeinden hatten, die ich als lebendig und evangelikal bezeichne, und welche derzeit zur Verbreitung des Christentums beitragen. Diese Entwicklung begann erstmals in den 1990er Jahren.“6

Im Gegensatz zu Luther und den anderen Reformatoren erkennt Wagner in der Lehre der katholischen Kirche bezüglich der Apostel kein unbiblisches Dogma; im Gegenteil, er sieht die katholische Kirche als positives Vorbild für die Evangelikalen. Seine neue „Reformation“ hat angeblich viele Tausende von Aposteln und Propheten hervorgebracht. Rom hat zumindest einem solchen apostolischen Boom Einhalt geboten, indem die katholische Kirche nur über jeweils einen Apostel verfügt (den Papst), der nur gelegentlich ex cathedra spricht. Die modernen Apostel Wagners verlautbaren ständig ihre neuen Offenbarungen von Gott.

Die Reformation lehrte „die Schrift allein“

Die Reformation verwarf aus berechtigten Gründen die Autorität des Papstamtes und der kirchlichen Traditionen (Beschlüsse der katholischen Konzilien) und kehrte zur „Schrift allein“ zurück. Damit war die Gemeinde wieder zu ihrem wahren Fundament umgekehrt, zu den biblischen Aposteln und Propheten, welche durch die Schrift zu uns sprechen. Dies bedeutete, dass die Beschlüsse von Menschen in der Kirchengeschichte nicht länger für die Gläubigen bindend waren, es sei denn, diese Beschlüsse wurden aus der Schrift abgeleitet oder legitimiert. Dies zeigt uns einen wichtigen Punkt auf: Gott bindet uns lediglich an das, was unfehlbar und irrtumslos ist.7 Worte von Menschen, die sowohl eine Mischung aus Wahrheit und Unwahrheit enthalten, als auch Irrtümer und einen Mangel an Inspiration, wie die Schrift sie innehat, sind für Menschen nicht bindend. Diese Wahrheit war der entscheidende Punkt der Reformation. Päpstliche Worte haben niemals die gleiche Autorität wie die Schrift; das Gleiche gilt für die modernen Apostel und Propheten.

Die Mystikerin Jane Leade (1623-1704) und ihre Prophetie einer kommenden Elite-Gemeinde

Ein Problem, mit dem die Reformatoren des 17. Jahrhunderts zu kämpfen hatten, waren die „Enthusiasten“, die direkte Offenbarungen von Gott für sich beanspruchten. Die Reformatoren verurteilten solche Personen oder Bewegungen durchweg, was diese jedoch nicht daran hinderte, Anhänger um sich zu scharen. Eine dieser Personen, die ein Jahrhundert nach dem Beginn der Reformation in Erscheinung trat, war die englische Mystikerin Jane Leade. Ihre Schriften finden sich auf Internetseiten von Aposteln und Propheten wieder, die der NAR angehören oder mit ihr sympathisieren. Leade vertrat die Theorie, dass die sieben Gemeinden in der Offenbarungen für sieben Gemeindezeitalter stehen. Noch heute gibt es Personen, die dieser Lehre anhängen. Das Problem ist, dass nichts in der Offenbarung darauf hindeutet, dass Johannes dies so verstanden wissen wollte. Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Leser statt der vom Geist inspirierte Schreiber bestimmt, was die Bibel zu bedeuten hat.

Leade war besonders an der Gemeinde zu Philadelphia interessiert, weil Christus an ihr keinen Mangel fand. Sie gehörte einer Bewegung an, die sich ,,Philadelphian Society“ (Philadelphische Gesellschaft) nannte und ihren Namen von der Gemeinde in der Offenbarung ableitete. Im Jahre 1679 veröffentlichten die „Philadelphian Society“ und die Theosophen ein Dokument mit einer 60 Punkte umfassenden Prophetie von Jane Leade (das Dokument trägt ihren Namen).8 Dieses Dokument enthält Lehren, welche 1948 in der Spätregen-Bewegung wieder auftauchten und die, wie wir sehen werden, noch immer von den führenden Aposteln der NAR propagiert werden.

Der erste Teil ihrer Prophetie handelt von versiegelten Geheimnissen, welche nur jenen „Suchenden, die würdig waren,“ enthüllt werden sollten. Sie behauptete, dass es eine Bundeslade im Himmel gäbe, welche neue Offenbarungen enthalte, die im Laufe der Kirchengeschichte offenbar werden würden. Sie schrieb unter Punkt 8: „Die Gegenwart dieser göttlichen Bundeslade wird die Philadelphische Gemeinde begründen, und wo immer diese sich befindet, muss auch notwendigerweise die Bundeslade sein.“ Auf diese Weise entstand die „Philadelphische Gesellschaft“, welche eine Schrift unter dem Titel „Theosophische Transaktionen“ (Theosophical Transactions) herausgab.9 Sie prophezeite ferner eine elitäre Gemeinde, die alles Dagewesene übersteigen würde. Tatsächlich sollte diese Gemeinde eine „Jungfrau“ sein und den „Sohn“ gebären, von dem in Offenbarung 12:5 die Rede ist. Jane Leade schreibt hierzu:

„Eine jungfräuliche Gemeinde aus dem Stamm DAVID, die nicht durch einen Menschen oder durch menschliche Natur hervorgebracht wird, muss noch geboren werden. Und nachdem sie geboren sein wird, wird es eine beträchtliche Zeit dauern, bis sie aus ihrem Dasein der Unmündigkeit hervortritt und zur vollen Mannesreife gelangt. Die Geburt dieser jungfräulichen Gemeinde wurde von Johannes als das große Zeichen im Himmel gesehen, die Geburt des Erstgeborenen, der zum Thron GOTTES entrückt wurde. Wie die Jungfrau zuerst im Fleisch den CHRISTUS hervorbrachte, so ist die jungfräuliche Gemeinde in gleicher Weise von Gott dazu bestimmt, ihren ERSTGEBORENEN dem Geiste nach zu gebären, der voll Heiligen Geistes und Kraft sein wird. Die JUNGFRAU, die hierfür bestimmt ist, muss sowohl einen reinen Geist als auch einen VERKLÄRTEN Leib haben, der durch und durch von Heiligem Geist erfüllt ist. Die Gemeinde, die auf diesem Wege hervorgebracht wird und den göttlichen Namen trägt, wird mit WUNDERBAREN GABEN UND KRÄFTEN ausgestattet sein, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Diese universelle und gesalbte Gemeinde muss vollkommen heilig sein, wie CHRISTUS heilig ist, damit sie würdig ist, den Namen Dem Herrn heilig und Der Herr unsere Gerechtigkeit zu tragen. Solange solch eine Gemeinde nicht auf Erden bereitet ist, so heilig, so universell, so gesalbt und ohne Flecken und Runzeln, also geschmückt, um ihrem Bräutigam zu begegnen, wird CHRISTUS selbst nicht herabsteigen, um Hochzeit zu halten und dem Vater die Braut zuzuführen.“

Gemäß dieser Prophetie wird eine vollkommene Gemeinde (später als „Menschensohn mit vielen Gliedern“ [many-membered man-child] bezeichnet)10 die Inkarnation Christi auf Erden darstellen, während Christus selbst im Himmel verweilt; diese Lehre begegnet uns wieder in der Spätregen-Bewegung des 20. Jahrhunderts. Ob diese Bewegung die Gedanken von Jane Leade übernahm oder die gleiche Irrlehre selbst hervorbrachte, kann ich nicht eindeutig sagen. Aber die Lehren sind dieselben. Die Gemeinde muss auf Erden vollkommen werden, damit Christus wiederkommen kann, und dies wird von Wundern begleitet sein, die größer und kraftvoller sein werden als jemals zuvor in der Kirchengeschichte – einschließlich des Pfingstereignisses in der Apostelgeschichte.

Die Spätregen-Bewegung: Elitärer Fünffältiger Dienst

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebrauchte ein Mann namens David Wesley Myland den Ausdruck „Spätregen“, um die Erweckung der Pfingstbewegung (1906) zu bezeichnen. Er allegorisierte (bildhafte Auslegung) Joel 2:23, wo von der Erntezeit in Israel gesprochen wird, um eine kirchliche Geschichtstheorie daraus abzuleiten. In den israelischen landwirtschaftlichen Zyklen gab es den Frühjahrsregen (Frühregen) und den Herbstregen (Spätregen). Myland verwendete diese Ausdrücke und wandte sie auf das Pfingsten in der Apostelgeschichte (Frühregen) und auf das Pfingsten in der Azusa Street 1906 (Spätregen) an. Die Vorstellung dieser frühen Pfingstler war, dass die Gabe der Zungenrede in der Gemeinde wiederhergestellt worden war und dass dies nun in eine größere Kraftausrüstung münden sollte, um die Welt zu evangelisieren. Aber die Pfingstbewegung hatte sehr früh mit Irrlehren zu kämpfen wie etwa mit der unitarischen Lehre, welche die Trinitätslehre verneinte. Die frühen Spätregen-Pfingstler glaubten, dass Gott die apostolische Autorität der Urgemeinde wiederherstellen würde.

Jene, die an der traditionellen evangelikalen Theologie festhalten wollten und gleichzeitig die Zungenrede als Zeichen der Geistestaufe akzeptierten, schlossen sich in pfingstlichen Gruppierungen wie die AOG (Assemblies of God, größte Pfingstdenomination in den USA) zusammen. Die AOG verwarf die Lehren, die mit Mylands Spätregen verbunden waren und folgte der traditionellen prämillenialistischen Endzeitlehre (Lehre eines irdischen Tausendjährigen Reiches) der meisten Evangelikalen.

In den 1930er Jahren begann ein Mann namens William Branham zu predigen und erlebte übernatürliche Manifestationen. George Hawtin und P. G. Hunt hörten Branham in Vancouver predigen und brachten seine Lehren nach North Battleford, Saskatchewan, wo der „Spätregen“ und die Bewegung New Order of the Latter Rain (NOLR) ihren Anfang nahmen. Das entscheidende Buch, das damals Verbreitung fand, hieß Atomic Power with God through Prayer and Fasting (Atomkraft Gottes durch Gebet und Fasten) von Franklin Hall. Ein Schlüsselgedanke, der noch heute vertreten wird, ist, dass Gott beständig große Zeichen und Wunder durch die Gemeinde wirken will, aber nicht kann, weil die Gemeinde nicht heilig genug ist, es nicht wirklich begehrt, vielfältig versagt oder einen Mangel an Glauben hat, um diese Wunder hervorzubringen. Die Spätregen-Bewegung hatte schon immer elitäre Vorstellungen, die jenen von Jane Leade glichen. Sie betrachteten gewöhnliche Gemeinden als miserable Versager, die Gott nicht gebrauchen konnte.

1951 schrieb George Warnock ein Buch, The Feast of Tabernacles (Das Laubhüttenfest), das eine der wichtigsten Lehren der NOLR enthielt. Das Buch ist eine allegorische Auslegung der Feste Israels, und das Laubhüttenfest stand für eine herrliche Endzeitgemeinde, die vor der Wiederkunft Christi entstehen würde. Das ganze Buch kann im Internet nachgelesen werden, da es von einigen Vertretern der Spätregen-Bewegung ins Netz gestellt wurde. George Warnock führt eine Schlüssellehre an, welche sowohl die Spätregen-Bewegung als auch die NAR bestimmt: „Wie dankbar sind wir, dass Gott ein Muster der Vollkommenheit offenbart hat. Die Gaben und die Dienste im Leib Christi dienen der Vervollkommnung der Heiligen, und, wie wir gelesen haben, sie werden in der Gemeinde Bestand haben, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife!“ Die Ämter, die nach der Himmelfahrt Christi gegeben wurden (ascension gifts), sind ein Hinweis auf den fünffältigen Dienst von Epheser 4:11. Es wird gelehrt, dass Christus erst wiederkommen kann, wenn die Gemeinde durch die Wiederherstellung des apostolischen und prophetischen Dienstes Vollkommenheit erlangt hat.

Ebenso wie Myland allegorisierte Warnock die Regenperioden Israels, um daraus Gemeindezeitalter zu machen:

„Joels Prophetie spricht also von Pfingsten – aber es gibt mehr, nämlich die Fülle von Pfingsten, und das ist das Laubhüttenfest. Gott gab den Frühregen sparsam – das Zeitalter vom Pfingsten der Urgemeinde bis heute. Aber da gibt es etwas sehr Ungewöhnliches. Genau in diesem ‚ersten Monat‘ des landwirtschaftlichen Jahres hat Gott etwas sehr Außergewöhnliches verheißen, denn er würde nicht nur den Erstregen geben, der in diesem Monat fällt, sondern er würde den Frühregen und den Spätregen zusammen geben!“11

Daraus folgerte er, dass der Spätregen von einer weit größeren Kraft und Herrlichkeit gekennzeichnet sein würde als das Pfingsten der Apostelgeschichte. Damit legte Warnock das Fundament für die außergewöhnlichen Erwartungen der modernen Apostel und Propheten. Es ist durchaus zutreffend, wenn man sagt, dass es keine noch so grandiosen Erwartungen gibt, welche die Propheten des Spätregens nicht erfüllen könnten. Dies wird deutlich, wenn man die Schriften einer ihrer führenden Leiter betrachtet.

Warnock behauptete auch – ähnlich wie Jane Leade -, dass Jesus solange im Himmel verweilt, bis die Gemeinde einen elitären Status erreicht hat, wie sie ihn zuvor in der Kirchengeschichte – einschließlich den Zeiten der Urgemeinde – noch nie erlangt hatte:

„Oh, welche Tiefe dieser Worte! Und noch mehr, Christus wird zur Rechten Gottes bleiben, bis eine Schar von Überwindern kommen wird, die Gottes Feinde besiegen werden… Und dennoch warten die meisten Gläubigen auf eine unmittelbar bevorstehende Entrückung, in welcher Christus eine armselige, besiegte und von Krankheit gezeichnete Gemeinde zu sich holen wird.“

Klar wird, dass gewöhnliche Christen in diesem elitären Denken „armselig, besiegt und voller Krankheit“ sind. Angeblich erweisen wir uns als unwürdig und können uns bei Christi Wiederkunft nicht mit Ihm in der Luft vereinen. Dies klingt sehr nach Jane Leades Philadelphischer Gesellschaft. Statt nach Christi Wiederkunft als der „seligen Hoffnung“ Ausschau zu halten, trachten die elitären Christen von Leade über Warnock bis zur NAR danach, die neue „Inkarnation“ Christi zu werden, während Christus noch „im Himmel verweilt.“ Die Hoffnung der Gemeinde ist damit ironischerweise die Gemeinde selbst geworden.

Eine der extremsten Irrlehren der NOLR wurde unter dem Namen „geoffenbarte Söhne Gottes“ (manifested sons of God) bekannt: diese Lehre besagte, dass eine gewisse Elite von Christen die Verheißung der Unsterblichkeit (wie sie in Römer 8:19 angekündigt wird) schon jetzt vor der Wiederkunft Christi erlangen würde. Warnock lehrte, dass alle Feinde – und er schloss den Tod als den „letzten Feind“ ein – erst durch die Gemeinde besiegt werden müssen, ehe Christus wiederkommen könne: „Gott sagt, dass Christus solange an jenem Ort bleibt, wo er jetzt ist, bis alle seine Feinde seinen Füßen unterworfen sind. Und zu seinen Feinden gehört der ‚letzte Feind’, der Tod. Es muss eine Gruppe von Überwindern aufstehen, welche alle widerstrebenden Mächte dieser Welt, das Fleisch und den Teufel besiegen und absolut unterwerfen muss, bevor dieses Zeitalter zu Ende geht.“12 Die Spätregen-Bewegung verwendet den Ausdruck „die Überwinder“ für die elitären Christen, die sich von dem Rest der gewöhnlichen Christen unterscheiden. Tatsächlich bezieht sich der folgende Vers aber auf alle Christen: „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube“(1.Joh.5:4).

Es ist geradezu ironisch für die Spätregen-Bewegung (NOLR) und die NAR (Letztere ist lediglich die Neuauflage der Ersteren, wie ich zeigen werde), dass sie ein Szenario der „Wiederherstellung“ vertreten, das davon ausgeht, dass Gott angeblich Wahrheiten allmählich wiederherstellt, die im Laufe der Kirchengeschichte verloren gingen und nun mit dieser Reformation eine Wiederherstellung erfahren sollen. Indes verwerfen die Lehrer der NOLR und der NAR ständig grundlegende Wahrheiten der Reformation und widersprechen sich selbst. Sie beanspruchen reformatorische Wahrheiten für sich und verwerfen gleichzeitig grundlegende Lehren der Reformatoren. Die Reformation lehrt beispielsweise das allgemeine Priestertum, während George Warnock und die NOLR eine elitäre „Melchisedek“-Priesterschaft propagierte, die nur für einige Christen Gültigkeit hat: „Die Melchisedek-Priesterschaft ist ein Priestertum des Lebens und der endlosen Herrlichkeit. Es ist eine Priesterschaft der ewigen Gemeinschaft und Teilhaberschaft Christi, im Gegensatz zum aaronitischen Priestertum, das die Gegenwart Gottes nur zu bestimmten Zeiten, einmal im Jahr, erfuhr… In der Fülle dieser neuen Priesterschaft werden wir vollkommen verherrlicht wie Christus. Aber ebenso wie Christus seinen Priesterdienst auf Erden mit Fürbitte für seine Brüder begann, so lasst uns jetzt das herrliche Erbe im Geist, das Reich Gottes in uns, in Besitz nehmen.“

Diese Verheißung, so Warnock, gilt nur den Heiligen der letzten Tage, welche diese Stellung erreicht haben; sie werden während der großen Trübsal wirken und diese verkürzen. Die Heiligen vergangener Zeiten konnten zu keinem Zeitpunkt eine solche Stellung im Reich Gottes erlangen.

Der bereits erwähnte William Branham wurde zu einer Schlüsselfigur der Spätregen-Bewegung und wird noch heute von vielen seiner Anhänger verehrt. Es wurde von ihm berichtet, dass er in tausenden von Fällen detaillierte Informationen über Personen geben konnte, die er gar nicht kannte. Seine Anhänger bezeichneten dies als „Worte der Erkenntnis“ (1.Kor.12) und waren überzeugt, dass er ein großer Prophet Gottes war. Branham behauptete, dass er einen persönlichen Engel hatte, der ihn lehrte und ihm Dinge offenbarte. Er sagte ferner, dass sein Engel ihm mitteilte, dass Branham Elia sei und Branhams Erscheinen die Wiederkunft Christi einleiten würde. Branham beanspruchte ebenfalls für sich, der Engel der Gemeinde von Laodizea zu sein. Er wurde unter einer Pyramide begraben, auf welcher dieser Anspruch zu lesen ist.13 Branham verwarf die Lehre der Trinität. Er demonstrierte eines sehr eindrücklich: Erneuerungsbewegungen wie die Spätregen-Bewegung sind so begierig nach Propheten, die Zeichen und Wunder wirken, dass sie nahezu jeder Irrlehre oder jedem dreisten Anspruch Glauben schenken, solange sie nur von Zeichen und Wundertaten begleitet sind.

Von der Spätregen-Bewegung (NOLR) zur Neuen Apostolischen Reformation (NAR)

Ern Baxter war viele Jahre lang der persönliche Sekretär von William Branham. Als die charismatische Bewegung kurz nach dem Tod Branhams entstand, wurde Baxter zu einer Schlüsselfigur in dieser Bewegung. Schließlich bildete er mit Bob Mumford, Charles Simpson, Derek Prince und Don Basham die „Fünf von Fort Lauderdale“ (The Fort Lauderdale Five), die das Magazin New Vine herausgaben. Sie wurden bekannt durch die kontroverse Hirten-Bewegung (Shepherding Movement). Sie vertraten die Vorstellung, dass Gott in jener Zeit durch bestimmte Personen außerbiblische Offenbarung schenkte und dass gewisse Personen das „Hören auf Gott“ weiter entwickelt hatten als andere; daher organisierten sie eine hierarchische Bewegung, in welcher die Hirten „auf Gott hörten“ und Weisungen empfingen für all jene, die in der Pyramide unter ihnen standen.

Ich selbst gehörte dieser Bewegung in den 1970er Jahren an. Der Grundgedanke war, dass Autorität dadurch zustande kam, dass man „von Gott hörte“. Demgemäß wurde der Mann, der „von Gott hörte,“ zum Leiter aller lokalen Hauskirchen eingesetzt. Ich hatte mich einer dieser Hauskirchen angeschlossen, die unter der Leiterschaft eines Mannes namens Jack Winter standen; er trat mit einer ganzen Fülle an wundersamen Geschichten über göttliche Führung auf, die er immer wieder von sich gab, um die Leute davon zu überzeugen, dass niemand ihm gleich käme, wenn es darum ging, von Gott zu hören. Ihm waren Hirten unterstellt, die wiederum hörten, was Gott für jene wollte, die ihnen unterstanden. Alles was wir taten, unterlag der Aufsicht der Hirten. Dies beinhaltete Entscheidungen wie Heirat oder ganz alltägliche Entscheidungen wie beispielsweise eine Reise. Obwohl unsere Idole auf nationaler Ebene Leute wie Baxter, Mumford und deren Gefolgsmänner waren, brauchten wir niemals über Jack Winter hinauszugehen, um göttliche Beglaubigung für unser Handeln zu erhalten. Wenn es irgendwelche ernsthaften Einwände gab, dann kam Winter in unsere Stadt und predigte über die „Rebellion der Rotte Korahs“, wobei er andeutete, er selbst sei „Moses“ und jeder, der mit ihm nicht einverstanden war, galt als Korah. Ich selbst hörte diese Predigt mehr als einmal.

Die Hirten-Bewegung im Allgemeinen und die Version davon bei uns vor Ort im Besonderen zerfiel in den frühen 1980er Jahren. Die Hirten-Bewegung erwies sich genau wie die Spätregen-Bewegung als diskreditiert. Aber jene, die an das grundlegende Paradigma der Wiederherstellung einer apostolischen Gemeinde mit mehr Kraft als die Urgemeinde in der Apostelgeschichte glaubten, gaben ihre Vorstellungen zu keinem Zeitpunkt auf. Ihrer Meinung nach war es nur eine Frage der Zeit, bis die elitäre Endzeitgemeinde aufstehen und alle Feinde Gottes vernichten würde. Sie begründeten den Niedergang vergangener Bewegungen mit dem Versagen einzelner Leiter; ihre Träume hielten sie hingegen wach.

Die Lehren der Spätregen-Bewegung erreichen die NAR

Bill Hamon wurde 1934 geboren. Er schreibt in seinem Buch Apostels, Prophets and the coming Moves of God (Apostel, Propheten und die kommende Bewegung Gottes), dass er als Teenager in den Dienst gerufen wurde: „Mit achtzehn Jahren erlebte ich die Wiedergeburt unter der Lehre des Restaurationismus (die Anschauung, man müsse die geistliche Vollmacht der Apostelgeschichte wiederherstellen), die besagt, dass es noch heute Apostel und Propheten in der Gemeinde gibt. Ich wurde ordiniert und begann meinen Predigtdienst, als ich neunzehn Jahre alt war.“14 Dies bedeutet, dass er in der Bewegung war, die Wiederherstellung der apostolisch-prophetischen Ämter lehrte. Er begann seinen Dienst kurz nachdem Warnock sein Buch The Feast of Tabernacles (Das Laubhüttenfest) veröffentlicht hatte. Seine Lehren, wie ich zeigen werde, sind nahezu identisch mit den Lehren von Warnock. Auch er allegorisierte Haggai 2:9, um zu beweisen, dass die Gemeinde der Endzeit herrlicher sein werde als die Gemeinde in der Apostelgeschichte.15

Hamon hatte bereits bei der Entstehung der Neuen Apostolischen Reformation (NAR) großen Einfluss auf C. Peter Wagners Bewegung: „Das Nationale Symposium über die Post-denominationelle Gemeinde durch C. Peter Wagner am Fuller Seminar vom 21.-23. Mai 1996 war ein historischer Zeitpunkt in den Annalen der Geschichte Gottes mit seiner Gemeinde. Es wurde prophetisch vom Heiligen Geist inszeniert, um Gottes Plan zu entfalten, seine Gemeinde zur höchsten Bestimmung zu führen… Der Konsens der Teilnehmer bestand darin, dass es noch heute Apostel und Propheten in der Gemeinde gibt und dass es eine entstehende apostolische Bewegung gibt, die die Gemeinde des 21. Jahrhunderts reformieren wird. Die letzte Generation von Christen wird eine apostolische Reformation erleben, die ebenso mächtig sein wird wie die apostolische Bewegung der ersten Christengeneration.“16

Mit Zustimmung von Peter Wagner brachte Hamon die Lehren der Spätregen-Bewegung in die NAR. Wagner empfiehlt Hamons Buch über Apostel und Propheten wärmstens17 und schrieb das Vorwort dazu. Aber Hamons Buch gibt lediglich von neuem fast alle Lehren der diskreditierten Spätregen-Bewegung wieder. Eine der extremen Lehren der NOLR war die Lehre über die „geoffenbarten Söhne Gottes“; Hamon lehrt das Gleiche, indem er eine Bibelübersetzung zitiert, die von dem „Offenbarwerden der Söhne“ spricht:

„Die ganze Schöpfung wartet auf die letzte Generation von Christen. Die Erde und die gesamte Schöpfung wartet auf das Offenbarwerden der Apostel und Propheten Gottes in den letzten Tagen und auf eine vollkommen wiederhergestellte Gemeinde. „Denn die inständige Erwartung der Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“ (Rö.8:19, NKJV). Wenn die Gemeinde vollkommen wiederhergestellt ist, dann werden die Heiligen ihre endgültige Erlösung empfangen, die Unsterblichkeit ihrer vergänglichen Leiber.18

Hamon behauptet, dass sich dies vor der Entrückung ereignen muss, damit die Gemeinde ihre Rolle erfüllen kann. Diese Behauptung zeigt ein weiteres Mal, dass leibliche Unsterblichkeit bereits vor der Wiederkunft Christi erlangt werden soll: „Die Verwandlung während der Auferstehung der Heiligen, welche die Erlösung ihrer sterblichen Leiber in unsterbliche und unvergängliche Leiber mit sich bringt, wird vollzogen, damit Gott seinen größeren Ratschluss für und durch die Gemeinde ausführen kann.“19

Die Irrlehren der Spätregen-Bewegung unter neuem Namen

Die Unterschiede zwischen der Spätregen-Bewegung (NOLR) und der Neuen Apostolischen Reformation (NAR) bestehen lediglich in den verwendeten Begriffen, nicht aber in den Lehren selbst. In den 1980er Jahren wurde ein Begriff auf Konferenzen der prophetischen Bewegung benutzt, der als „neue Generation von Menschen“ (new breed of man) bekannt wurde. Unter diesem Begriff verstand man im Grunde, dass die bisherigen Christen der Kirchengeschichte jämmerlich versagt hatten und dass Gott in bestimmten Personen durch den Heiligen Geist mächtig wirken sollte, um diese zu „befruchten“, damit sie etwas „ganz Neues“ gebären könnten. Die „neue Generation von Menschen“ würde aus besonderen Christen bestehen, die eine Heiligkeit und Macht besitzen werden wie nie zuvor. Ich erinnere mich in jener Zeit an Diskussionen mit Leuten, die dieser Lehre glaubten.
Earl Paulk war ein bedeutender Vertreter dieser Lehre in den 1980er Jahren. Obwohl er später durch eine Reihe von Sexskandalen, die bis heute in den Schlagzeilen der Nachrichten auftauchen,20 an Respekt verlor, äußerte sich Paulk immer wieder zu den elitären Vorstellungen der Bewegung:

„’Erstlingsfrüchte’ bedeuten, dass viele andere folgen werden, die Jesus gleich sind. Jesus war die Erstlingsfrucht von Gottes Fleischwerdung, ein Mensch, der im vollkommenen Willen Gottes lebte. Heute sagt er: ,Ich will Leben in die Gemeinde einhauchen, indem ich den Samen des Heiligen Geistes in die Gemeinde gebe. Mein Volk wird Leben hervorbringen, wenn es zum ,fleischgewordenen Wort’ auf diesem Planeten wird. Sicherlich stören sich einige Theologen an dieser Definition, aber die Gemeinde ist ,der fortwährende Ausdruck’ Gottes.“21

So wird also die vom Heiligen Geist erfüllte Gemeinde zur fleischgewordenen Gemeinde in gleicher Weise, wie Christus Fleisch wurde. Diese Vorstellung wurde schon von Jane Leade im Jahre 1679 vertreten, worauf bereits hingewiesen wurde; und genau diese Lehre vertrat die Spätregen-Bewegung. Paulk nimmt diesen Gedanken erneut auf: „Das mächtige Wirken Gottes wird den Heiligen Geist in uns geben, damit wir die Inkarnation Gottes werden.“22

 

Bill Hamon integriert die Lehre über die „neue Generation von Menschen“ in seine Vorstellungen: „Die neue Generation der apostolischen Josua-Generation wird Wunder wirken und eindeutig die Zeichen der Apostel tun.“23 Die „Josua-Generation“ ist eine weitere gängige Allegorie in dieser Bewegung. Das Überqueren des Jordan in das Heilige Land durch Israel wird allegorisch ausgelegt als Triumph der Gemeinde über alle Feinde, um „alle Orte einzunehmen, worauf der Fuß tritt“, so deren Lehre. Unter der „neuen Generation“ versteht man eine besondere Gruppe von Christen, die nicht von der gleichen Ordnung ist wie andere Christen, die bisher lebten. Hamon schreibt weiter: „Es soll an dieser Stelle genügen zu sagen, dass der neue Same von Aposteln vom Geist der Weisheit inspiriert sein wird.“24 Der Geist der Weisheit nach Jesaja 11:2 charakterisiert Christus. Die Neue Apostolische Reformation behauptet, dass er IN der und nicht FÜR die Gemeinde kommt. Hamon beansprucht für sich, dass er selbst einer der endzeitlichen Apostel aus der „neuen Generation“ Gottes ist.25

Zuvor hatte William Branham behauptet, Elia zu sein, der kommen sollte (Mt.17:11). Aber Branham starb, und die Wiederherstellung blieb aus. Nun veränderte Hamon die Lehre Branhams und sprach von der „Elia-Gemeinschaft“: „Es gibt noch eine zukünftige Erfüllung, wenn Elia kommen und die Wiederkunft Christi vorbereiten wird. Dieses Mal wird es nicht ein einzelner Prophet sein, sondern eine Gemeinschaft von Propheten, die nicht nur das Volk Gottes vorbereiten werden, sondern ALLE DINGE WIEDERHERSTELLEN WERDEN.“26 Diese Wiederherstellung muss zustande gebracht werden durch die Gemeinde, ehe Christus wiederkommen kann: „Jesus konnte die Erde erst verlassen, nachdem er alle messianischen Prophetien erfüllt hatte, und er kann nicht auf die Erde zurückkehren, ehe die Gemeinde alle Schriftstellen, die von der Wiederherstellung sprechen, erfüllt.“27

Da Lehrer wie Hamon nicht an die Entrückung vor der Trübsal glauben, sind sie der Überzeugung, dass die Gemeinde der Endzeit nicht vom Antichristen verfolgt werden wird, sondern dass die Gemeinde das babylonische System der Trübsalszeit selbst zerstören wird! Hier die Behauptung: „Gottes heilige Apostel und Propheten haben einen mitwirkenden Dienst, indem sie den großen Fall Babylons herbeiführen. Ihre Autorität wird alles übersteigen, was wir bis dahin kannten… Wie Mose und Elia werden Gottes Apostel und Propheten über alle Feinde am Ende siegen.“28

Die Bibel sagt, dass Gott Babylon zerstören wird; sie sagt nichts darüber, dass die Gemeinde dies tun wird (siehe Offb.18).

Die Lehre von Joels Armee in neuer Form

Eine der diskreditierten Lehren der NOLR war die Lehre von „Joels Armee“. Man behauptete, dass es sich bei der Armee aus Joel 2:1-11 um die Endzeitgemeinde handelt, die Gottes Gericht auf Erden vollziehen wird. Dies ist eine weitere falsche Lehre, die Bill Hamon noch immer vertritt: „Die Heiligen werden derzeit in militärischen Ausbildungszentren in ihren örtlichen Waffenkammern ausgebildet. Das Ziel besteht darin, sie zu lehren und auszubilden, damit sie Offiziere werden, die Gottes Armee von prophetischen Evangelisten in der kommenden Erweckung der Heiligen Gottes führen werden. Sie werden unter dem Schutz und der Führerschaft des fünffältigen Dienstes von apostolischen und prophetischen Generälen dienen, die sie ausgebildet haben. Die Heiligen werden so wirken, wie es vom Propheten Joel vorausgesagt wurde (Joel 2:1-7).“29

Nichts in Joel 2:1-11 deutet darauf hin, dass diese Armee aus elitären Endzeitchristen besteht. Hamons allegorische Methode ermöglicht es ihm, alles mögliche in die Schrift hineinzulesen. Weiter beschreibt er die Gemeinde als eine Endzeitarmee: „Gottes große Endzeitarmee wird darauf vorbereitet, um Gottes Gericht gemäß der Schrift zu vollziehen, um mit Christus zu siegen und um die göttlichen Urteile, die bereits im Himmel bereitet sind, zu vollstrecken. Die Zeit ist bestimmt, wenn diese auf Erden durch Gottes heilige Armee vollzogen werden. Alles, was vorherbestimmt und unausweichlich ist, wird durch die Wiederherstellung der Armee des Herrn von Gott gegeben werden.“30

Alle diese Behauptungen ignorieren die offenkundige Tatsache, dass die Gerichte der Offenbarung, die als Folge von Gottes Zorn während der Trübsal auf die Erde ausgegossen werden, direkt von Gott und nicht von der Gemeinde kommen. Die „Erweckung“, die von Hamon beschrieben wird, finden wir nicht in der Bibel; er prophezeit sie aus Eigenmächtigkeit, und es gibt in der Schrift keine Anhaltspunkte dafür, dass wir ihm Glauben schenken sollten.

Wiederbelebung der „Königreich-Jetzt“-Irrlehre (Kindgdom Now Theology)

Eine weitere Bewegung, die Hamon voraussagt, ist eine Bewegung, welche die Wiederherstellung des Königreichs anstrebt (Kingdom Establishing Movement).31 Hier versteigt er sich in noch überzogenere Behauptungen:

„Die Bewegung wird nicht enden, ehe jedes Knie sich beugt und jede Zunge bekennt, dass Jesus der wahre Herr über die ganze Erde ist. Dies bedeutet nicht, dass jeder Mensch dieses Bekenntnis machen oder seine Errettung annehmen wird. Jedoch wird es eine weltweite Anerkennung geben, dass Gott über alle Elemente regiert, die Toten auferweckt, natürliche Katastrophen beherrscht, wundersame prophetische Worte und unzählige übernatürliche Manifestationen schenkt, bis jeder anerkennen muss, dass es keinen anderen Gott gibt als Jesus Christus, den Gott der Götter und den Herrn der Herren.“32

Gemäß der NOLR und der NAR wird in der Menschheitsgeschichte das Reich Gottes durch die Gemeinde vor der Wiederkunft Christi wiederhergestellt. Hamon schreibt: „Nun lasst uns ernstlich beten, dass die vollkommene Herrschaft des Reiches Gottes tatsächlich über alle Nationen und Völker auf Erden errichtet wird… Sie werden beten und proklamieren, dass es Zeit ist, dass Gottes Reich auf der ganzen Erde aufgerichtet werden wird durch die Autorität und den Dienst, den die Gemeinde von Christus empfangen hat.“33

Die Bibel sagt eine endzeitliche Verführung voraus

Über Jahrhunderte bis heute sind die immer gleichen Behauptungen bezüglich eines elitären Christentums aufgestellt worden. Dieses elitäre Christenvolk würde sich erheben, große Zeichen und Wunder wirken und den Tod vor der Entrückung besiegen, ehe der Christus, der „solange im Himmel gebunden ist“, bis der vollkommene Sieg über alle Feinde Gottes errungen ist, wiederkommen würde. Diese elitäre Gemeinde wurde als Jungfrau, als neue Generation, als geoffenbarte Söhne Gottes bezeichnet und als Fleischwerdung Gottes auf Erden angesehen. Wenden wir uns nun der Bibel und deren Aussagen über die Endzeit zu. Die Bibel vertritt keine dieser Irrlehren, die alle auf der Allegorisierung der Bibel beruhen. Was die Bibel hingegen lehrt, ist, dass es in der Endzeit zu einer großen Verführung kommen wird, die von falschen Zeichen und Wundern begleitet sein wird.

Jesus sagte: „… und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen… Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen“ (Mt.24:11,24). Die Schrift sagt uns nicht, dass wir nach einer „neuen Generation“ oder „Gesalbten“ (Christussen) Ausschau halten sollen, sondern sie warnt uns vor Verführung. Paulus sagte für das Ende der Tage gefährliche (schwere) Zeiten voraus, in welchen die Menschen der Wahrheit widerstehen werden, indem sie falsche Zeichen und Wunder wirken, so wie die Magier des Pharao Mose widerstanden (2.Tim.3:1-8). Petrus sagte voraus, dass falsche Lehrer aufstehen und die Gemeinde irreführen werden, indem sie „betrügerische Worte“ reden (2.Petr.2:1-3). Johannes warnte uns davor, dass in den letzten Tagen falsche Christusse (Antichristusse) aufstehen werden. Paulus deutet an, wohin dies alles führt: „Dass niemand euch auf irgendeine Weise verführe! Denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall gekommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit offenbart worden ist, der Sohn des Verderbens“ (2.Thess.2:3).

Ferner sprechen die Bibelstellen in der Offenbarung, welche die elitären Apostel der NAR und NOLR für sich beanspruchen, nicht davon, dass die Gemeinde durch ihre eigene Kraft über die Welt triumphiert, während Christus „im Himmel gebunden“ ist. Ihre Auslegung ist Phantasie, die nicht auf einer gesunden Schriftauslegung ruht. Sie allegorisieren die Bibel, weil ihre Vorstellungen einer korrekten Auslegung nicht standhalten. Wir müssen uns entscheiden, ob wir Jesus, Paulus, Johannes und Petrus und deren Prophetien, die keine Irrtümer enthalten, Glauben schenken wollen oder ob wir denen glauben, die von sich behaupten, die neuen Apostel und Propheten zu sein, obgleich sie den wahren Aposteln und Propheten der Schrift widersprechen.

Schlussfolgerung

Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass es immer in Irrlehren mündete, wenn Personen das Apostelamt für sich beanspruchten. Es ist deutlich geworden, wie schockierend und extrem die Irrlehren vieler heutiger Personen sind. Dennoch behauptet C. Peter Wagner, dass derzeit die Gemeinden, die sich in seinem Sinne als „apostolisch“ verstehen, zu den am schnellsten wachsenden Gemeinden zählen.34 Vielleicht hat er Recht; aber wenn er Recht hat, dann ist dies eher als Beweis für die große endzeitliche Verführung anzusehen und nicht für eine große Endzeiterweckung.

Die einzig bindende Autorität in der Gemeinde ist die Schrift. Gott erhebt Vermischung, Irrtum und die Gedanken von Menschen nicht zum Maßstab. Die falschen Apostel und Propheten der NOLR und NAR haben keine Macht über die wahre, durch das Blut erkaufte Gemeinde Gottes. Vor Propheten, die nicht unfehlbar sind, haben wir uns nicht zu fürchten: „… wenn der Prophet im Namen des HERRN redet, und das Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist das das Wort, das nicht der HERR geredet hat. In Vermessenheit hat der Prophet es geredet; du brauchst dich nicht vor ihm zu fürchten“ (5.Mose 18:22). Die abgehobenen Ambitionen von Leade über Warnock, Branham, Paulk bis zu Hamon haben sich nie erfüllt und werden sich nie erfüllen. Es wird keinen jungfräulichen Menschensohn mit vielen Gliedern, eine Elia-Gemeinschaft, eine neue Generation von Menschen, eine neue Fleischwerdung Christi auf Erden oder irgendetwas derartig Blasphemisches geben. Diese Begriffe tragen antichristliches Wesen in sich. Der wahre Christus wird leiblich wiederkehren und seine Gemeinde in den Himmel entrücken (1.Thess.4:7).

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