Das neue Evangelium der Wohltätigkeit (Dr. Martin Erdmann) / Vorbemerkung (Siegfried Schad)

Vorbemerkung (Siegfried Schad)

Ist die evangelikale Christenheit bereits schon durch die Gemeindewachstumsbewegung (be)sucherfreundlicher “Gottesdienste” so “weichgespült”, dass sie in ihrer Gewöhnung an den frommen Pragmatismus auch Rick Warren´s “Evangelium der Wohltätigkeit” willfährig hinnimmt ? Diese Frage muss man bedauerlicherweise mit einem “JA” beantworten ! Viele evangelikale Leiter sind schon länger bereit den “Marsch durch die Institutionen” zu gehen wie dereinst, eine APO (Ausserparlamentarische Opposition) zu Zeiten eines Rudi Dutschke, um Einfluss heischend in den Fragen der grossen Weltpolitik zu interagieren – bestes Beispiel: Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher,  Sprecher für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz – unterwegs im Auftrag der Menschheit zu Botschaftern des Nahem Ostens oder auch dem Botschafter des Dalai Lama. Man möchte eben in dem Zeitalter des “global playing” nicht mehr am “Katzentisch” sitzen und die Mächtigen der Politik und Wirtschaft beim grossen Monopoly beobachten – nein, aus der Sicht der zeitgeistlich kontextualisert-gegelten Evangelikalen ist es schon lange Zeit aktiv teilzuhaben – biblische Prinzipien hin oder her – alles peanuts ! so what !? Auch diesen, den nächsten und den folgenden weiteren Schritt werden die Zeitgeist-Evangelikalen im Namen der Kontextualisierung einträchtig und auf Kompromiss bedacht mitvollziehen – möge es der Herr nicht gleich vergelten und vorher noch mit der laodizäische Augensalbe eine Salbung verabreichen damit sie sehend werden.

Offb 3,18 Ich rate dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, auf daß du reich werdest; und weiße Kleider, auf daß du bekleidet werdest, und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, auf daß du sehen mögest.


Das neue Evangelium der Wohltätigkeit (Dr. Martin Erdmann)

Quelle – © 2010: Verax Institut (http://www.veraxinstitut.ch/)

„Die Zukunft der Welt liegt im religiösen Pluralismus.“ – Rick Warren, „Pastor Argues Faith is Missing Link,“ von Maria Kefala.

Rick Warrens Idee des religiösen Pluralismus katapultiert die  evangelikale Kirche auf einen prominenten Platz in der globalen  Diplomatie. Je  mehr die Kirche zu einer politischen Aktivistin in einer  sich neu gestalteten  Weltordnung avanciert, desto schneller gibt sie das  ihr von Gott zugeordnete  Privileg preis, Hüterin und Verkünderin des  biblischen Evangeliums zu sein. Im  Kampf um politische Macht werden  plötzlich ganz andere Dinge wichtig, wie z.B.  ambitionierte  Mobilisierungskampagnen, weit gefächerte Netzwerke von  Kleingruppen und  gigantische Sozialprojekte. Die neue Aufgabe, zu der Rick  Warren die  Christen aufruft, ist schlicht und einfach die Wohltätigkeit.

In einem YouTube „Videocast“ – Segment gibt Warren eine kurze  Erklärung darüber ab, wieso die evangelikale Kirche sich in ihrer  weltweiten  Aufgabe radikal umorientieren sollte. Nebenbei erwähnt er  seine Mitgliedschaft  im amerikanischen Rat für auswärtige Beziehungen  [Council on Foreign Relations;  CFR]. Der Schwerpunkt seines Engagements  im CFR liegt hauptsächlich in der  Formulierung verschiedener Direktiven  der „Religion und Außenpolitik  Initiative“ [Religion and Foreign Policy  Initiative]. Der Vorsitzende der  Kommission „Ethik und religiöse  Freiheit“ der Südlichen Baptisten, Richard Land  wurde ebenso wie Warren  und der Erzbischof von Washington Theorode McCarrick zu  verschiedenen  Treffen in New York und Washington eingeladen, um über den  Einfluss  religiöser Dogmen auf die Außenpolitik zu referieren.

Der Rat für  auswärtige Beziehungen hat sich seit seiner  Gründung vor knapp 90 Jahren  dafür eingesetzt, die Kirchen als  Propagandainstrument im Errichten  einer Weltregierung zu gewinnen. Um dieses  hoch gesteckte Ziel zu  erfüllen, war es von größter Wichtigkeit, dass die  Christen sich für ein  „Social Gospel“ [Sozialevangelium] einsetzten, das  letztlich darauf  hinauslief, über die Gründung der Vereinten Nationen zu einer  politisch  geeinten Welt zu kommen. Die geschichtlichen Fakten werden in Martin   Erdmanns Buch Building the Kingdom of God on Earth (Wipf & Stock,  2005) in  großer Ausführlichkeit beschrieben.

Wie die liberalen protestantischen Kirchen des letzten  Jahrhunderts  wird die evangelikale Kirche nun effektiv als Herold biblischer   Wahrheiten neutralisiert, indem ihr eine wichtige Rolle im Erweitern der   imperialistischen Einflusssphäre westlicher Eliten in Politik, Militär  und  Kommerz zugewiesen wird. Rick Warren deutete unmissverständlich auf  diese neue  kirchliche Position der Neutralität in einem in der  Washington Post  erschienenen Artikel hin. Michelle Boorstein schrieb das  Folgende in „Megachurch Pastor Warren Calls for a Second Reformation“  [Megakirchenpastor  Warren ruft zu einer zweiten Operation auf]:

„Der Megakirchenpastor und Philanthrop Rick Warren, dem  politische  Führer in aller Welt den Hof machen, sagt, dass seines Erachtens das  Christentum eine ‚zweite Reformation’ nötig habe, die die Kirche von   polarisierender Politik wegführen würde, so dass sie sich der  Wohltätigkeit,  nicht dem Bekenntnis ihres Glaubens zuwenden könne.“

In diesem Interview gab Warrem zu verstehen, dass er „seine   Aufmerksamkeit von den heiß umstrittenen Themen abwenden“ und sich „auf  die  kulturelle Veränderung mittels der Politik, Kunst, Musik und des  Sports  konzentrieren würde“. Natürlich haben wir bei diesem „Evangelium“  der  Kulturrevolution mit nichts anderem zu tun als dem  neo-kuyperianischen  Dominionismus der „Sphären“ (d.h. ideologische  Übernahme aller Kulturbereiche).  Mit dem ins Spiel gebrachten Aspekt  verfolgt Warren die Absicht, die Kirchen in  allen Ländern davon zu  überzeugen, dass ihre oberste Aufgabe darin bestehe,  diese politische  Agenda der ideologischen, ja letztlich militärischen und  politischen  Weltbeherrschung zu verwirklichen. Dass die Verkündigung des  biblischen  Evangeliums der Erlösung sündiger Menschen durch den Kreuzestod  Christi  dabei völlig aus den Augen verloren wird, ist nicht allein eine   bedauernswerte Nebenfolge dieser neuen Marschroute, sondern bewusst so  geplant.  Dies wird unter anderem daran deutlich, dass Warren die  Bedeutung des „P“ im  Akrostichon seines globalen P.E.A.C.E-Plan von  „Plant Churches“ [Kirchen  gründen] zu „Promote Reconciliation“  [Versöhnung fördern] umbenannte.

Im Weiteren beschreibt Warren die miteinander verzahnten   Partnerschaftsbeziehungen von Regierung, Kommerz und Kirche, wie sie dem  „dreibeinigen Stuhlmodell“ seines Mentors Peter Drucker entsprechen.  Die  Verwirklichung dieses Modells hat er sich zur Pflicht gemacht.  Demnach könnten  die politischen und sozialen Probleme dieser Welt nur  dann gelöst werden, wenn  die Kirchen, die Regierungen und die Industrie  eng zusammenarbeiten würden.  Keinen Zweifel lässt er an der Feststellung  aufkommen, dass seine Heilsvision  nur noch das Diesseits betrifft.  Maria Kefala unterstreicht diese Tatsache in  ihrem Artikel „Pastor  behauptet, der Glaube sei die fehlende Verbindung“ [Pastor Argues Faith  is Missing Link]:

„Der Regierung und Industrie wird es nicht gelingen, die  sozialen  Probleme zu lösen, es sei denn, sie beziehen die  Glaubensgemeinschaften  mit ihren großen Scharen an Freiwilligen und ihren  weltweiten Netzwerken  ein … Die Menschen sind besorgt darüber, dass es den  Kirchen nur um  Bekehrung ginge,“ sagte er, „aber jeder hat einen Beweggrund.  Jeder hat  eine Weltanschauung. Das Christentum ist eine Weltanschauung … mir  ist  es egal, warum sie Gutes tun, solange sie Gutes zu.“

Anstelle der biblischen Heilsbotschaft, die auf das ewige  Heil der  Menschen bedacht ist, weil diese ohne die Erlösung in Jesus Christus  für  immer verloren gehen würden, soll nun das Wohltätigkeits-„Evangelium“  in  den Mittelpunkt des Interesses rücken. Offensichtlich hat es dem  „Evangelium“ der guten Gefühle, das in den letzten Jahrzehnten die  Zustimmung der  Evangelikalen fand, zu einer neuen Bedeutung verholfen.  Jetzt redet Warren den  Christen ein, dass sie sich nicht wohlfühlen  würden, wenn sie sich weigern,  Gutes zu tun. Das Sperrfeuer an Aufrufen  zum sozialen Engagement besitzt eine  erstaunliche Ähnlichkeit zu den  Appellen des „Social Gospels“ im letzten  Jahrhundert. Das neue  Wohltätigkeitsevangelium vergisst jedoch zu erwähnen,  dass ein sündiger  Mensch einen himmlischen Erlöser braucht, um vor dem heiligen  Gott  bestehen zu können. Es ist vielmehr auf die vielen Sozialprojekte   konzentriert, die Rick Warren mit seinem P.E.A.C.E.-Plan in die Wege  leiten  möchte:

„Warren gruppiert die Probleme der Welt unter fünf  Hauptkategorien,  die jeweils ein breiteres Gebiet abdecken: geistige Leere (ein  Mangel an  Gottes Liebe im Leben), egoistische Herrschaft und Korruption,  extreme  Armut, pandemische Krankheiten und Analphabetentum.

Jesus hat fünf Dinge getan, um diesen fünf Problemen   entgegenzuwirken: er förderte die Versöhnung, rüstete Leiter als Diener  aus,  unterstützte die Armen, sorgte für die Kranken und unterrichtete  die nächste  Generation.

Das abgrundtiefe Elend in den Entwicklungsländern – vielfach  von den  Finanzinteressen westliche Staaten verursachte – veranlasste Warren,   seinen P.E.A.C.E. Plan zu initiieren, der Christen Anweisungen erteilt,  wie sie  kontinuierlich Gutes tun können.

‚Mir ist es egal, ob sie aus politischen, ökonomischen,  persönlichen  oder religiösen Gründen Gutes tun, solange sie Gutes tun; hierin  liegt  kein ethischer oder moralischer Gesichtspunkt,’ sagte er. ‚Ich diene   einem Retter namens Jesus Christus, der sagte, liebe deinen Nächsten wie  dich  selbst, und dies ist der Grund, wieso ich das tue, was ich tue.’“

Dass Jesus eine ganz andere Definition von „liebe deinen  Nächsten wie  dich selbst“ im Sinn hatte, als er dieses Gebot neben dem Gebot,  Gott  von ganzem Herzen zu lieben, als das oberste hervorhob, dürfte im   Textzusammenhang von Matth. 22,34–40 deutlich werde. Es würde jedoch den  Rahmen  dieses Artikels sprengen, wenn wir dies jetzt näher ausführen  würden.

Das Wohltätigkeitsevangelium ist schon definitionsgemäß ein  in der  Praxis sich auswirkender Pluralismus. Es gibt sich nur dann zufrieden,   wenn jeder mitmacht und alle Ressourcen eingebunden werden, um dieses  eine  Ziel, das Gute zu tun, zu erreichen. Jeder ist in der Runde  willkommen – Regierungen, Großkonzerne, ja sogar andere Religionen –  solange dem  übergeordneten Zweck der Wohltätigkeit gedient wird. Der  stets mitschwingende  Grundton des Dominionismus wird unüberhörbar, wenn  vorgegeben wird, dass die  Christen im Bauen des Königreich Gottes auf  Erden ein gutes Werk verrichten. Es  spiele dabei keine Rolle, welches  Werkzeug  jener verwendet, der auf der Szene  erscheint, welche  Strategien angewandt werden und welche praktischen Wege  beschritten  werden. Inwiefern die Integrität des biblischen Evangeliums   kompromittiert wird, ist Warren dabei völlig nebensächlich.

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