Der nationale Staat Israel, kabbalistische Bibelauslegung und die Evangelikalen (Dirk Noll)

 

Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?

Zunächst einmal ist es so, dass führende Evangelikale in den USA in ihren Büchern kabbalistische Bibelauslegungen verwenden, die sie von Rabbinern übernommen haben. Am besten kann man solche Dinge verdeutlichen, wenn man die Spitzen, sprich Extreme, als Beispiel nimmt.

Ein Extrembeispiel ist das Buch von aktuell einem der führenden Evangelikalen Köpfe in den USA John Hagee. Er schreibt in seinem Buch Jerusalem Countdown, dass der Holocaust an den Juden gottgewollt gewesen sei, weil Gott es beabsichtigt habe, dass die Juden durch Hitler und die Nazis in ihr Land zurückgebracht werden. Damit hätte Gott die Verheißungen an Abraham erfüllt.

Diese Position hat Hagee von der größten jüdischen religiösen Gruppe in den USA, Chabad Lubawitsch und ihrem Oberhaupt, dem Rabbi von Lubawitsch übernommen. Diese Gruppe legt die Bibel (AT) mit der Kabbala (jüdischer Geheimlehre) aus. Die Lehre, dass der Holocaust gottgewollt gewesen ist, ist also eine kabbalistische Bibelauslegung.

Die meisten Christen haben jedoch ein biblisches Glaubensfundament, das so breit ist, dass sie eine solche Irrlehre zurückweisen. Doch in hohen jüdischen und christlichen Kreisen werden solche Lehren ernsthaft geglaubt.

Im Jahr 2007 wurde diese Lehre vom „gottgewollten Holocaust an den Juden“ auf der größten gemeinsamen Konferenz von Juden und Christen weltweit (Christians United for Israel) öffentlich von dem Juden Max Blumenthal angesprochen, worauf er von Sicherheitskräften abgeführt wurde.

Viel gefährlicher als solche offensichtlichen Irrlehren, in Form von kabbalistischer Bibelauslegung, sind die Lehren, die man nicht so offen erkennen kann, die aber ebenfalls über diese Bewegung verbreitet werden und auch mittlerweile in Deutschland einen großen Einfluss auf evangelikale Christen haben.

Das sind die Lehren des Scofield-Dispensationalismus, sowie die jüdisch-kabbalistische Lehre „Ben Josef“. Bei diesen Lehren liegt die eigentliche Gefahr, weil sie nicht offen erkannt werden, aber zur Zeit bei den Evangelikalen eine große Wirkmacht haben.

Was verbirgt sich dahinter?

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Cyrus I. Scofield

Die Lehre des Dispensationalismus wurde in den USA ab 1909 durch die sog. Scofield-Bibel promoted. Die Scofield-Bibel ist in den USA so weit verbreitet, dass man in großen Teilen der Evangelikalen diese Lehren wiederfindet. Sie hat für sich, dass sie ein konservatives Christentum vertritt, das sich zur Inspiration der Heiligen Schrift bekennt.

Ich möchte hier allerdings auf eine Lehre in der Scofield-Bibel aufmerksam machen, die in der aktuellen Situation zu einem Problem zu werden scheint. Es ist die Lehre, dass die Juden dadurch erlöst werden, indem ein nationaler Staat Israel in den Grenzen errichtet wird, wie sie im AT geschildert werden. Die Zukunft der Juden ist dabei nicht der Himmel, sondern ein irdisches Israel, und dem entsprechend ist die Erlösung auch keine geistliche, bei der die Juden durch den Glauben an Jesus Christus für den Himmel gerettet werden. Nach der Lehre der Scofield-Bibel ist der Himmel den Christen vorbehalten, und die Juden haben die Verheißung einer irdischen Erlösung in einem nationalen Staat Israel.

Die Bibel dagegen sieht die Erlösung der Juden in der Annahme des Evangeliums. Die Erlösung ist eine geistliche und alle Juden, die an Jesus Christus glauben, kommen in den Himmel.

Diese Lehre, von der Erlösung der Juden durch einen nationalen Staat Israel, verbindet sich nun in der o. g. Israelbewegung in den USA mit der kabbalistischen Lehre von „Ben Josef“.

Was ist die Lehre von „Ben Josef“?

Die jüdischen Kabbalisten (findet man in großen Teilen des Judentums unter den Namen „Chabad“ und „Chassidim“) erwarten den Messias, den sie „Ben David“ nennen. Das ist der Messias, der im AT verheißen ist, um auf dem Thron Davids zu sitzen. An diesen Messias glauben auch die Christen, und von diesem Messias berichtet auch die Bibel.

Nun glauben Kabbalisten aber, dass sich in der Bibel noch eine geheime Lehre befindet, die man nicht offen aus der Bibel herauslesen kann. Diese wird durch eine okkulte Symbolik von Bildern und Zahlen, aber auch durch übernatürliche Geistesoffenbarungen, aus der Bibel herausgedeutet. Solch eine Lehre ist die Lehre von einem Messias „Ben Josef“.

Dem Messias „Ben David“ soll demnach ein Messias „Ben Josef“ vorausgehen, der sozusagen den Weg ebnet, damit der Messias „Ben David“ kommen kann. Der Messias „Ben Josef“ ist eine symbolische Figur, die für Juden und Christen steht, die sich aktiv dafür einsetzen, dass Israel als Staat in den Grenzen des AT wohnen kann und dass in Jerusalem ein 3. Tempel errichtet wird. Wenn das erreicht ist, soll der Messias „Ben David“ kommen.

Mit dieser Lehre im Hintergrund versuchen nun Juden und Christen gemeinsam, sich für den politischen Staat Israel einzusetzen, damit die Juden in den Grenzen des AT wohnen und dass ein 3. Tempel errichtet wird. Sie wirken also aktiv daran mit, dass der Messias „Ben David“ kommen kann.

Vielen Christen sind diese Hintergründe eher weniger bekannt. Doch das Ergebnis dieser Lehren ist für jedermann sichtbar: Es gibt eine Tendenz, dass sich Christen mehr für die politischen Ereignisse um den Staat Israel interessieren und sich dafür einsetzen, als dass sie darum ringen, dass den Juden das Evangelium von Jesus Christus verkündet wird und sie für den Himmel gerettet werden.

Weil in der aktuellen Lage viele Emotionen im Hinblick auf Israel so hochgekocht wurden, ist deshalb ein Aufruf oder sogar ein Weckruf an die Christen notwendig, dass sie wieder neu auf die Worte des Paulus hören, dessen tiefster Wunsch des Herzens war, dass die Juden geistlich gerettet werden, indem sie Jesus Christus annehmen:

Brüder, der Wunsch meines Herzens und mein Flehen zu Gott für Israel ist, dass sie gerettet werden“ (Römer 10,1).

Dirk Noll

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twitter AntiDominionist youtube AntiDominionist 18.08.2014

 

2 Kommentare

  1. Ich habe früher die Scoffield Bibel gelesen und ich kann mich nicht erinnern, eine solche Darstellung (Himmel für Christen, Erde für Juden) gelesen zu haben, das wäre mir sicherlich aufgefallen und ich hätte es mir gemerkt. Auch habe ich in der Scoffield Bibel keinerlei Zahlenmystik und übertriebene Symboldeutung gesehen. Ich kann diese Verbindung Scoffield Dispensationalismus und Kabbalistik nicht erkennen. Bitte Beweise liefern, wenn es so ist.
    Auch bin ich als Dispensationalist immer wieder verwundert, dass dieser nicht als das gesehen wird was er ist, nämlich der Versuch, das biblische Heilswerk chronologisch in Abschnitte zu unterteilen, zu einem besseren Verständnis. Da gibt es mehrere Modelle. Auch wenn man manche in Frage stellen kann, so ist es abwegig, auch nur einem einzigen Modell eine Irrlehre zu unterstellen.
    Historiker (und die Bibel ist ja vorwiegend ein historisches Buch) unterteilen ja auch die profane Weltgeschichte in Abschnitte und sind gelegentlich auch nicht einig darüber, wo z.bsp die Antike aufhört und das Mittelalter beginnt. Darüber streitet man aber auch nicht, weil es nicht so wichtig ist, derartige Systeme sind ja nur Hilfsmittel.

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