Leidloses Unheil (Werner Fürstberger)

(Quelle: KOMM!, Nr.51.)

Daher sollen auch die, welche nach dem Willen Gottes leiden, ihre Seelen ihm als dem treuen Schöpfer anvertrauen und dabei das Gute tun.

1 Petrus 4,19

Der stete Wertewandel im Verständnis unserer Gesellschaft macht auch vor bisher vermeintlich konstanten Begriffen nicht Halt. So zum Beispiel vor dem Wort Leid resp. leiden. Die zeitgenössische Christenheit zieht hier wie immer konsequent mit. Auch sie verbindet diese Begriffe, die einst im Glaubensleben ein herausragendes, ja ein heroisches Gepräge hatten, jetzt nahezu ausschließlich mit pathologischem Vorzeichen – ganz anders also wie der Herr selbst in seiner Bergpredigt und auch Petrus in seinem ersten Brief (siehe oben) oder zum Beispiel der Philipperbrief : Denn euch wurde, was Christus betrifft, die Gnade verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden (Kap. 1,29, s.a. Kol 1,24; 2Tim 3,12; Hebr10,37; Jak5,10 u.v.a.m.).

Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. (Jes 57,15.)

Cross

Leiden passt aber nicht mehr zu der gesund und lebendig geredeten, erfolgsorientierten, christlichen Spaßgesellschaft. Das Wort ist für sie längst zu negativ besetzt. Heute gilt es, Leiden in jeglicher Form zu verhindern und wenn möglich, zu umgehen ; allenfalls hat es bekämpft zu werden, durch Gebet, durch Heilung, durch ›Seelsorge‹ und allerlei den Zweck sonst heiligende Mittel. Notfalls muss es versteckt bzw. verleugnet bleiben. Chronisch leidende Personen sind aus der vorzeigbaren Glaubensgemeinschaft (zumindest optisch) zu entfernen, z. B. in vorhandene Kellergewölbe, wie zu erfahren war.

Gottgewolltes Leiden erscheint einer theatralisch fröhlichen Erfolgs-Christenheit nicht sinnvoll, denn Leiden und Schwachheit hindert ihre hehre Gemeinschaft an der Entfaltung zu Höherem und tangiert die Vermittlung ethisch wertvoller und ›gesunder‹ Lebensprinzipien an das erwünschte Zielpublikum. Denn Leiden, das unübersehbar bzw. unüberhörbar als Behinderung, als längere Krankheit oder auch Verschuldung – darüber hinaus interpretiert als Mittelmäßigkeit, als Erfolglosigkeit oder gar Depression in Erscheinung tritt, kann Menschen abschrecken, die man doch für die erhabene Glaubensgemeinschaft gewinnen wollte. Das Bild vom christlichen Weg zum persönlichen Erfolg wird durch einen Mangel, offensichtliche Kraftlosigkeit und anderes Leiden in jeglicher Form erheblich gestört. Drängt sich da nicht die Erinnerung auf an einen schrecklichen Begriff, der hierzulande vor nicht all zu langer Zeit Abertausenden Behinderten zum Todesurteil geworden ist : lebensunwertes ›Leben‹?

Passend zum herrschenden Weltgeist, der in politischer, religiöser und finanzieller Hinsicht derzeit mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Medien global für diabolische Verwirrung sorgt, wird nun zeitgleich im konsumverwöhnten christlichen Umfeld ein potemkinscher Aufwärtstrend gepflegt, der an die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg erinnert, wo dem schwerem Leid, der Armut und Arbeitslosigkeit des niederen Volkes eine exzessive Hautevolee mit feudalen Festlichkeiten und brachialen Besäufnissen unbarmherzig und apathisch gegenüberstand.

Diese verrückt-explosiv brodelnde Situation war der konflikt- und kontrastreiche Boden für das Aufkommen des uns allen bekannten religiös-politischen Wahns, mit dem jene Generation in fragwürdiger Euphorie und Größenwahn mit aufgesetzten Scheuklappen auf das größte bis dahin bekannte Leid und Verderben dieser Welt zueilte.
Ähnlich die geistliche Situation in der heutigen, hiesigen Christenheit.

Man verachtet das Geringe, den von Gott zugelassenen Mangel, das Leid, das ein Gotteskind zwangsläufig erleiden wird, nicht aber fürchten soll (Offb 2,10).Wohl wissend, dass dieselben Leiden über christliche Brüder in der Welt gehen (1Petr 5,9), dass Gott den Hochmütigen widersteht, den Gedemütigten aber Gnade, in ihrer Situation Leben und Hilfe in seinem Sohn Jesus Christus gibt (Vers 5), – wird das alles großspurig überfahren mit menschlicher Zielsetzung und weltlichen Methoden.

Das Wort Gottesfurcht ist im Verbund mit dem Missachten des Leides als gottgewollte und -gesandte Gnade zum Fremdwort geworden bei Menschen, die sich trotzig als gerettet sehen, die aber, wie die Bibel sagt (1Tim 6,5ff), zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind. Die meinen, sie hätten hier eine Erwerbstätigkeit vor sich, wo sie durch profanes Management das selbstdefinierte Ziel: ›höher, besser, zahlreicher‹ erreichen können. Verloren ging die ›eu-sebia‹, die innere Herzenshaltung der Gottesfurcht und lautere Verehrung Gottes mit entsprechenden Lebenswandel im ehrfürchtigen Bewusstsein von der Heiligkeit und Allmacht Gottes ; die Furcht davor, Ihm zuwiderzuhandeln. Verloren ging das Bewusstsein, dass alle, die von Gott wahrhaft nützlich (= fromm) gemacht wurden für Ihn, nichts als klein gemachte Leute sind, wie namentlich Paulus, über den der Herr sagte : »Ich werde ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen« (Apg 9,16).Vergessen ist, was es bedeutet, dass, wenn wir Gottes Kinder sind, dann auch Erben sind, nämlich Erben Gottes und Miterben des Christus ; wenn wir wirklich mit Ihm leiden, damit wir auch mit Ihm verherrlicht werden. Des Paulus Überzeugung durch den Heiligen Geist war : Dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll (Röm 8,17‑18).

Vom leidscheuen, erfolgs- und gewinnsüchtigen Management-Christentum unserer Tage haben wir uns deshalb allemal fernzuhalten ; solche Menschen sollen wir meiden (1Tim 6,5).

Es gibt allerdings sehr wohl einen großen Gewinn, den Gott selbst uns anbietet, der allein darin besteht, dass wir uns genügen lassen an der Gottseligkeit (eu‑sebia) zumal wir ja nichts in die Welt gebracht haben, folglich auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, soll es uns genügen. Denn die da reich werden wollen (an Geld, an Ehre, an Ansehen), die fallen zwangsläufig in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche die Menschen ins Verderben und Verdammnis versenken. (1Tim 6,7‑9). Der Herr aber ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind. Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der Herr. (Ps 34,19‑20). Das Evangelium bleibt ausschließlich nur den Armen.
Und wer den Mangel verachtet, die Schwachheit, die Demütigung, die Nichtigkeit und das Leid, das Gott uns zubilligt, um unser Herz zu erziehen, damit wir nicht mitsamt der Welt verloren gehen, der läuft Gefahr, statt dem Leid den Leidenschaften anheim zu fallen. Wer sich der geistlich und existenziell schwachen Brüder schämt, der Niederen, Nichtigen und Armen, die wir nach Gottes Vorsehung immer unter uns haben, wer sich in Christus nicht zu den Kraftlosen hält und gesellt, steht unter dem Urteil, dass das Gericht unbarmherzig ergehen wird über ihn, weil er keine Barmherzigkeit geübt hat ; denn die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.

Was entscheidet, ist unsere bleibende Nähe zum Herzen Gottes, der bei den Gedemütigten wohnt, bei den Zerschlagenen ; dessen Barmherzigkeit von Geschlecht zu Geschlecht währt über die, welche Ihn fürchten ; der alle zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Trachten ; der die Niedrigen erhöht und die Gewaltigen von ihren Thronen stößt ; der die Hungrigen mit Gütern sättigt und Reiche leer fortschickt. In Christus, seinem Sohn, den der Vater um unsertwillen durch Leiden vollendet hat, ist uns in jedem Leiden seine Nähe zugesichert, die Nähe des Vaterherzens. Deshalb: nur nicht hochmütig! Kein Gefallen haben an uns selbst; kein sicheres Wesen aus dem Eigenleben! Der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes (2Kor 1,3) ist sehr wohl in der Lage, unser Leid so zu dosieren, dass es uns zum Heil und dem Nächsten zum Erkennen von Gottes Liebe und Retterwillen im Sohn dient.

Merke : Wenn du auch nur einem Menschen Licht geben konntest auf den Sohn Gottes hin zur Errettung, durch dein von Gott gewolltes Leben und Leiden in Christus, dann hat es Ewigkeitswert, und ist wert, dass du gelebt, geglaubt und gelitten hast.

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2 Kommentare

  1. … noch einen Vers gab mir der HERR heute zu diesem Thema, nämlich Philipper 1, 28 (ganze Satz-Logik V. 27-30) worin genau dieses Verhältnis der ‘Widersacher’ zum Leiden der Christen betrachtet wird: Sie halten es für ein ‘Anzeichen des Verderbens’ bzw. Schwäche oder gar Fluch (‘Wo ist denn ihr Gott?’ Ps 115, 2), während Leiden für das Gotteskind ein Zeichen der Errettung von Gott ist (sofern es nicht “selbstgemachtes” sondern gottgewolltes Leiden ist!), denn uns dient es zur Bewährung, Läuterung und Erziehung für unsere späteren, ewigen Aufgaben im Reich Gottes. Aber das können natürliche Menschen niemals verstehen, denn es ‘muss geistlich beurteilt werden’ (1. Kor 2, 14)!

  2. John Bunyan hat seinerzeit – vor 250 Jahren! – ein ganzes BUCH “Advise to Sufferers – Seasonable Counsel” zu diesem EINEN Vers (1. Petr 4, 19) geschrieben, wer des Englischen gut mächtig ist, mag es hier nachlesen – SEHR empfehlenswert, auch noch (oder gerade?) in der heutigen Zeit:

    Von diesem Artikel W. Fürstbergers war ich so beeindruckt, dass ich über ihn gegoogelt habe und diese Seite hier auch noch empfehlen kann (mit weiteren Predigten zum kostenlosen Download): http://de.dwg-load.net/speaker/show/159

    Es gibt sie also noch, die 7000, die vor dem Baal ihre Knie nicht gebeugt haben und deren Mund ihn nicht geküsst hat (1. Kön 19, 18)!

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