Ende der Charismata (Benjamin B. Warfield)

(Quelle: Georg Walter www.d-publikation.de)

Benjamin B. Warfield: Ende der Charismata

Seite 1-7 der Broschüre: Benjamin B. Warfield, Ende der Charismata.

Vorwort

Benjamin B. Warfield (1851-1921) gehörte zu den einflussreichsten konservativen Theologen seiner Zeit. Von 1886 – 1921 war er Rektor des Princeton Theological Seminary in Princeton, USA. Er galt als einer der bekanntesten Gegner des Rationalismus und der Bibelkritik. Ein Christentum ohne Wunder war für Warfield kein Christentum. Dennoch erkannte er den Irrtum jener Theologen, die die Auffassung vertraten, dass die wunderwirkenden Geistesgaben über Jahrhunderte oder gar, wie im Fall der 1906 entstandenen Pfingstbewegung, bis heute fortwirkten. In seinem Buch Counterfeit Miracles (Falsche Wunder) aus dem Jahre 1918 legt er in brillanter Weise und mit großer Sachkenntnis die Argumente für den Cessationismus dar – der Lehre, dass die Geistesgaben in Form von Inspirations- sowie Wundergaben mit dem Tod der Apostel und der Jünger, die diese Gaben durch die Handauflegung der Apostel der Urgemeinde empfangen hatten, aufhörten.

Die vorliegende Übersetzung des Artikels The Cessation of the Charismata (Ende der Charismata) aus Warfields Buch bleibt auch nach fast 100 Jahren ein „Stachel im Fleisch“ der Nicht-Cessationisten. Warfield beweist in seinen Ausführungen, dass die These über den Fortbestand bestimmter Charismata nach dem Tod der ersten Apostel letztlich nicht haltbar ist, und dass die Wunder der Urgemeinde nach Gottes Ratschluss dazu bestimmt waren, sowohl die Botschaft des Evangeliums als auch die Botschafter – in erster Linie die Apostel – dieser letztgültigen Offenbarung in Christus zu beglaubigen. Nachdem Gottes Offenbarung abgeschlossen war und in Form des Neuen Testaments vorlag, war auch die Zeit der Inspirationsgaben und Wunder zu einem Ende gekommen.

Charismata

Warfield legt dar, dass Aussagen über Wunder in der christlichen Literatur nach der Zeit der Apostel sehr genau durchleuchtet werden müssen, ehe man zu voreiligen Schlussfolgerungen kommt. So findet sich bei den Aussagen der Kirchenväter aus den ersten drei Jahrhunderten kein einziger Fall, in dem die Verfasser selbst ein Wunder gewirkt oder als Augenzeugen beobachtet hatten. Die Kirchenväter sprechen entweder im Allgemeinen von Wundern der christlichen Urgemeinde oder geben Berichte Dritter weiter, die noch in der apostolischen Zeit gelebt hatten, in welcher das Auftreten von Wundern unbestritten ist. Im Laufe der ersten nachchristlichen Jahrhunderte entstanden ferner viele Wunderlegenden von „Heiligen“ der katholischen Kirche, die allesamt eher dem Aberglauben als historischen Tatsachen zuzurechnen sind, und die bis heute von Abermillionen von Christen unreflektiert geglaubt werden.

Theodor Trede schreibt in seinem Buch Wunderglaube im Heidentum und in der alten Kirche: „Im dritten Jahrhundert war der religiöse Glaube völlig vom Wunderglauben aufgesogen. Man lebte denkend und glaubend in einer Wunderwelt, wie der Fisch im Wasser. Je wunderbarer eine Kunde, desto bereitwilliger fand sie gläubige Anhänger. Von einer, wenn auch noch so bescheidenen Kritik war keine Rede, die Leichtgläubigkeit selbst bei Gebildeten erreichte einen unerhörten Grad, ebenso wie die Zahl derer, welche als Betrogene oder Betrüger zwischen Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr zu unterscheiden vermochten. Die Altgläubigen (Heiden) bezweifelten nicht die Wunder der Neugläubigen (Christen) und umgekehrt. Ein Riesennetz des Aberglaubens hielt die gesamte Menschheit des Römerreichs gefangen, ein Netz, an welchem Orient und Okzident gearbeitet hatten. Niemals gab es eine aufgeklärte und blasierte Gesellschaft, die so ganz in der Welt des Übernatürlichen lebte.“ (Friedrich Andreas Perthes Verlag, Gota, 1901, S.57-58).

Dies erinnert durchaus an die Zeit, in der wir heute leben. Dass neben New Age und Esoterik die pfingstlich-charismatische Bewegung weiterhin großen Zuwachs, vor allem in Ländern der Dritten Welt wie Afrika, Asien und Lateinamerika, wo der Aberglaube noch immer tief verwurzelt ist, verzeichnet, und dass selbst in aufgeklärten Gesellschaften wie jenen in Nordamerika sowie Europa der Nicht-Cessationismus, begleitet von schwärmerischen Glaubensinhalten, auf dem Vormarsch ist, zeigt einmal mehr, dass die Verführung der Endzeit damals wie heute ungebrochen weiterwirkt. Keine der modernen „Wunderheilungen“, „Totenauferweckungen“, „Exorzismen“ oder „Prophetien“ können einer nüchternen und sachlichen Prüfung standhalten. Und dennoch halten unzählige Christen hartnäckig an der irrigen Lehre des Nicht-Cessationismus fest. Der Kampf um die Wahrheit ist eben nicht ein Kampf mit Fleisch und Blut, sondern es ist ein geistlicher Kampf mit den widergöttlichen Mächten der unsichtbaren Welt, die es nur zu gut verstehen, Christen zu verlocken, ein „anderes Evangelium“ und einen „anderen Geist“ zu empfangen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen werden, dass Warfield unter dem Ende der Charismata nicht das Aufhören aller Charismata (Gnadengaben) des Neuen Testaments versteht, sondern lediglich der Gnadengaben in Form von Inspirationsgaben (z. B. Wort der Erkenntnis, Prophetie) und Wundergaben (z. B. Gnadengabe der Heilungen, Wunderkräfte), die nach Gottes Ratschluss speziell dazu bestimmt waren, die Botschaft des Evangeliums in der Zeit der Urgemeinde zu bestätigen. Nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, hörten diese besonderen Gaben in der nach-apostolischen Zeit auf. Der Begriff charisma bedeutet Gnadengabe und umfasst weit mehr als die Wunder- und Inspirationsgaben, welche auch als pneumata, Geistesgaben, bezeichnet werden. Letztere sind lediglich eine Untergruppe der Gnadengaben. Zu den Charismata zählen u. a. das ewige Leben (Rö 6,23), Vergebung der Sünden (Rö 5,16), Ehe oder Ehelosigkeit (1Kor 7,7), die Erwählung Israels (Rö 11,29), Rettung aus Gefahr (2Kor 1,11) usw. Diese Gnadengaben haben auch heute noch ihre Gültigkeit in der Gemeinde des Christus.

Warfields vorliegende Schrift atmet den biblischen Geist der Wahrheit und ist bislang von keinem Nicht-Cessationisten entkräftet worden. Anhänger des Nicht-Cessationismus sind in zweifacher Weise irregeleitet. Erstens, ihre Argumentation steht nicht auf dem Fundament biblischer Lehre. Und zweitens, ihre Ausführungen in Bezug auf die Quellen der Literatur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte entbehrt jeglicher historischer Grundlage. Es ist der Verdienst Warfields, die Position des Cessationismus sowohl auf biblischer als auch auf historischer Grundlage meisterhaft darzulegen und mit einer Fülle von Quellen zu belegen.

Georg Walter

Ende der Charismata

Benjamin B. Warfield

Wenn wir erst einmal das biblische Prinzip fest erfasst haben, welchem die Austeilung der wunderwirkenden Gaben zugrunde liegt, erkennen wir, dass wir einen Schlüssel in der Hand haben, mit dem wir alle historischen Puzzleteile zusammensetzen können.

Als unser Herr auf die Erde kam, brachte er den Himmel mit sich. Die Zeichen, die er in seinem Dienst wirkte, waren lediglich Spuren der Herrlichkeit, die er von seiner himmlischen Heimat mit sich brachte. Die Zahl der Wunder, die er vollbrachte, kann man leicht unterschätzen. Es wurde gesagt, dass er in den drei Jahren seines Dienstes in Palästina faktisch Krankheit und Tod verbannte. Wenn es sich hierbei um eine Übertreibung handelt, ist es eine entschuldbare Übertreibung. Wo immer er sich aufhielt, war er ein Segen. Gewöhnlich unterschätzen wir sein segensvolles Wirken, indem er umherging und „Gutes tat“ (Apg 10,38), wie Lukas es ausdrückt. Seine eigene göttliche Macht, durch welche er den Bau seiner Gemeinde begonnen hatte, wirkte in den Aposteln fort, die er berufen hatte, dieses große Werk zu vollenden. Die Apostel wiederum, als Teil ihrer Gabe, Wunder zu wirken, und als krönendes Zeichen ihrer göttlichen Berufung, übertrugen die göttliche Vollmacht auf andere in Form der neutestamentlichen Gnadengaben als außergewöhnliche Fähigkeiten, die sich in den frühen Christengemeinden als direktes Wirken des Heiligen Geistes manifestierten.

Die Anzahl und Verschiedenheit dieser Gnadengaben war beträchtlich. Selbst die Aufzählung des Paulus, die im 12. Kapitel des 1.Korintherbriefes am umfangreichsten ist, kann kaum als erschöpfende Auflistung verstanden werden. Die Bezeichnung, die allgemein für Gnadengaben (Charismata) verwendet wird, ist umfassend genug, um das einzuschließen, was sowohl gewöhnliche als auch ausdrücklich außergewöhnliche Gnadengaben bezeichnet; es handelt sich um Gaben, die einerseits den Charakter der Gnade oder andererseits den Charakter des Wunders zum Ausdruck bringen. Tatsächlich findet man in den klassischen Schriftabschnitten, welche die Gnadengaben behandeln (1Kor 12-14) beide Arten von Gnadengaben. Den Gnadengaben, die nicht den Aspekt des Wunders, sondern der Gnade betonen, wird in diesem Schriftabschnitt tatsächlich der Vorzug gegeben; sie werden als die „vorzüglicheren Gaben“ und das Streben nach diesen als „vortrefflicherer Weg“ bezeichnet. Das Streben nach den höchsten Gaben – Glaube, Liebe und Hoffnung – ist der vortrefflichste Weg.

Unter den wunderwirkenden Gaben wird eine ähnliche Unterscheidung getroffen, wonach „Prophetie“ (die Gabe des Ermahnens und Lehrens) höher bewertet wird, ebenso wie jene Gaben, die den Leib Christi erbauen. Die Verbreitung dieser wunderwirkenden Gaben ist möglicherweise im Allgemeinen unterschätzt worden. Eine der wertvollen Aussagen des Schriftabschnitts in 1Korinther 12-14 findet sich in dem Bild, welches den christlichen Gottesdienst im apostolischen Zeitalter beschreibt (13,26ff). „Wie ist es nun, ihr Brüder?“, fragt der Apostel, „wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch etwas: einen Psalm, eine Lehre, eine Sprachenrede, eine Offenbarung, eine Auslegung; alles lasst zur Erbauung geschehen! Wenn jemand in einer Sprache reden will, so sollen es zwei, höchstens drei sein, und der Reihe nach, und einer soll es auslegen. Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde; er mag aber für sich selbst und für Gott reden. Propheten aber sollen zwei oder drei reden, und die anderen sollen es beurteilen. Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so soll der erste schweigen. Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermahnt werden. Und die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ Man muss anmerken, dass dies der normale Gottesdienst in Korinth in den Tagen der Apostel war. Es entspricht der Freiheit unserer modernen Gebetsversammlungen. Was diese hauptsächlich von den korinthischen Gottesdiensten unterscheidet, sind die wunderwirkenden Gaben, über jene die Korinther neben einem Psalm oder einer Lehre ehemals verfügten – eine Offenbarung, eine Zungenrede, eine Auslegung.

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die junge Gemeinde in Korinth einen Einzelfall darstellte. Der Apostel beschreibt nicht einen wundersamen Zustand, der nur diese Gemeinde charakterisierte. Er leitet sogar zum nächsten Thema über, indem er die bedeutsamen Worte „wie in allen Gemeinden der Heiligen“ verwendet. Und die Hinweise in den restlichen seiner Briefe und in der Apostelgeschichte sind zwingend, dieses wunderbare Bild christlicher Gottesdienste als etwas zu betrachten, das typisch für eine Vielzahl von Gemeinden war, die von den Aposteln überall in der Welt gegründet worden waren, und die sie besuchten, um dort zu predigen.

Das Argument kann auf die Inhalte der umfassenderen Liste in 1.Korinther 12 ausgeweitet werden; in den öffentlichen Gottesdiensten war weniger Gelegenheit, diese Gnadengaben auszuüben, da sie mehr dem Leben außerhalb der Versammlungen dienten. Die Liste umfasst so außergewöhnliche Gnadengaben wie die Gabe der Heilung, die Wirkungen von Wunderkräften, die Gabe der Prophetie, die Gabe der Geisterunterscheidung, verschiedene Arten von Sprachen und die Gabe der Auslegung – all dies waren Gnadengaben, die der anbetenden Versammlung dienlich waren und in 1Korinther 14,26ff wiederholt werden. Dass solche wunderwirkenden Gaben für die apostolischen Gemeinden charakteristisch waren, darf mit Fug und Recht gesagt werden. Eine Gemeinde ohne solche Gaben wäre die Ausnahme gewesen, und nicht eine Gemeinde mit diesen Gaben. Überall traten die apostolischen Gemeinden selbst als Gaben von Gott in Erscheinung, indem sie den Besitz des Geistes durch entsprechende Wirkungen des Geistes unter Beweis stellten – Wunderheilungen und Wunderwirkungen, das Wunder der Gabe der Erkenntnis in Form von Prophetie oder der Geisterunterscheidung, Sprachenwunder, sei es in Form der Zungenrede oder ihrer Auslegung. Die apostolische Gemeinde war ihrem Wesen nach eine wunderwirkende Gemeinde.

Wie lange hielt dieser Zustand an? Es handelt sich um die charakteristische Eigenart der apostolischen Gemeinde, und folglich war er ausschließlich auf das apostolische Zeitalter begrenzt – obgleich diese Festlegung zweifelsohne nicht zu eng gefasst werden kann. Diese Gaben waren nicht der Besitz aller Urchristen als solche oder der apostolischen Gemeinde oder des apostolischen Zeitalters an sich. Die Gnadengaben dienten bezeichnenderweise der Beglaubigung der Apostel. Sie stellten die Legitimation der Apostel als autoritative Boten Gottes und Baumeister der Gemeinde dar. Ihre Funktion war ausschließlich auf die apostolische Gemeinde beschränkt, und demzufolge hörten sie nach der apostolischen Zeit auf.

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