Neue Gemeindebewegungen und Missionskonzepte unter den Evangelikalen (Rudolf Ebertshäuser)

Zerstörerisches Wachstum

ebe

Die gefährliche Irreführung der Gemeinde durch neue „missionale“ Gemeindegründungsbewegungen

Von Rudolf Ebertshäuser, Leonberg

Neue Gemeindebewegungen und Missionskonzepte unter den

Evangelikalen

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe beunruhigender, schwer durchschaubarer Entwicklungen unter den Evangelikalen aufgekommen:

* Die biblische Evangeliumsverkündigung wird durch den angeblichen Auftrag zum „sozialpolitischen Engagement“ und zur „Gesellschaftstransformation“ verdrängt; die Gemeinde muß „die Welt verändern“, sonst hat sie keine Daseinsberechtigung mehr.

* Neue Gemeindebewegungen gründen „organische Gemeinden“, „kulturrelevante City Churches“, und charismatische „Jugendkirchen“, die der Emerging Church-Bewegung sehr ähnlich sind.

* Auf den Missionsfeldern wird zunehmend die „Kontextualisierung“ (Anpassung) des Evangeliums und der Gemeinden an heidnische Religionen praktiziert; es entstehen „Insiderbewegungen“ von „Jesus-Jüngern“, die bewußt Muslime bleiben; neue verfälschte Bibelübertragungen vermeiden Begriffe wie „Vater“ für Gott und „Sohn Gottes“. Diese neuartigen Ansätze werden meist damit begründet, daß die alte Art der Evangeliumsverkündigung und des Gemeindebaus, wie sie unter bibeltreuen Gläubigen früher praktiziert worden war, nicht mehr zu den gewünschten Ergebnissen führe. Es sei ein „neues Denken“ (neudeutsch: ein neues Paradigma“) nötig, damit die heutigen (oft als „postmodern“ bezeichneten) Menschen für den Glauben gewonnen werden könnten. Christliche Gemeinden müßten sich heute an die weltliche Kultur und Denkweise anpassen; man müsse sich gesellschaftlich engagieren und an der Veränderung der Welt mitwirken, damit man noch als „relevant“ (bedeutsam) wahrgenommen und akzeptiert werde. Die Evangeliumsbotschaft müsse heute anders formuliert werden, damit Menschen sie noch beachteten, und auch die Arbeitsweise und der Aufbau der Gemeinden müßten sich grundlegend ändern, wenn man die heutigen Menschen noch erreichen wolle. Verschiedene Spielarten von „neuen Gemeinden“.

Wie sehen solche „neuen Gemeinden“ aus? Was kennzeichnet sie? Vielleicht geben wir zunächst drei Beispiele, die etwas konstruiert, aber doch nahe an der Wirklichkeit sind.

* „gesellschaftsrelevante Gemeinden“: Viele neue Gemeinden profilieren sich als Bereicherung für die Stadt oder den Stadtteil, in dem sie wirken. Sie beteiligen sich zusammen mit Ungläubigen an Stadtteilprojekten, weltlicher Sozialarbeit oder kulturellen Initiativen, nennen sich teilweise auch „Gemeinde für XY-Stadt“, betonen, daß sie für die Menschen in ihrer Umgebung da seien und ihnen nutzen und dienen wollten. Sie stellen heraus, daß sie ihre Stadt verschönern und bereichern wollen, engagieren sich für sozial Benachteiligte, AIDS-Hilfe in der Dritten Welt und fair gehandelten Kaffee; sie bezeichnen es als ihr Ziel, „die Welt zu verbessern“.

* postmoderne Trendgemeinden für die Jugend: Viele neue Gemeinden gehen bewußt stark auf den Lebensstil, die Denkweise und die kulturellen Vorlieben der postmodernen jungen Generation ein. Ihre Gottesdienste beginnen erst am späten Nachmittag oder Abend, damit die Besucher nach der Disco-Nacht in Ruhe ausschlafen können. Sie servieren ihrem Publikum trendigen Hiphop-„Lobpreis“ der neusten charismatischen Prägung, bei dem im Discostil getanzt werden kann. Statt „Predigten“ hört man dort kurze, prägnante „Inputs“, verbunden mit optischer Animation oder der Ausstellung von Kunstwerken. Alles muß „cool“ und „relevant“ sein; positiv, lebensbejahend – nur keine „Frömmelei“, keine Bußpredigten.

* organische Zellgemeinden: Hier gibt es teilweise gar keine regelmäßigen „Gemeindeversammlungen“ mehr. Man trifft sich mit wenigen Gleichgesinnten, die meist aus derselben „Subkultur“ stammen, in Bars und Szenetreffs, am Arbeitsplatz, in der Uni. Es gibt keinen festen Ablauf; mal ißt und redet man nur locker miteinander, mal gibt es eine „Lehre“ bzw. ein Gespräch über die Bibel, mal nur Lobpreislieder, die vielleicht jemand spontan gemacht hat. Es geht meist intensiv charismatisch zu; man wird von „Aposteln“ besucht, aber hat oft gar keine feste Leiterschaft. Diese Gemeindestruktur wird oft damit begründet, daß sie den Bedürfnissen der heutigen Menschen besser entspreche als eine fest strukturierte Gemeinde.

Das Verführungsnetzwerk der „missionalen Gemeinde“ breitet sich aus. Der Begriff „missional“ ist in bewußter Abgrenzung zum klassischbibeltreuen Missionsbegriff entstanden und baut auf der ökumenischen Missio-Dei-Theologie auf. Er signalisiert, daß derjenige, der ihn verwendet, ein ganz anderes Missionsverständnis hat als das unter gläubigen Christen übliche. Es ist sehr interessant zu beobachten, daß die „neuen“ Missionslehren der heutigen Evangelikalen direkt von den Theologen der liberal-ökumenischen Bewegung übernommen wurden, die ja die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel ebenso ablehnen wie das stellvertretende Sühnopfer unseres Herrn, Seine Auferstehung, Sein Wiederkommen, das Tausendjährige Reich und das ewige Verderben der Gottlosen. Sämtliche Grundbegriffe und Ideen der als „neue Einsichten“ und „Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ vermittelten missionalen Lehren (Missio Dei, Reichgottesevangelium, Kontextualisierung, Inkarnation, Transformation) wurden direkt aus den viele Jahre vorher ablaufenden Diskussionen der ökumenischen Weltbewegung übernommen.Ihr Wesen ist bibelkritisch, erlösungsfeindlich, antichristlich und verführerisch. Diese missionalen Falschlehren haben auch enge Bezüge zur römisch-katholischen Missionsauffassung seit dem II. Vatikanischen Konzil. Die irreführenden Lehren der missionalen Gemeindebewegungen. Zusammenfassend wollen wir die Grundlagen der „missionalen“ Strömungen und Lehren bzw. Irrlehren aufzeigen:

* die falsche Lehre, daß in der heutigen Zeit ganze Völker zu Jüngerngemacht werden sollen, anstatt Einzelne aus der Welt herauszurufen;

* die falsche Lehre, daß das Reich Gottes heute schon außerhalb der Gemeinde in der Welt gegenwärtig sei und die Gemeinde berufen sei, an der Ausbreitung des Reiches Gottes in der Welt auf andere Weise als durch Evangelisation mitzuwirken (z.B. durch sozialpolitisches Engagement, durch „zeichenhafte“ Lebensweise und Aktionen, durch Zusammenarbeit mit weltlichen Institutionen; „gesellschaftsrelevanter Gemeindebau“; „Gesellschaftstransformation“);

* die falsche Lehre, daß es eine „Mission Gottes“ (missio dei) in der Welt gebe, die über Evangelisation hinausgeht, daß Gott bereits in der Welt, in den Kulturen und Religionen der Welt „erlösend“ handele und die Gemeinde den Auftrag habe, an der Mission Gottes in der Welt durch Transformation der Gesellschaft und Kultur und durch „Weltveränderung“ teilzuhaben;

* die falsche Lehre der Kontextualisierung, nach der die Botschaft des Evangeliums und die Struktur und das Leben der Gemeinde an die jeweils vorherrschende heidnisch-weltliche „Kultur“ angepaßt und „inkarniert“ werden müßte, daß die Gemeinde „kulturrelevant“ sein müsse;

* die falsche Lehre, daß die Gemeinde ausschließlich für die Mission und für die Welt da sei (anstatt für Gott als heilige Priesterschaft zur Verfügung zu stehen), daß die Gemeinde sich für die Welt, insbesondere für die „Armen und Entrechteten“, für ganze Städte aufopfern solle und sich dazu an sozialen und politischen Aktionen gegen Armut und für Gerechtigkeit zu beteiligen habe (UNO-Millenniumsziele, PEACE-Plan, Micha-Initiative; „holistische“, „ganzheitliche“ Mission).

Das Konzept sich vervielfältigender Gemeindegründungsbewegungen

Ein grundlegendes Element der neuen missionalen Gemeindebewegungen ist die Strategie rasch sich vervielfältigender Zellen, die nach den Erwartungen der Gemeindewachstumslehrer zu einem lawinenartigen, exponentiellen Wachstum einfacher Gemeinden führen soll. Wie bei einem Geschwür sollen sich diese Zellen in der Zielkultur sozusagen nach dem Schneeballprinzip ausbreiten, um sie schließlich ganz zu erobern. Theologen wie Ralph Winter, Pioniere wie Jim Montgomery von DAWN und Praktiker wie Alan Hirsch, Wolfgang Simson, Neil Cole und David Watson gehören zu den Vordenkern dieser Richtung, die zunehmend in Gemeindewachstums-kreisen Gehör findet.

Unabdingbare, wenn auch oft nicht klar ausgesprochene Grundlage dieser Strategien ist in jedem Fall die religionsvermischende Theologie der Kontextualisierung bzw. der „inkarnatorischen“ Mission. Ohne eine verfälschte, mit der heidnischen Zielkultur vermischte und an sie angepaßte Botschaft, ohne ein anderes Evangelium also ist kein Massenwachstum möglich – das haben wir schon gesehen. Das falsche Evangelium dieser Bewegungen ist das „Reichsevangelium“ – Ausbreitung und Aufbau des Königreiches Gottes durch Christianisierung ganzer Nationen. Das missionale Gemeindenetzwerk in Deutschland Die missionale Verführungsströmung umfaßt heute ein undurchsichtiges, ständig wachsendes Netzwerk, in dem verschiedene Kräfte nach New-Age-Grundsätzen (Netzwerk, Synergieprinzip, Einheit in der Vielfalt) zusammenarbeiten:

* eine wachsende Zahl von Theologen, Missiologen und Lehrern an theologischen Ausbildungsstätten, wobei gerade die theologischen Ausbildungsstätten besonders anfällig sind, weil sie unter dem Druck stehen, stets „auf dem neuesten Stand der Missiologie“ zu sein;

* eine wachsende Zahl von evangelikalen Missionswerken und Missionaren, die früher vielleicht noch biblische Wege gingen und sich heute unter dem Einfluß der evangelikalen Missiologen neu orientieren – in Richtung Kontextualisierung und sozialpolitisches Engagement;

* eine wachsende Zahl von evangelikalen Führern in der Lausanner Bewegung, der Evangelischen Allianz und den einzelnen Gemeinde- und Gemeinschaftsverbänden sowie zahlreiche evangelikale Verlage und Publizisten;

* eine wachsende Zahl von evangelikalen Jugendwerken, vollzeitlichen Jugendmit-arbeitern, Jugendgemeinden, Jugendgottesdiensten und Jugendinitiativen (z.B. „Initiative Hoffnung“);

* eine wachsende Zahl von Gemeindegründungsinitiativen, Gemeindegründungs-Bewegungen und neu gegründeten Trendgemeinden (z.B. City Churches);

* eine wachsende Zahl von Gemeindeleitern, Gemeindemitarbeitern und örtlichen evangelikalen Gemeinden, darunter auch solche, die früher vielleicht eher bibeltreu orientiert waren;

* eine wachsende Zahl von einzelnen Christen – überwiegend, aber nicht nur, aus der jüngeren Generation -, die durch Zeitschriften, Bücher, Konferenzen oder das Internet mit dem missionalen Gedankengut angesteckt wurden.

Auf der Grundlage dieser Lehren hat sich aus der Gemeindewachstumsbewegung („Willow Creek“ u.ä.) ein Netzwerk verschiedener neuer Gemeindebewegungen entwickelt, die den Anspruch haben, die heutigen „postmodernen“ Menschen mit einer neuen, kulturangepaßten Strategie besser zu erreichen. Der radikalere Flügel dieser missionalen Strömung wurde unter der Bezeichnung „Emerging Church“ bereits früher bekannt und hat auch einiges Aufsehen erregt; weniger bekannt ist, daß es von der Lehre und von der Struktur her sehr eng verwandte Gemeindebewegungen gibt, die sich nicht als emergent bezeichnen und doch ganz ähnliche Irrlehren verbreiten und ziemlichen Schaden anrichten. Über diese Gemeinde-Verführungsströmungen berichtet ausführlich mein neues Buch Zerstörerisches Wachstum, das die Geschichte, die Lehren, die wichtigsten Vertreter und die Konzepte dieser Gemeindegründungs-bewegungen untersucht und biblisch widerlegt. Auf der Grundlage dieses Buches sollen hier einige Fakten über dieses Netzwerk genannt werden:

Ein wichtiges Gremium für die Arbeit dieses Netzwerkes aus verschiedenen Freikirchen, Missionswerken und Gemeindegründungsinitiativen ist die Konsultation für Gemeindegründung. Hier sind zahlreiche evangelikale Gruppen vereinigt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, auf der Grundlage der missionalen Falschlehren neue Gemeinden zu gründen; darunter größere Allianzmitglieder wie der Bund Freier Evangelischer Gemeinden und der Baptistenbund (BEFG), aber auch kleinere Initiativen, die teilweise der Emerging Church angehören. Eine bedeutende missionale Initiative, die weithin mit anderen vernetzt ist, trägt den Namen City Mentoring Programm (CMP). Dieses Netzwerk von Mentoren, Gemeinden und Gemeindegründern wurde wesentlich von Dr. Stephen Beck, Dozent an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen, in Zusammenarbeit mit Absolventen der FTH aufgebaut und betreibt Gemeindegründung in mehreren großen Städten. Vom CMP werden u.a. die Gemeindegründungen Berlinprojekt, Soulfire Köln (mit Verbindungen zu Calvary Chapels), Neustadtprojekt (Tochtergemeinde in Neustadt/W. von Chr. Gemeinde Landau), Mosaik Gemeinde Frankfurt (FEGs) und Frankfurt CityChurch betreut. Über verschiedenste Kanäle ist die emergente Bewegung (Emerging Church) in Deutschland mit dem missionalen Gemeindenetzwerk verbunden und darin eigentlich voll integriert. Profilierte Sprecher der Emergenten wie Prof. Johannes Reimer und Dr. Tobias Faix, Dr. Peter Aschoff und David Schäfer wirken bei missionalen Initiativen und Veranstaltungen mit. Emergentes Gedankengut wird nicht zuletzt durch den Studiengang „Gesellschaftstransformation“ (MBS Marburg) weitergegeben, dessen Dozentenliste sich wie ein Who’s who der deutschsprachigen emergenten Bewegung liest. Die an der weltweiten Emerging Church-Richtung orientierte emergente Bewegung ist nur eine besonders aktive und hörbare Unterströmung der missionalen Gemeindeströmung, ihr radikalerer Flügel sozusagen. Die ganze missionale Richtung bringt gefährliche Irreführung und Zerstörung biblischer Gemeinde mit sich. Auch die Strömungen, die sich nicht offen zum emergenten Gedankengut bekennen und sich „evangelikal“ geben, nähren sich von denselben Irrlehren und hören auf dieselben verführerischen Lehrer. Sie alle vertreten die Irrlehren vom gegenwärtigen Reich Gottes, von der trügerischen „Mission Gottes in der Welt“, von der Kontextualisierung und der Auslösung von heidnischen „Insiderbewegungen“. Sie alle sind gegründet in den bibelkritischen Irrlehren der Weltökumene und sind offen für die Verleugnung des Sühnopfers Jesu Christi und Seiner heiligen Person. Sie vertreten ein falsches Evangelium und einen anderen Jesus, auch dort, wo sie sich in ihren Glaubensbekenntnissen noch auf traditionelle evangelikale Formeln berufen und behaupten, sie stünden auf dem Boden der „Evangelischen Allianz“ – dieser „Boden“ ist inzwischen so breit geworden, daß fast jede Irrlehre und Irrströmung darauf „stehen“ kann. Sie alle verkünden das „neue Paradigma“ von der weltzugewandten, weltumarmenden „missionalen Gemeinde“, die ganze Nationen zu Jüngern machen und das Reich Gottes hier in der Welt durch sozialpolitisches Engagement bauen soll. Ihre Parolen lauten heute „sozialdiakonisches Handeln“, „kulturrelevante Gemeinden“ und „Gesellschaftstransformation“. Diese Lehren sind der neueste Trend, das Geheimrezept für „Relevanz“ und „Gemeindewachstum“ im 21. Jahrhundert. Sie werden deshalb von m„Neuerern“, die sich innerlich von der biblischen Lehre längst verabschiedet haben, auch in ursprünglich bibeltreue Gemeinden hineingetragen; man will „Gemeinde neu denken“ und „Neues wagen“ – aber das Ergebnis ist Zerstörung und Irreführung. Möge der HERR Seiner Gemeinde in dieser Endzeit gnädig sein!

Der schmale Weg Nr. 1 / 2013

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