Verlorene Armut (W.Fürstberger)

(Quelle: distomos.blogspot.de)

Opportunismus passt zur geistlichen Armut wie der Thron Gottes zum Satan.

W. Fürstberger

»Ich weiß, wie schlecht deine Gedanken sind .. !« – Diesem aggressiven Einstieg folgte ad hoc die nicht weniger überraschende Erklärung : »… weil ich genau so schlecht bin wie du. – Ich bin der gleiche Sünder, ich habe die gleichen unreinen Gedanken, mir ist Habsucht, Gier und Hass genauso bekannt wie dir …«.

Ein Gespräch unter Verbrechern ? Ein Dialog pädophil veranlagter Erzieher, aus jüngst bekannt gewordenen Schlagzeilen ? – Mitnichten ! Viel mehr realistische Offenheit, – der von Gottes Geist und Wahrheit geleitete Herzensdrang eines Evangelisten einem anderen Sünder gegenüber. Eines geistlich armen Evangelisten – wohlgemerkt. Von einem, der noch ehrlich genug ist, das Todesurteil Gottes, das Kreuz, offen auf sich zu nehmen, dabei aber nicht das Kapitel 7 des Römerbriefs ad acta zu legen, wie es der erlauchten Laodicea-Gemeinschaft vorbehalten bleibt, – hinter für Christus verschlossenen Türen – um geistliches ›Vermögen‹ für sich zu proklamieren – zeitlich und irdisch befristetes, seelisches Falschgeld als Kontrast zu wahrem Reichtum vor Gott. Denn die Wirklichkeit verrät jede geistliche Schauspielerei, die sich Gottes tätiger Gnade verschließt (um zeitlichen Glanzes vor Menschen willen).

›Selbstverständlich‹ finden erhabene geistliche Kreise obige Vorgehensweise unangemessen, abstoßend, ja ekelhaft. Zu ihrem erreichten Stand christlicher Erhabenheit passt solches nicht. Strebte doch der Urheber ihrer ›erlauchten‹ Gesinnung allezeit Höheres an, – sowohl vor seinem blitzartigen Fall vom Himmel als auch nun in seinen Jüngern – solange ihm ihre kurze menschliche Daseinszeit dies ermöglicht. Daher weder Sinn noch Zeit für geistliche Niedrigkeit. – Ach was, Sünde ? Wie, geistlich Armen wäre das Evangelium gegeben? Wer behauptet das ?

Jesus ! – Seine Botschaft an seinen im Gefängnis verunsicherten Wegbereiter war : Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht : Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt. (Mt 11,4-15). Jesus, der Christus, der Sohn Gottes, betonte stets gezielt, wem allein die frohe Botschaft gilt : den Armen. »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden …(Lk 4,18). Sein erstes Wort in der Bergpredigt, Seine allererste Seligpreisung, sie gilt niemand anderen als dieser speziellen Gruppe : Glückselig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel ! (Mt 5,3.) Die Lehrbriefe stehen dem nicht nach, der Zweite Korintherbrief bezeugt : als Betrübte, aber immer fröhlich, als Arme, die doch viele reich machen ; als solche, die nichts haben und doch alles besitzen (Kap 6,10).

Ebenso – wie geschrieben steht : Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben ; seine Gerechtigkeit besteht in Ewigkeit (Kap 9,9).

Und nicht zuletzt : Hört, meine geliebten Brüder : Hat nicht Gott die Armen dieser Welt erwählt, dass sie reich im Glauben würden und Erben des Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben ? (Jak 2,5). Es kann der Spagat hier nicht gelingen zu einer rein sozialen Interpretation des Wortes Jesu, denn auch vom begüterten Rabbinerlehrer Nikodemus (Joh 3,1) sowie vom reichen Ratsmitglied Josef von Arimathia (Jes 53,9 ; Mt 27,60) wird nichts anderes gefordert als geistliche Armut, um in Christus wahren Reichtum von Gott zu erleben … Ich kenne deine Armut … du bist aber reich ! Reich in Ihm, in dem alle Fülle wohnt ! (Offb 2,9 a ; – Eph 2,7; 3,8, 3,16; Hebr 4,19; Kol 1,27.)

Der Herr hakt deshalb noch einmal beim Täufer ein und betont : Wahrlich, ich sage euch : Unter denen, die von Frauen geboren sind, ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer ; doch der Kleinste im Reich der Himmel ist größer als er (Mt 11,11). Das ist die Wertung dessen, der es absolut wissen muss ; das ist der Standard Gottes für unsereinen : Der Kleinste im Himmelreich ! Diese Wertung deckt sich mit allen einschlägigen Gleichnissen Jesu. Vor allem auch mit der Prophezeiung in Jesaja 53,3 über Ihn selbst. Gleichzeitig zeigt sie unser verzweifelt böses Leiden tragisch auf, wie es sogar bis zum Abend der Verhaftung Jesu gerade an denen offenbar wurde, die eben nach dem Himmelreich trachteten : Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten : Wer ist doch der Größte im Himmelreich ? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach : Wahrlich, ich sage euch : Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. (Mt 18,1‑4.)

Nicht zu übersehen ist aber, dass die heutige Christengeneration (vorläufig noch) am ärgsten betroffen ist vom genauen Gegenteil. Denn nie zuvor war die breite Christenheit mehr von sich selber und von ihrem ›erhabenen‹ Stand überzeugt. Welch frevelhafter Turmbau, welch Menetekel mit bewusster Absturzgarantie ! Wie weit ist der Einzelne heute eigentlich entfernt von dieser Norm Gottes für uns, vom Kleinsten im Himmelreich ? Wo reiht sich der Leser dieser Zeilen wohl selber ein ? Fragte nicht schon Petrus den Herrn : »Was wird uns dafür ?« Wollte nicht die Mutter der Söhne des Zebedäus Großes herausschlagen für ihre Söhne ? Heute erst recht verhöhnt eine erfolgsorien­tierte, überhebliche Christenheit mehr denn je (2Tim 3,2) den Maßstab Jesu und treibt damit schändlichen Verrat an der Sache jedes (einzelnen !) Armen im Geist und damit am gesamten Evangelium. Nahezu alles Denken, Reden und Tun ist längst vom gemeinsamen Virus – dem Opportunismus – infiziert, vom schnöden Gewinndenken : was wird mir dafür ? Welch unselige Verachtung von Gottes geoffenbartem Heil für Sünder !

Ganze Völker will man nun gewinnen in selbstherrlicher Manier, – als könnte am ›christlichen‹ (Un-)Wesen die Welt genesen! Doch das Gegenteil ist der Fall, preisgegeben, der Welt angeglichen wird die zur Hure mutierte Gesellschaft christlicher Erfolgsdenker.

Opportunismus passt zur geistlichen Armut wie der Thron Gottes zum Satan. Und doch wurde er zur Grundausrichtung dieser Christenheit. »Gib her, gib her« sagen des Blutegels zwei Töchter (Spr 30,15). Von den Politikern konnte man immer schon lernen, es vom Zeitgeist übernehmen, der in den letzten Jahrzehnten in der Luft herrschte : Die gottlose Gleichmacherei, die allgemein Vorteil verschaffen sollte in sozialer, geschlechtlicher und religiöser Hinsicht, sie verachtet das herrlich Individuelle an Gottes Schöpfung und Lebensführung, das unserer Bedürftigkeit so gnädig entgegenkommt. Aber nein, unbeirrbar lautet die unheilvolle Devise : Höher ! mehr ! – reicher !, unabhängiger !

Sollte Gott wirklich gesagt haben : Selig die Armen im Geiste ? Pah ! Vor Augen liegt doch das Gegenteil ! Wer die charismatischen und pfingstlerischen ›Höhenflüge‹ der jüngsten Dezennien kennt, fragt sich : Welcher Geist ist es, der reich macht und welcher macht arm vor Gott ? Wer steht wohl hinter all dem zerstörerischen Wachstum ?

Es bleibt die Frage Gottes an uns : Was wurde (bis jetzt) aus dir – seit du Christ bist ? Was soll werden aus dir ? Uns allen gilt in erster Linie das geistliche Gesetz (Mt 11,15 ; Lk 7,22) : Die Frohe Botschaft wird den Armen verkündigt aber die, welche reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke und viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen in Untergang und Verderben stürzen (1Tim 6,9). Gott erhält uns mit Absicht weiterhin hier auf Erden das Bewusstsein unserer Sündhaftigkeit, damit wir anderen ohne Hochmut begegnen. Denn wer sich, auch als Geretteter, seiner eigenen Sündhaftigkeit nicht mehr bewusst ist, der ist weiterhin zu reich und damit nicht geschickt zum Reich Gottes, solcher ist nicht in der Lage, anderen Gnade und Erlösung zu verkündigen. Nur Hochmut und falsche Sicherheit wird er fördern. Dass Jesus uns zur Sünde gemacht ist (2Kor 5,21), darüber schüttelt der geistlich Reiche das ›weise‹ Haupt ; der Arme hingegen akzeptiert freudig diese Botschaft und rechtfertigt damit das Wort der Wahrheit und gibt Gott die Ehre. Denn mit der eigenen Sünde kommt ja doch keiner zurande, auch hinter der Engen Pforte nicht. Der geistlich Bedürftige allerdings erlebt die Realität der Errettung, denn seine Armut ruft Gottes Gnadenhandeln permanent auf den Plan. Dass Jesus von Sünden rettet, das ist mit der Bekehrung bei weitem nicht unnötig geworden.

Ach mein Herr Jesu, wenn ich Dich nicht hätte, und wenn Dein Blut nicht für die Sünder red‘te, wo wollt ich Ärmster unter den Elenden mich sonst hinwenden ?Im Leben jedes Gläubigen besteht ja weiterhin eine [leider oft vor sich selbst verleugnete] Hauptkampflinie der Versuchung, der Sünde und Bedrängnis. Zumeist geht es in irgendeiner Form weiterhin um Geld, ums andere Geschlecht und um Ehre ; an den meisten Fällen ist der Hochmut beteiligt – und entweder ›bricht diese Sündenlinie auf Dauer dem Gläubigen geistlich das Genick‹ oder Gott bricht durch sie den Stolz seines Kindes und der erkennt sich endlich vor seinem Heiland als Ärmster der Armen, so dass dieser ihn in sich selbst zum Kleinsten im Himmelreich machen kann und ihm auf dieser Ebene Sieg – in Christus – gibt. Eines ist dabei klar : Das Evangelium ist – auch zum Verkündigen – nur den Armen gegeben. Denn alles andere endet in Hochmut und diabolischem Opportunismus. Es genügt ja, das Geschehen um uns her zu beobachten. Deshalb : Komm ! – sei, bleib arm!Quelle: KOMM!, Nr.47, Sept. 2013, S.1-2.

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