Die „Transformationslehre“ im Licht des Neuen Testaments (Georg Walter)

(Quelle: Georg Walter distomos.blogspot.de)

Ein lieber Bruder, promovierter Gräzist und damit ein ausgewiesener Kenner der griechischen Sprache, sandte mir seine interessanten Ausführungen über den großen Missionsbefehl in Matthäus 28 sowie zu der Schriftstelle in 2Korinther 5,19 zu. Der Bruder will nicht mit vollem Namen genannt werden, erlaubte aber die Veröffentlichung seiner Ausführungen.

Erklärung der Fremdwörter
a) aus der Grammatik:
  • Das Präsens     (die Gegenwartsform) und das Imperfekt (Gegenteil: Perfekt) verleihen dem Andauernden (Durativen) Ausdruck,     der Aorist hingegen dem Punktuellen.
  • Partizip: Mittelwort, Mittelform,     z. B. “versöhnend”.
  • Pronomen: Fürwort, übernimmt die     Stellvertretung von anderen Wörtern. z.B. “er, sie, es”.
  • Genus: Im Deutschen,     Lateinischen und Griechischen gibt es drei Genera: maskulin (männlich),      feminin (weiblich), neutrum (sächlich).
  • constructio ad sensum: Satzkonstruktion, die     nicht der formalen Regelung folgt, sondern dem Sinn.
b) sonstige
  • dominionistisch:      Der Dominionismus      ist die Lehre, dass die Christenheit dazu berufen sei, durch Errichtung     eines irdischen Gottesreiches mehr und mehr Herrschaft in dieser Welt zu     übernehmen.
  • kollektivistisch:      Der Kollektivismus      gibt dem gesellschaftlichen Ganzen den Vorrang vor dem Individuum.
  • gnostisch:      Die Gnosis      (als ausgebildetes System: der Gnostizismus) will Erlösung durch     Gottes- und Welterkenntnis     schaffen.
  • proleptisch:      vorgreifend,     vorwegnehmend.
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Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) unterscheidet sich in ihrer hyperökumenischen und dominionistischen Grundhaltung kaum noch vom Weltkirchenrat. Die Zeiten, in denen die “Evangelikalen” auf höchster Ebene “Genf” widersprochen haben, sind längst vorbei. Diese desaströse Schlagseite ist schon beklagenswert genug. Aber viel schlimmer noch empfinde ich Schäden, die nun auf unterer Ebene einzutreten drohen; will doch erstmalig eine weltverbesserische Ideologie ins Innere von zahllosen heimischen, bisher evangelistisch-missionarisch ausgerichteten Gemeinden, Gemeinschaften und verwandten Organisationen eindringen.
Ob ich das volle Ausmaß der Katastrophe noch erlebe, weiß ich nicht. Die Weichen dazu sind jedoch zu meinem Entsetzen längst gestellt. Denn in so wichtigen Ausbildungsstätten wie “Wiedenest” (Brüdergemeinden), “Ewersbach” (Freie Evangelische Gemeinden) und sogar “Gießen” (FTH, Dozent Stephen Beck) hat das Programm der “Gesellschafts-Transformation” bereits Einzug gehalten.

Die Urheber solcher Umorientierung scheinen mir in erster Linie zwei Thesen zu ihrer ideellen Grundlage zu machen. Diese kommen als biblische Erkenntnis daher. Etwas vereinfacht könnte man ihren Inhalt so ausdrücken:
1. Die Welt an und für sich ist definitiv mit Gott versöhnt. 2. Die Christengemeinden kommen ihrer Daseinsbestimmung (nur) dadurch nach, dass sie das Dorf, die Stadt, die Nation, zu der sie gehören, “zu Jüngern” machen.
Beide Behauptungen soll man durchaus kollektivistisch verstehen:

1.  Die Welt ist die gesamte derzeit auf Erden existierende Menschheit als Weltgesellschaft. Sie hat eigentlich nur eines nötig. Dies ist – ich formuliere scheinbar gewagt – eine Art von gnostischer Realisierung als Reich Gottes, Stadt für Stadt und Nation für Nation.
2.  Die wesentliche Aufgabe einer jeden örtlichen Christengemeinde besteht demnach darin, als Kollektiv dem Kollektiv der Einwohnerschaft des betreffenden Stadtteils bzw. Landkreises durch kulturellen Abgleich derart beizukommen, dass sich aus sozialdiakonischem (um nicht zu sagen: sozialpolitischem) Zusammenschluss eine Reich-Gottes-Domäne ergibt. 
Wenden wir uns den beiden Bibelstellen zu, aus denen sich die Thesen herleiten: 
ad 1: 2Korinther 5,19a 
Gott war in Christus als der, welcher Welt mit sich versöhnt.
Ich erläutere:

a) war (ἦν) ist (im Griechischen) Imperfekt, kein         (resultatives) Perfekt, demnach durativ: Gott war und ist         und wird sein in Christus.
b) welcher versöhnt (καταλλάσσων) ist im Grundtext        Partizip Präsens, weder Aorist noch Perfekt, also        synchron zum Durativum.
c) Welt (kosmos; θεὸς ἦν ἐν Χριστῷ κόσμον        καταλλάσσων ἑαυτῷ) steht im Grundtext ohne Artikel.
d) Zitiert wird nur der erste Teil einer Satzkonstruktion,        die bis zum Ende des V.19 weitergeht.
Allein schon diese wenigen Worte verweigern sich einer Deutung auf die jeweils aktuelle Weltgesellschaft, die – so wie sie ist – in ihrer Ganzheit ein für alle Mal bereits mit Gott versöhnt wäre (proleptische Allversöhnung, etikettiert als “die neue Paulusperspektive”).

Bezieht man nun den Zusammenhang der Verse 18 bis 21 in die Betrachtung mit ein, dann ist klar zu erkennen: Das versöhnende Liebeshandeln Gottes gelangt durch die Jahrhunderte hindurch bei unzähligen Menschen zum Ziel. Wie? Indem diese Menschen ganz persönlich die Botschaft der Botschafter Gottes im Glauben annehmen: eine Kommunikation von Individuum zu Individuum, von Individuen zu Individuen! – Selbstverständlich ist das Erlösungswerk Christi ewig gültig, nachdem es als einmaliges weltgeschichtliches Ereignis tatsächlich stattgefunden hat (V.18, καταλλάξαντος, Aorist). Aber Gott stülpt sein Heil dennoch nicht kollektiv über irgendwelche menschliche Gruppen.
Zudem geht aus V.19b hervor, dass mit Welt kein Global-Kollektiv gemeint ist, denn das Substantiv kosmos wird in der Folge durch ein Pronomen wiedergegeben, das im Plural steht: αὐτοῖς. Also ist von den vielen einzelnen Menschen die Rede, etwa so, wie sich das heutige französische tout le monde (jedermann) versteht.
ad 2: Matthäus 28, 19a
Geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker.
Ich erläutere:
a)     Die Vokabel zu einem Jünger (einer Jüngerin) machen bzw. zu Jüngern machen muss hier mangels einer besseren verbalen Lösung verwendet werden. Das schlichte lehren, wie es bei Luther ursprünglich heißt, bringt nicht deutlich genug zum Ausdruck, dass wir es mit einem Lehren und Lernen auf lange Dauer zu tun haben.
b)     Die Vorstellung jedoch, ein jegliches Volk ließe sich en bloc “zu einem Jünger machen”, ist bereits an sich Nonsens. Deswegen muss der nächste Interpretationsschritt eine Präzisierung enthalten, wie sie z.B. von den Autoren der “Guten Nachricht” völlig zutreffend geleistet wird: Darum geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern.
c)     Zitiert wird auch diesmal wieder nur der erste Teil einer Satzkonstruktion; sie geht bis V.20a weiter.
Nehmen wir doch zunächst nur die in V.19 unmittelbar folgenden Worte hinzu! Dann wird völlig klar, dass keineswegs ein jedes Volk als solches, sondern die Vielzahl der Menschen aus allen Völkern gemeint ist. Die beiden nächsten griechischen Wörter lauten nämlich übersetzt: … indem ihr sie tauft. Jetzt ist die sprachliche Gestalt des sie im Grundtext entscheidend: αὐτοὺς. Die Maskulin-Endung -οὺς markiert hier den Plural von Personen beiderlei Geschlechts (sogenanntes grammatisches Genus). Die Form dieses Pronomens ist also gemäß dem Sinn gewählt, welcher der Wendung alle Völker (πάντα τὰ ἔθνη) an dieser Stelle innewohnt. Wären nämlich die Völker als jeweilige Kollektive gemeint, hätte das Fürwort selbstverständlich αὐτὰ lauten müssen, denn ἔθνη ist schließlich Neutrum Plural. – Hieronymus hat denn auch in seiner Vulgata diese constructio ad sensum Punkt für Punkt nachvollzogen: Euntes ergo docete omnes gentes (feminin), baptizantes eos (das Maskulinum als grammatisches Genus – und nicht eas!).
Auch diesmal wieder hilft die französische Sprache zu verstehen: les gens hat sich aus dem lateinischen gens, Plural gentes, entwickelt und bedeutet nichts anderes als “die Leute”. Das Englische verhält sich übrigens analog: people, vom lateinischen populus (Volk) kann ebenfalls die Bedeutung “Leute” annehmen.
Das Beachten von Kontexten ist unerlässlich, wenn die Deutung von Texten hieb- und stichfest werden soll. Diese philologische Grundregel haben die Vertreter der Transformationslehre eigenartiger Weise nicht befolgt. So trifft das schöne englische Sprichwort hier den Nagel auf den Kopf: A text without a context becomes a pretext (Text ohne Kontext wird zum Vorwand).
Der Widerspruch zum hier Dargelegten wird nicht ausbleiben. Man kann ja – einerseits – den altphilologischen Befund dadurch abwerten, dass man ihn einer “ganzheitlichen” Sicht auf die Texte kurzerhand unterordnet; die intuitiv-kontemplative Sinnsuche erhält Vorrang. Nur auf solch legitime Weise könne man sich vom Heiligen ein “Bild” machen, so das Argument.
Andererseits dürften die Rektoren der betreffenden christlichen Ausbildungsstätten sich entschieden gegen die Vorhersage wehren, das Einreihen der Transformationslehre unter die bisherigen Disziplinen ihres Hauses werde negative Auswirkungen auf das Lehrprogramm insgesamt haben. Nein, nein, ein Gegensatz sei doch gar nicht vorhanden, er werde nur von den Kritikern herbeigeredet.
Blicke ich allerdings auf die Kirchengeschichte, dann bleibt mir immerhin eine Hoffnung: Noch bevor die letzte Landeskirchliche Gemeinschaft, die letzte Freie evangelische Gemeinde etc. sich zur Weltverbesserungsagentur hat umfunktionieren lassen, wird unser Herr, falls er nicht vorher schon wiederkommt, das Evangelium anderen anvertrauen. Wie hat schon Johannes der Täufer gesagt? Matthäus 3,9:
Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.
H. G. H.
Quelle: Zeitspiegel 245, VI, 2013.
Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Biblischen Arbeitskreies Kassel (BAK), Waldecker Str. 10, D-34128 Kassel, Tel. 0561-883502.
Dieser Text (Bestell-Nr. ZS 245 – VI. 2013) kann unter angegebener Adresse als Printmedium bestellt werden.

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