Eine Stellungnahme von Johannes Pflaum zu dem Buch “Der Griff zur Macht” von Martin Erdmann

(Quelle: distomos.blogspot.de)

Der Griff zur Macht, Dominionismus – Der Evangelikale Weg zu Globalem Einfluss

Martin Erdmann behandelt in seinem Buch das immer deutlicher werdende Streben des Evangelikalismus nach Anerkennung und Einfluss in  Gesellschaft und Politik. Dabei untersucht er verschiedene Strömungen  und Personen, welche unter den Evangelikalen zunehmend an Bedeutung  gewinnen. Er zeigt, wie diesen verschiedenen Strömungen das Streben nach Einfluss und Macht zu eigen ist, welche Philosophie und Denkrichtung  dahinter steht, und wie natürlich alles vermeintlich unter dem  Vorzeichen des Evangeliums und der Missionierung geschieht. Dieses  Streben soll die Kultur, Gesellschaft und Menschheit verändern und damit das sichtbare Reich Gottes auf Erden bringen, was Erdmann unter dem  Begriff Dominionismus zusammenfasst.

Einige kritische Anmerkungen

Auf dem Hintergrund meiner Auseinandersetzung mit  Weltverschwörungstheorien ging ich kritisch an das Buch heran.  Tatsächlich gibt es darin verschiedene Rückschlüsse und Behauptungen des Autors, die spekulativ sind und den Bereich der Verschwörungstheorien  tangieren. So bleiben Fragen offen, ob beispielsweise der  Neo-Evangelikalismus wirklich von langer Hand geplant und bewusst  gesteuert ist, um den Evangelikalismus zu zersetzten, und wie weit hier  verschiedentlich versuchte Einflussnahme etwa durch die  Rockefeller-Brüder erfolgreich waren (S. 33-42).
Auch was die Übernahme des „Mantels“ und der damit verbundenen  Führungsrolle von und durch Billy Graham in diesem Prozess betrifft,  darf in Frage gestellt werden (S. 36-38). Wie zuverlässig sind die  genannten Quellen? Entspringen die ökumenischen und inzwischen auch  universalistischen Tendenzen von Graham einer bewussten Steuerung, oder  ist dieser zweifelsohne von Gott gebrauchte Mann seiner eigenen  Popularität zum Opfer gefallen? Ähnlich spekulativ wirken manche  Vermutungen über eine veränderte Missiologie und des damit verbundenen  Evangeliums (S. 59-72). An einigen anderen Stellen wird ebenfalls eine  unnötige Nähe zu Spekulationen und zu Verschwörungstheorien deutlich (S. 190-196). Dies hat ein faktisch so fundiertes Buch eigentlich nicht  nötig, und der Autor bietet damit seinen Kritikern nur in unnötiger  Weise eine offene Flanke.

Die kritischen Anmerkungen sind das Eine. Sie sollen aber nicht  überdecken, dass dieses Buch nach meiner Einschätzung zu großen Teilen  in seiner sachlichen Auseinandersetzung und Analyse hervorragend ist.  Was Erdmann über die ganze Veränderung des Evangeliums, der Missiologie, der Ekklesiologie und der damit verbundenen Reich-Gottes-Erwartung  schreibt, trifft an vielen Stellen den Nagel auf den Kopf. Obwohl sein  Buch hauptsächlich die amerikanische Situation beschreibt, sind die mit  ihr zusammenhängenden Entwicklungen im deutschsprachigen Raum  offensichtlich.

Was ist das Anliegen dieses Buches?

Damit dieses Buch nicht ungerechtfertigter Kritik zum Opfer fällt, muss  seine Zielrichtung beachtet werden. Martin Erdmann hat keine  Ausarbeitung, z.B. über das Verhältnis von Mission und sozialem  Engagement geschrieben. Das hätte den Rahmen des Buches gesprengt.  Vielmehr legt er offen, wie in der Missiologie und  Evangeliumsverkündigung eine tragische Akzentverschiebung stattgefunden  hat von der lebensrettenden Botschaft von Himmel und Hölle hin zu einem  sozialen Evangelium und einem damit verbundenen anderen  Missionsverständnis. Der Missiologe Ernst Vatter hat das Verhältnis von  Mission und sozialem Engagement einmal sinngemäss so formuliert:  Entwicklungshilfe im Kielwasser der Evangeliumsverkündigung.  Erdmann  macht, mit anderen Worten ausgedrückt, deutlich, dass der Trend zu  Evangeliumsverkündigung im Kielwasser von sozialer und  gesellschaftlicher Transformation geht – ganz abgesehen von der Frage,  ob es sich überhaupt noch um eine bibelgemäße Evangeliumsverkündigung  handelt.

So waren in der Vergangenheit soziale Veränderung und Hilfe in der  Evangelisation und Mission immer die Folge von Bekehrung und Errettung  der Menschen. Niemals aber war es ein Ziel, welches der Evangelisation  gleichgesetzt oder sogar noch vorangestellt wurde. Die oben erwähnte  tragische Akzentverschiebung belegt Erdmann u.a. an der Micha-Initiative der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Dabei zeigt er, dass diese  Initiative nicht eine Idee der WEA war, welche dann dankend von der UN  begrüsst wurde, sondern dass sie sich an den  UN-Millenium-Entwicklungszielen orientierte und von diesen inspiriert  wurde (S. 181-185). In dem Buch wird außerdem deutlich, welche Folgen  eine postmillennianistische Sichtweise haben kann (wohlgemerkt „kann“!), welche meint, das sichtbare Reich Gottes auf dieser Erde vor der  Wiederkunft Jesu errichten zu können.

Eine umfassende Darstellung von Fakten und Personen

In seinem Buch führt der Autor eine ganze Reihe von Bewegungen und  Personen auf, welche zu einem veränderten Verständnis in der  Evangeliumsverkündigung und dem Missionsverständnis beigetragen haben,  bzw. davon beeinflusst sind. Die Bewegungen reichen von der Neuen  Apostolischen Reformation, über die Ganzheitliche Mission, bis zur  Globalen Transformation und der Emergent Church. Zu den damit  zusammenhängenden Personen gehören Billy Graham, C.P. Wagner, Donald A.  McGavran, Bill Bright, Loren Cunningham, Rick Warren, Bill Hybels, Erwin R. McManus Brian McLaren u.a. Der Autor beleuchtet die Hintergründe von Warrens P.E.A.C.E.-Plan, dem Terra Nova-Projekt und anderen Konzepten.  Es wird dargelegt, was unter ganzheitlicher Mission, dem globalen  Universalismus, Paradigma-wechsel u.a. zu verstehen ist. Erdmann lässt  die angeführten Vertreter durch Zitate reichlich zu Wort kommen, was für den Leser ein klares Bild ihrer Theologie und Stoßrichtung ergibt.  Besonders am Beispiel von Rick Warren wird dies deutlich, dessen  verändertes Gemeinde-, Missions- und Evangeliumsverständnis der Autor  durch viele Zitate belegt. Er zeigt, dass man die bekannten Bücher von  Warren „Kirche mit Vision“ und „Leben mit Vision“ nicht losgelöst von  der damit verbundenen Sozialphilosophie sehen kann. In diesem  Zusammenhang erkennt man deutlich den Einfluss des Management-Gurus  Peter Drucker mit seinem esoterischen Hintergrund auf R. Warren, B.  Hybels und andere Vertreter der Mega-Church und Emerging Church.  Besonders aufschlussreich ist Druckers Modell des dreibeinigen Stuhls  (Gemeinwesen/Kirchen, Wirtschaft, Politik); an ihm macht Erdmann  verständlich, was die Vorgehensweise und die Ziele von Druckers Schülern sind.

Der kritische Beobachtung, welcher beispielsweise die Lausanner  Bewegung oder die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM)  unterzogen wird, mag manchem Leser anstössig erscheinen. Trotzdem ist  sie hilfreich und wichtig. Es sei in diesem Zusammenhang darauf  verwiesen, dass Francis Schaeffer in seinem letzten Buch seine Sorge  darüber zum Ausdruck brachte, dass es durch die Hintertür der “Lausanner Erklärung zur Bibel (1974)” zu schwerwiegende Akzentverschiebungen  innerhalb des Evangelikalismus kommen würde.  Auch die AEM hat seit  ihrer Gründung eine Veränderung ihrer geistlichen Bandbreite erfahren.  Erdmanns Analyse kann durchaus als Antwort auf diese Entwicklungen  angesehen werden.
Außerdem wird in diesem Buch deutlich, welche erschreckende  Ähnlichkeiten und Berührungspunkte es zwischen manchen Gedanken von  New-Age-Vertretern, der Theosophie und einem veränderten Missions- und  Evangeliumsverständnis unter den Neo-Evangelikalen gibt. Auch wenn nicht allen angeführten Personen und Organisationen eine böse Absicht zu  unterstellen ist, muss diese Entwicklung trotzdem alarmieren. Am  Beispiel von E. McManus ist erkennbar, wie durch das Anliegen der  Transformation und einer emergenten Kirche die Grenze zum Mystischen und Synkretistischen fließend wird.

Ein Puzzlebild setzt sich zusammen

Beim Durcharbeiten des Buches setzten sich für mich verschiedene  Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. So macht Erdmann auf die  Vermischung von amerikanischem Patriotismus und Dominionismus in seinem  Buch aufmerksam, die von einigen Vertretern dieser Richtung (nicht von  allen!) praktiziert wird (S. 52- 55 u. 133-139). In diesem Zusammenhang  spricht er von der Verquickung patriotischer Dominionisten und  Neo-Konservativer in der Politik. Auf diese verhängnisvolle Entwicklung  hat schon vor Jahren Phil Johnson aufmerksam gemacht.  Jeremy Scahill  weist in seinem Buch über das Söldnerunternehmen Blackwater ebenfalls  auf diese Verbindung von politischen und evangelikalen Interessen in den USA hin.  In diesem Zusammenhang erwähnt Scahill Charles Colson, Pat  Robertson, James Dobson u.a. So bestätigt dieses säkulare Buch die  Beobachtungen Erdmanns.

Im Zusammenhang mit „Eine Evangelikale Agenda: 1984 und danach“ kommt Erdmann auf die Rolle und den Einfluss des Wheaton-College zu sprechen  (S. 92ff). Eine Person, die selbst mit diesem College verbunden war,  machte mich schon vor Jahren bei einem Israelaufenthalt auf den starken  Einfluss von Wheaton in Sachen Transformation und Emerging Church  aufmerksam.

Die St. Matthäusgemeinde in Bremen lernte ich in den 80er Jahren als  eine erweckliche und bibeltreue Gemeinde kennen. Als ich dieser Gemeinde am 06.12.2008 im Rahmen der Fernsehsendung „Ein Herz für Kinder“ wieder begegnete, war es für mich unfassbar, wie es dazu kommen konnte, dass  sie für ihr Projekt „Ein Zuhause für Kinder“ die Popsängerin Sarah  Connor als Projektpatin einspannte und sowohl um prominente Sponsoren  wie auch gesellschaftliche Anerkennung warb. Durch Erdmanns Ausführungen ab Seite 111ff, in denen er den Einfluss von Warrens Konzept auf die  St. Matthäusgemeinde erwähnt, wurden die Zusammenhänge für mich klarer.

Vor einigen Jahren war ich zugegen, als der Leiter eines großen  evangelikalen Missionswerkes in Deutschland interviewt wurde. Die in  seinen Ausführungen klar bezeugte Solidarität mit der Micha-Initiative  stimmte nachdenklich. Trotzdem vermutete ich zunächst einen guten  missionarischen Willen, der nicht um die Hintergründe dieses Programms  wusste. Die anschließende Predigt desselben Missionsleiters über Micha  4,1-5 ließ dann allerdings eine klare heilsgeschichtliche Schau  vermissen, was im Nachhinein für mich kein Zufall mehr ist. Inzwischen  lassen verschiedene Publikationen dieses Missionswerkes eine Veränderung im Missionsverständnis gegenüber früheren Positionen, wie im Buch von  Erdmann dargestellt, erkennen.
In der jüngeren Vergangenheit las ich den Jahresbericht eines anderen Leiters eines evangelikalen Missionswerkes in Deutschland. Was er über  Veränderung und Neuausrichtung des Werkes schreibt, deckt sich in  grossen Teilen mit den Beobachtungen von Erdmann.

Die Verschiebung, auch im deutschsprachigen Raum, in Richtung eines „Sozial-Evangeliums“ sowie eines transformatorischen  Missionsverständnisses sind auch ohne das vorliegende Buch deutlich  erkennbar. Martin Erdmann bin ich sehr dankbar dafür, dass er  verschiedene Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt und die  Hintergründe dieser Entwicklung aufzeigt. Offensichtlich ist die  Veränderung zu einem transformatorischen Gemeindeverständnis unter den  deutschsprachigen Evangelikalen auch durch den wachsenden Einfluss von  Vertretern dieser Bewegung, wie z.B. Johannes Reimer und Tobias Faix.  Die Faktenlage, welche Erdmann darlegt, ist so eindeutig, dass seine  manchmal spekulativen und gewagten Rückschlüsse dahinter zweitrangig  werden.
Die von Erdmann unter dem Begriff Dominionismus zusammengefassten  Strömungen und Personen mögen in manchen Bereichen unterschiedlich und  schillernd sein. Trotzdem hat es den Anschein, dass ein großer Teil der  Evangelikalen sich aufgemacht hat, denselben in die Irre führenden Weg  zu beschreiten – wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen –, der vom  Ökumenischen Rat der Kirchen 1968 in Uppsala unter dem  diesseitsorientierten Motto „Siehe ich mache alles neu“ beschritten  wurde.

Ein einzigartiges Buch

Was die dargelegten Fakten und Strömungen im Neo-Evangelikalismus  betrifft, ist dieses Buch – nach meiner Kenntnis – bisher im  deutschsprachigen Raum einzigartig. Es bleibt zu wünschen, dass sich  betroffene Personen und Institutionen, sowie die Kritiker dieser  Darstellung, nicht an manchen spekulativen und durchaus in Frage zu  stellenden Rückschlüssen des Autors aufhalten. Vielmehr sollten die  dokumentierten Fakten dazu dienen, sich selbst von der Bibel her in  Frage stellen zu lassen und die inhaltlichen Verschiebungen innerhalb  des Evangelikalismus zu erkennen. Das Buch ruft zur Wachsamkeit, damit  wir die schleichende Umdeutung von wohl vertrauten Begriffen mitsamt  ihren Inhalten nicht übersehen.

Ich danke Martin Erdmann für dieses Buch, in dem er uns die Augen  öffnet für das sich anbahnende „große evangelikale Desaster“ (Originaltitel von Francis Schaeffers „Die große Anpassung“) – sofern  kein Umdenken und keine Umkehr stattfinden. Christus wird seine Gemeinde bauen, auch durch allen Abfall hindurch (Mt 16,18). Damit stellt sich  aber die Frage, ob er seine Gemeinde mit uns, ohne uns oder sogar gegen  uns baut.

Mit freundlicher Genehmigung von Johannes Pflaum.

*Francis Schaeffers Buch “Die grosse Anpassung” siehe PDF-Buch hier

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