Micha-Initiative (Dr. Martin Erdmann)

Micha-Initiative (Dr. Martin Erdmann)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann www.veraxinstitut.ch)

Evangelikale haben traditionell das Gebot der Schrift ernstgenommen, als »Salz« und »Licht« (Matth. 5,12-13) in der Welt zu wirken. Diese Worte besaßen ursprünglich keine dominionistische Färbung. Sie bedeuteten einfach, dass Christen durch individuelle oder gemeinschaftliche Wohltaten das Leben von Menschen positiv beeinflussen können. Dank eines heiligen und gerechten Lebensstils, der übereinstimmt mit einem biblischen Glaubensbekenntnis, können Christen auch in ihrer kulturellen Umgebung Gutes leisten. »Salz und Licht« zu sein, bringt nach Römer 16,19 auch die Verpflichtung mit sich, angesichts von Bosheit Gutes zu tun.

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Die Heilige Schrift spricht von einer Trennung zwischen Kirche und Staat, die es verbietet, unheilige Verbindungen einzugehen. Als man Jesus eine Fangfrage zu Steuerzahlungen der Religionsgemeinschaft an den Staat stellte, antwortete er: »Gebt dem Kaiser das ihm Zustehende und Gott das ihm Gebührende (Lukas 20,25). Die Gläubigen sind verantwortlich, die Gesetze und Anordnungen des Landes zu befolgen (Röm. 13), aber sie sind auch verpflichtet, »Gott mehr zu gehorchen als den Menschen« (Apg. 5,29), besonders wenn die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel steht.

Viele der einflussreichen Linken im evangelikalen Lager der USA, wie Tom Sine1, Ron Sider und Jim Wallis, die sich für die Verwirklichung einer utopischen Weltgemeinschaft begeistern lassen, streben zwei Hauptziele an: Erstens die Abschaffung der globalen Armut und zweitens das Erreichen der UN-Millennium-Entwicklungsziele. In der Zeitschrift Courier, einer mehrsprachigen Publikation der Mennonitischen Weltkonferenz, unterstützte Larry Miller (Exekutivsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz) den »Agape-Aufruf« des Weltkirchenrates und die »Micha-Initiative« der weltweiten Evangelischen Allianz. Er rechtfertigte mit biblischen und theologischen Argumenten das soziale Engagement, damit sich die Weltarmut bis 2015 halbiert, was eines der UN-Millennium-Entwicklungsziele ist. Miller appellierte: »Die Abschaffung der globalen Armut für alle Menschen ist eine der obersten Prioritäten der Christenheit; doch ebenso verdient der Skandal der Ungleichheit und Entbehrung innerhalb der weltweiten christlichen Gemeinschaft besondere Aufmerksamkeit.« Die Autorin Patricia Paddy beschreibt die Zusammenarbeit von bedeutenden christlichen Initiativen in Bezug auf die Einflussnahme von Politikern und Bankern:

Die Kirche ist »Gottes wichtigstes Instrument der Transformation innerhalb der örtlichen Gemeinde« sagt [Geoff] Tunnicliffe, Vorsitzender der Micah Challenge Canada und internationaler Direktor der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Kanadische Kirchen und christliche Organisationen müssen überdenken, was sie tun, um den Armen zu dienen. Sie müssen informiert sein über die Belange der Armut und sich bemühen, bedeutsame, praktische Lösungen für Personen zu finden, die etwas dagegen tun wollen […] Während ihres Aufenthaltes in Washington traf sich die Gruppe mit dem neuen Präsidenten der Weltbank Paul Wolfowitz, der Berichten zufolge den christlichen Leitern sagte, dass die Kirche eine bedeutsamere Rolle im Bekämpfen der globalen Armut spielen könne … Als Quelle finanzieller und technischer Hilfe für Entwicklungsländer in aller Welt hat die Weltbank traditionell mit den Regierungen zusammengearbeitet. Tunnicliffe sagt aber, dass sie die mögliche Rolle überdenken werden, die in einer solchen Arbeit von der glaubensgestützten Gemeinschaft gespielt werden könne. Eine kleine Organisation ist von der glaubensgestützten Gemeinschaft eingerichtet worden, um die Weltbank in ihren politischen Entscheidungen zu beraten. Eine Anfrage ist an die WEA ergangen, ob sie sich daran beteiligen möchte.

Im deutschsprachigen Raum treten Befürworter der »Micha-Initiative « mit großem Eifer an die Öffentlichkeit. Zahlreiche christliche Werke und Verbände in Deutschland unterstützen die Initiative. Die Träger der Aktion »StopArmut 2015«, wie die »Micha-Initiative« in der Schweiz heißt, sind unter anderem die folgenden Missionswerke: SIM International-Schweiz, Wycliffe, Schweizer Allianz Mission, tearfund.ch, HMK (Hilfe für Mensch und Kirche) und Frontiers. Die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) wirkt im Rahmen der »Micha-Initiative« an vorderster Front für die Umsetzung der UN-Millennium-Entwicklungsziele. Das Buch Der Kampf gegen Armut – Aufgabe der Evangelischen Allianz ist »eine Art theologische Begründung und Reflektion« dieser Initiative. Die Herausgeber sind Thomas Schirrmacher, Rektor des Martin-Bucer-Seminars, und Andreas Kusch, Dozent für Transformative Entwicklungspraxis an der Akademie für Weltmission in Korntal [ed.: Dr. Kusch ist an der AfW nicht mehr angestellt]. Der Generalsekretär der DEA, Hartmut Steeb, nennt verschiedene Gründe, warum der »Geschäftsführende Vorstand« beschloss, im Rahmen des »Arbeitskreises Politik« eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die sich mit den Fragen der »Micha-Initiative« beschäftigt. Diese Arbeitsgruppe erhielt den Auftrag, ihre Arbeit in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen und weiteren Missions- und Hilfswerken aufzunehmen und setzte ihn in der Folgezeit um. Steebs Gründe sind aufschlussreich, wieso eine tatkräftige Solidarisierung mit einem Projekt der UN in Angriff genommen werden sollte. In einem Interview mit der Schweizer Redaktion von idea antwortete Steeb am 20. Juli 2005:

1.) Die [UN-] Millenniumsziele sind auch eine Herausforderung für Christen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, dass Hunger, Armut, Krankheit, Bildungsmangel und viele Nöte auf dieser Welt zwar gesehen werden, aber längst nicht alles uns eigentlich Mögliche getan wird, um diesen Nöten zu begegnen. Wir haben zwar »allezeit Arme« bei uns; wir sind nicht angesteckt von einer Euphorie, die meint, Menschen könnten auf Erden paradiesische Zustände herstellen. Aber das entbindet uns nicht von der Aufgabe, die uns möglichen Schritte zur Verbesserung auch der menschlichen Nöte zu tun. […] 3.) Die Evangelische Allianz hat sich von Anfang an nicht nur um die Fragen des Heils, sondern auch um die Fragen des Wohls gekümmert. Evangelisation und gesellschaftliche Verantwortung sind der evangelikalen Bewegung schon Mitte des 19. Jahrhunderts in die Wiege gelegt worden. In der Lausanner Verpflichtung von 1974 wurde das noch einmal neu gefasst. Auch viele Evangelikale in unserem Land haben diese Erklärung unterzeichnet. Es ist wie eine Selbstverpflichtung, sich für diese Ziele einzusetzen.

Dieses politische und soziale Engagement der Repräsentanten der Neoevangelikalen Deutschlands passt bestens in das Bild, das die DEA von sich selbst seit Jahren gibt. Es stimmt völlig mit ihren »politischen Grundüberzeugungen« überein, die sie in der 28-seitigen Broschüre »Sucht der Stadt Bestes« veröffentlicht hat. Mit dieser Broschüre informierte der Verband am 22. Mai 2009 über die gesellschaftlichen Ziele der Bewegung. Die Initiative zur Bekämpfung der Armut mag oberflächlich gesehen löblich erscheinen. Blickt man allerdings unter die Oberfläche, erkennt man den Dominionismus. Die »selbstlose« Gemeinnützigkeit ist nicht unbedingt das, wofür sie sich ausgibt. Soziale Dienstleistungen sind werbeträchtig so konzipiert, dass der – ansonsten höchstgradig anstößige Dominionismus – in bestem Licht erscheint. So können die öffentlichen Meinungsmacher in der Welt positiv beeindruckt werden. Zudem ist der Aufruf an die Christen, persönliche Opfer zu bringen, um das große Ziel einer von Armut befreiten Welt zu erreichen, ideal geeignet, neue »Rekruten« für die Armee der »Milliarde von freiwilligen Fußsoldaten« anzuheuern. Es überrascht nicht, dass Rick Warren zu einem der tatkräftigsten Befürworter der »Micha-Initiative« zählt, die er in einem elektronischen Rundschreiben im Zuge der ONE-Kampagne besonders lobend hervorhob.

Quelle: Auszug aus Dr. Martin Erdmann, Der Griff zum Macht (Oerlinghausen: Betanien Verlag e.K., 2011) S. 181-185.