Wie Spurgeon Vorbild sein kann in den theologischen Kontroversen unserer Zeit (Dr. Martin Erdmann)

PDF Dokument mit Fussnoten

(Quelle: Dr. Martin Erdmann blog.veraxinstitut.ch)

Das klassische Beispiel der frühen Auseinandersetzung zwischen dem biblischen Christentum und dem theologischen Liberalismus war die sogenannte Niedergangskontroverse. Nachdem der Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Baptisten-Union Englands eingedrungen war, wurde Charles Haddon Spurgeon unmittelbar davon betroffen. In seiner Publikation Sword and Trowel (Schwert und Kelle) berichtete er über den lehrmäßigen und geistlichen Zerfall der baptistischen Kirche in Großbritannien. Seine Warnungen gegen den Übergriff des Liberalismus und Versuche, ihm entschieden entgegenzutreten, sowie sein Mut, aus der Baptisten-Union auszutreten, nachdem er sich die Sinnlosigkeit seines Kampfes innerhalb dieser eingestehen musste, ist auch in unserer Zeit beispielhaft, wie man sich als bibeltreuer Christ in einer ähnlichen Situation verhalten sollte. Die kritische Sachlage von damals unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der heutigen. Wenn die Schlichtungsversuche innerhalb einer Kirche, die sich dem Liberalismus gegenüber geöffnet hat, zu keiner vernünftigen Lösung führen, dann bleibt letztlich nur noch der Gang aus ihr heraus übrig.

spurgeon

Spurgeon führt den eigentlichen Grund der Niedergangskontroverse auf das 1662 von Karl II. erlassene Gesetz der Uniformität zurück. Der englische Stuart-König trieb ein doppeltes Spiel: offiziell war er das oberste Haupt der anglikanischen Staatkirche, im Herzen war er ein stillschweigender Katholik, der auf dem Sterbebett zum Katholizismus konvertierte. Karl II. verbannte den calvinistischen Puritanismus aus der Kirche und setzte den Arminianismus an dessen Stelle. Spurgeon war völlig davon überzeugt, dass der Arminianismus die Schuld trug, dem Liberalismus in den verschiedenen Denominationen Englands Tür und Tor geöffnet zu haben. Die reformierten Presbyterianer erlagen als erste den verführerischen Lehren des Arminianismus, weil viele unbekehrte Kirchgänger aufgrund ihrer Kindertaufe als Mitglieder zugelassen wurden und schließlich Zugang zu den Entscheidungsgremien ihrer Kirche bekamen. Spurgeon schrieb dazu folgendes:

Der Arminianismus ist nichts anderes als Pelagianismus unter einem anderen Namen; er hatte das geistliche Leben innerhalb der Kirche von England größtenteils aufgezehrt, und so konnte der Arianismus ihm auf den Fersen folgten, um die Zerstörung fortzusetzen und zu komplettieren.

Etwas weiter unten in der gleichen Ausgabe von Sword and Trowel führt Spurgeon den nachfolgenden Gedanken aus:

„… es lässt sich aus den Fakten schließen, die sowohl zu hartnäckig, als auch zu zahlreich sind, um sie verdrehen beziehungsweise widerlegen zu können, dass der Arminianismus unter diesen Lehren der gemeinsame Weg hin zum Arianismus und Sozinianismus war.“

Neben der weiten Verbreitung des Arminianismus gab es für den geistlichen Zerfall noch einen weiteren Grund: das grundlegende Problem in der damals in Baptistengemeinden vorherrschenden Lehre war die Verwerfung der Inspiration der Heilige Schrift. Dies war der erste Fehltritt, in dem Spurgeon das Hauptübel des Liberalismus ausmachte. Er schlußfolgerte: „Gestatte es jemandem, die Inspiration und Autorität der Bibel zu hinterfragen oder eine geringschätzige Meinung darüber zu haben, so fehlt der Landkarte der Wegweiser und dem Anker der feste Untergrund.“ Spurgeon meinte, dass der Liberalismus eine neue Religion ist, die „so wenig etwas mit dem Christentum zu tun hat wie Kalk mit Käse.“ Es ärgerte ihn, dass diese Feinde des Glaubens „von uns erwarten, als Brüder angesprochen zu werden und im Bunde mit ihnen zu bleiben.“ Seine Kritiker vermuteten, dass die kritischen Kommentare Spurgeons seiner schlechten körperlichen Verfassung zuzuschreiben seien und er lediglich mehr Ruhe benötige. Sie schlugen ihm deshalb vor, in den Urlaub zu fahren.

Spurgeon trat im Oktober 1887 mit der Begründung aus der Baptisten-Union aus, dass „es ihm geboten schien, sich nicht an die Seite derer zu stellen, die ein anderes Evangelium lehrten,“ und fügte noch hinzu, dass „er es zutiefst bedauerte, sich von der Gemeinschaft mit denen fernzuhalten, die er zu tiefst liebte und von Herzen respektierte, denn sonst würde er im Bunde mit denen stehen, die die Gemeinschaft mit dem Herrn verworfen haben.“ Seine Einstellung in dieser Hinsicht war eindeutig:

„Sobald ich sah, oder meine, gesehen zu haben, dass der Irrtum sich völlig etabliert hatte, diskutierte ich nicht darüber, sondern verließ die Organisation [Baptistenbund] sofort.“

Spurgeon nannte noch andere bedauerliche Faktoren, die zur Niedergangskontroverse geführt hatten. Zum einen lobte er den einflussreichen Pastor Philip Dodderidge, den er für rechtgläubig und liebenswürdig erachtete. Zum anderen kritisierte er ihn aber auch, weil Dodderidge sich manchmal dazu bereit erklärte, mit Männern Gemeinschaft zu pflegen und ihnen seine Kanzel zum Predigen anzubieten, die die Rechtgläubigkeit hinterfragen. Dieses kompromissbereite Verhalten würde auf die jüngeren Pastoren abfärben. Im Weiteren bedauerte Spurgeon die Versuche anderer, Neutralität zu wahren, indem sie sich zwischen die Kontrahenten stellten und ausriefen, dass es keinen Grund für diese Streitigkeiten gäbe und dass das gemeinsame Motto heißen müsse „Friede, Friede!“ Der englische Baptistenprediger war darauf bedacht, seine Proteststimme gegen die Gottlosigkeit zu erheben, sodass diejenigen, die sich zum Christentum des Neuen Testamentes bekannten, sich schließlich aus der Komplizenschaft mit den Liberalen befreiten, um nicht mehr an der „Konspiration des Schweigens“ teilzunehmen.

Spurgeon nahm drei verschiedene Parteien wahr, die sich an der Kontroverse zwischen Rechtgläubigkeit und Liberalismus beteiligten: die Liberalen, die Bibeltreuen und eine große Gruppe Unentschlossener, die sich aus unterschiedlichen Gründen weigerte, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Neben den Liberalen betrachtete er auch die sich in der Mitte positionierenden Brüder als Quelle der Zwietracht, denn die kritische Situation forderte eine „Entweder-oder“-Entscheidung.

Seit den Tagen Spurgeon wiederholt sich die Niedergangskontroverse in England wie in anderen Ländern in bestimmten Zeitabständen. Die Fundamentalisten Amerikas sahen sich Anfang des 20. Jahrhunderts der gleichen Auseinandersetzung mit den Liberalen gegenüber gestellt und hörten dieselben Argumente von ihren angeblichen Freunden im konservativen Evangelikalismus, wie sie Spurgeon von seinen kompromissbereiten Kollegen in Baptistenbund vernommen hatte. Um des lieben Friedens willen wurden die Fundamentalisten dazu angehalten, weiterhin gemeinsame Sache mit den Liberalen zu machen. Diese Argumente werden von den Neo-Evangelikalen unserer Zeit wieder neu aufgewärmt, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob man sich von den Machenschaften der Befürwortern des Neo-Calvinismus, der Transformations-Theologie oder der Neuen Paulus-Perspektive distanzieren sollte oder nicht. Charles Haddon Spurgeon gab zu seiner Zeit die richtige Antwort und das sollte auch unsere sein.

© Verax Institut 2014

siehe auch Artikel Vortragsreise von Dr. Martin Erdmann

facebook AntiDominionist google-plus AntiDominionist S. Schad www.der-ruf.info

twitter AntiDominionist youtube AntiDominionist 02.08.2014

Kommentar verfassen