Marburger Studientag zur Gesellschaftstransformation: „Mut zum Träumen von neuen Ausdrucksformen des Glaubens“ (Dr. Martin Erdmann)

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(Quelle: newsletter Dr. Martin Erdmann www.veraxinstitut.ch)

Marburger Studientag zur Gesellschaftstransformation

  • Radikale Umwälzung angestrebt
  • Evangelikale lassen sich von katholischem Theologen inspirieren
  • Wie sieht eine gesunde Kirche aus?

Dr. Martin Erdmann berichtet aus Greenville, South Carolina …

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Dr. Martin Erdmann

In einem jüngst versandten Newsletter (mbs_studienprogramm Newsletter 01 | 2015) des Marburger Studien- und Bildungszentrums (MSB) wird der katholische Professor Paul Zulehner aus Wien mit folgenden Worten zitiert:

„Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.“

Gleich anschliessend erklärt Tobias Faix, dass er auch im Jahr 2015 mutig träumen möchte und bekundet seine Freude darüber, dass er „dies nicht alleine tun müsse“. Er erwähnt einen Anlass, wie sein Träumen konkret umgesetzt werden wird. Er nennt diesen sogar einen Höhepunkt im akademischen Programm des Marburger Studien- und Bildungszentrums. Es handelt sich um den 8. Marburger Studientag Gesellschaftstransformation. Das Thema dieses Studientages scheint programmatisch zu sein für das Ziel, das das Leitungsteam des Bildungszentrums verfolgt: Man möchte „neue Ausdrucksformen des Glaubens“ entdecken und anderen als empfehlenswert darlegen. Die von Martin Luther gestellte Frage, wie der sündige Mensch einem gnädigen Gott begegnen kann, ohne aus eigenem Vermögen heraus fähig zu sein, seine Sündhaftigkeit abzulegen, formulieren die Veranstalter des Studientags in folgende Aussage um: „Was gibt mir Sinn und hilft mir, mein Leben zu gestalten?“

Radikale Umwälzung angestrebt

Auch wenn es mir persönlich aus geographischen Gründen nicht möglich sein wird, an diesem Studientag teilzunehmen, würde es mich dennoch interessieren, welche neuen Ausdrucksformen des Glaubens den Teilnehmern tatsächlich vorgestellt werden. Welche konkreten Vorschläge, die am 14. Februar in Marburg einer sicherlich relativ jungen Zuhörerschaft unterbreitet werden, sind mir nicht bekannt. Es lassen sich jedoch gewisse Schlussfolgerungen aus der Zusammensetzung der Referenten ziehen. Ob man diese Liste von Namen, die mehr oder weniger bekannt sind, als hochkarätig bezeichnen würde, wie es Tobias Faix tut, kommt auf den jeweiligen Standpunkt an, den man im Hinblick auf die Gesellschaftstransformation einnimmt. Jedenfalls steht hinter bestimmten Namen die Realität einer auf radikale Umwälzung der gegebenen Gesellschaftsstrukturen hinstrebenden Absicht, die gleichzeitig mit einer Veränderung der traditionellen Gemeindepraxis einhergeht.

Evangelikale lassen sich von katholischem Theologen inspirieren

Als erster Referent in der Liste wird der österreichische Theologe und katholische Priester Professor Dr. Paul Michael Zulehner aufgeführt. Der 2008 emeritierte Universitätsprofessor gehört Wikipedia gemäß zu den bekanntesten Religionssoziologen Europas. Weitere biografische Informationen geben einen Einblick in den akademischen Hintergrund dieses Theologen. Seine Studienfächer an den Universitäten in Innsbruck, Wien, Konstanz und München seien Theologie und Philosophie gewesen. Es wird besonders hervorgehoben, dass er ein Schüler von Karl Rahner gewesen sei. Ohne in diesem Artikel näher auf Karl Rahner eingehen zu können (dies wird in anderen Artikeln noch nachgeholt werden), sei an dieser Stelle festgehalten, dass Rahners Wirken, besonders während des Zweiten Vatikanischen Konzils Anfang bis Mitte der 1960er Jahre, wesentliche Elemente beinhaltete, die im vergangenen Jahrzehnt den evangelikalen Befürwortern wichtige Impulse der Gesellschaftstransformation geliefert haben. Deshalb erscheint es nur konsequent zu sein, dass der jetzt noch lebende Schüler Rahners Prof. Dr. Zulehner als vielleicht wichtigster Referent auf dem Studientag in Marburg sprechen wird. Ihm billigen ich das Etikett hochkarätig zu, auch wenn ich hinreichende Gründe habe, seine religions- und kirchensoziologischen Ansichten abzulehnen. Es ginge zu weit, die Stationen seines ausschließlich im katholischen Kontext vollzogenen akademischen Wirkens aufzuzählen. Deshalb belassen wir es bei dem Hinweis, dass er sieben Jahre lang als Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien tätig war. Einige Titel seiner zahlreichen Publikationen seien exemplarisch genannt: Das Gottesgerücht, 1986; Kirchen-Ent-Täuschungen, 1997; Wege zu einer solidarischen Politik, 1999; Global Capitalism, Liberation Theology and the Social Sciences, New York 1999; Kirche umbauen – nicht totsparen, 2004.

Lehren der Katholischen Kirche in evangelikalen Gemeinden

Für mich besteht kein Zweifel darüber, dass Prof. Dr. Zulehner völlig richtig am Platze ist, wenn er in zwei Tagen beim Marburger Studientag seine Thesen einer Kirchen- und Gesellschaftsveränderung einer jungen Generation von deutschen Evangelikalen vorlegen wird. Gleichfalls ist anzunehmen, dass er große Zustimmung, vielleicht nicht von allen, aber wahrscheinlich von den meisten, empfangen wird. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass sein Vortrag genügend Zündstoff enthalten wird, um wie noch nie zuvor den Kritikern des vom Marburger Studien- und Bildungszentrum angestoßenen und getragenen Projekts der Gesellschaftstransformation Argumente zu liefern, um dieses von Grund auf zu hinterfragen. Jedenfalls überrascht die Feststellung nicht, dass die wesentlichen theologischen Impulse für dieses Projekt von einem führenden katholischen Religionssoziologen vermittelt werden. Schon alleine das sollte Grund genug sein, aufzuhorchen und acht zu geben, ob sich hinter den neuen Ausdrucksformen des Glaubens nicht vielmehr alte Vorstellungen der Römisch-Katholischen Kirche in die evangelikalen Gemeinden hineingetragen werden. Welche Vorstellungen könnten das sein? Dieser Frage werden wir bald etwas näher nachgehen.

Aus welchen Quellen wird geschöpft?

Folgende Referenten werden auftreten: Christina Brudereck (e/motion), Frank Heinrich (MdB), Johannes Reimer (UNISA), Daniel Schneider (WDR), Cris Zimmerman (Cafe Awake), Sandra Bils und Maria Hermann (Kirche2), Thorsten Riewesell (Jumpers) und Steve Volke (Compassion). Die Veranstalter wünschen sich von diesem Studientag die Beschäftigung mit „wichtigen Fragen des Christseins und der Gemeindearbeit“, die „praxisnah und kompetent“ behandelt werden sollten. Ich gehe davon aus, dass man bemüht sein wird, vieles von dem, was traditionell in protestantischen Gemeinden über manche Jahrhunderte hinweg von den Geboten der Bibel praktisch umgesetzt wurde, hinterfragt werden wird. Grundsätzlich lässt sich nichts dagegen einwenden, wenn man traditionelle Definitionen des Christseins und Strukturen des Gemeindelebens hinterfragt. Man sollte dabei aber eine reformatorisch geprägte Theologie im Blickfeld behalten. Meine Vermutung ist jedoch, dass man sich in den Gesprächsrunden von Konzepten inspirieren lässt, die aus Quellen einer dem reformatorischen Christentum entgegenstehenden spirituellen Tradition gespeist werden.

Wie sieht eine gesunde Kirche aus?

Dem Newsletter ist zu entnehmen, dass eine Frage besonders im Mittelpunkt des Studientags stehen wird: „Wie sieht gesunde Kirche aus?“ Eine vorläufige Antwort bietet Tobias Faix mit einem Zitat von Prof. Dr. Zulehner und gibt anschließend seine Deutung dieser Aussage wieder:

„’Die Kirche wird gesunden, wenn sie lernt, wieder von sich abzusehen.’ Was er damit meint? Wir sollen uns als Gemeinschaften immer wieder neu herausfordern lassen auf unsere Nächsten zu schauen und zu lernen auf die Menschen in unserem Umfeld zu hören, ihre Fragen zu verstehen und zu überlegen, was dies für unser Handeln bedeutet. Dabei ist sowohl eine Analyse der Situation wichtig, aber noch viel mehr eine Vision für unser Handeln.“

Zulehners Aussage und Faixs Deutung bringen auf den Punkt, was beide unter Gesellschaftstransformation verstehen. Lässt man diese wohl klingenden Worte auf sich wirken, könnte man versucht sein, begeistert dem Programm der Gesellschaftstransformation zuzustimmen. Aber der Schein trügt. Die Realität der gesellschaftlichen Umwälzung ist eine andere. Das Buch Der Griff zur Macht geht in neun Kapiteln auf die Details des hinter dieser Theologie und Bewegung stehenden Dominionismus ein und zeigt auf, dass die Motivation der Befürworter der Transformation hauptsächlich das Begehren ist, politischen Einfluss zu gewinnen. In einem weiteren Zitat Zulehners entnehmen wir einen weiteren Punkt seiner Vorstellung, was am traditionellen Gemeindeverständnis der katholischen Kirche kritikwürdig ist:

„Wir versuchen immer noch, die herkömmliche Gestalt von Kirche zu retten. Da machen wir auf Teufel komm raus Strukturreformen, die aber brutal bürokratisch und völlig visionsfrei sind! Das Stadium der Bürokratie ist die Phase vor dem Tod. Deshalb sollten wir uns lieber fragen: Was ist die Vision der Kirche von heute? Und erst im zweiten Schritt schauen wir nach der dazu passenden Struktur. Wir brauchen zuerst den Wein und dann den Schlauch. Zurzeit machen wir Schläuche – und haben keinen Wein.“

Alles wird am Maßstab der Bibel gemessen

Tobias Faix hätte sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, Prof. Dr. Zulehner zum Studientag einzuladen und seine Aussagen in der Öffentlichkeit zu zitieren, wenn er damit nicht persönlich einverstanden wäre. Deshalb gehen wir davon aus, dass er zumindest eine ähnliche Kritik an die Adresse der evangelikalen Gemeinden richtet. Vielleicht hat er damit Recht, vielleicht auch nicht. Der Maßstab, was eine gesunde Kirche ist, bietet uns einzig und allein die Bibel. Deswegen wäre es angebracht und letztlich einzig richtig, im gründlichen Studium des Neuen Testamentes herauszufinden, wie diese Frage richtig beantwortet werden sollte. Alles, was auf dem Studientag vorgetragen und diskutiert wird, muss dem gleichen absoluten Maßstab unterzogen werden. Die zwei einzigen Kriterien sind folgende: 1.) Ist die Definition einer gesunden Kirche biblisch oder unbiblisch? 2.) Ist das, was als praxisnahe und kompetente Gemeindearbeit empfohlen wird, biblisch oder unbiblisch? Sind Vertreter der Bundesregierung und der öffentlichen Massenmedien, wie Frank Heinrich (MdB) und Daniel Schneider (WDR), die besten Kandidaten dafür, biblische Grundsätze dem Neuen Testament zu entnehmen und sie anderen stichhaltig zu empfehlen? Die Antwort könnte überraschenderweise „Ja“ lauten. Heutige Theologen, egal ob sie nun an renommierten Universitäten wie der University of South Africa dozieren oder in innovativen Gemeindegründungsarbeiten stehen, traue ich weniger zu, eine der Heiligen Schrift entsprechende Antwort zu geben.

Eines ist jedoch sicher, die öffentliche Diskussion über die Vorzüge beziehungsweise Nachteile des Projekts „Gesellschaftstransformation“, wie sie die Leitung des Marburger Studien- und Bildungszentrums befürwortet, wird solange geführt werden, bis eindeutig feststeht, was biblisch und unbiblisch ist. Die Leitung des MBS, allen voran Tobias Faix, wird nicht umhinkommen, ihre Träume von neuen Ausdrucksformen des Glaubens einer evangelikalen Christenheit in Deutschland in einer Weise plausibel zu machen, die eindeutig unter Beweis stellt, dass sie sich einzig an der Bibel orientieren und nicht an einer von Römisch-Katholischer Theologie durchwachsenen “Gesellschaftsdiagnostik und deren Bedeutung für Kirchen und Gemeinden“. Sollte Ihnen dies nicht gelingen, gibt das Wort Gottes ebenso deutlich eine Antwort darauf, wie Jesus Christus dieses Projekt bewertet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen wird.