Die Reformatoren in der Schweiz nur ein Bande von Mördern? – Johannes Calvin und das Todesurteil gegen Michael Servet.(Dirk Noll)

(Quelle: Dirk Noll www.der-ruf.info)


Die Reformatoren in der Schweiz nur ein Bande von Mördern? – Johannes Calvin und das Todesurteil gegen Michael Servet.

In verschiedenen christlichen Kreisen wird Calvin verurteilt oder sogar als “Mörder” bezeichnet, da er am Tode von Michael Servet Schuld wäre, der am 27.10.1553 vom Stadtrat in Genf wegen Gotteslästerung auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Was ist dazu zu sagen?

Michael Servet stand in einer lehrmäßigen Auseinandersetzung über die Gottheit Jesu und die Dreieinigkeitslehre mit Calvin. Im Jahr 1531 verfasste er eine Schrift gegen die Dreieinigkeit “De trinitatis erroribus – über den Irrtum der Trinität” und veröffentlicht diese.

Servet war ein sehr gelehrter Mann und studierte u. a. Philosophie und Astrologie. Wenn man sich seine Argumentation gegen die Dreieinigkeit anschaut, dann wird deutlich, dass sein Irrtum über die Trinität aufgrund der neuplatonischen Philosophie und seiner Astrologie zustande gekommen ist.

Da Servet die Dreieinigkeit Gottes offen als “dreiköpfigen Höllenhund” bezeichnete, wurde er schließlich von der Inquisition aufgegriffen. Durch eine abenteuerliche Flucht aus seinem Kerker entgeht er jedoch dem Tod auf dem Scheiterhaufen.

servet

Darauf taucht er in Genf auf, versucht einige Mitglieder des Stadtrates auf seine Seite zu ziehen und Calvin aus Genf zu vertreiben. Er beschimpfte Calvin auch in übler Weise, nennt Calvin selbst einen Irrlehrer, weil er an die Gottheit Jesu glaubte und fordert, dass man sein privates Vermögen einzieht und ihm, Servet, als Entschädigung gibt.

Servet wird nicht nur von der katholischen Inquisition gejagt, auch in sämtlichen Kantonen der Schweiz, wird er wegen öffentlicher Gotteslästerung gesucht.

Als Servet wiederum im Gottesdienst bei Calvin in Genf auftaucht wird er erkannt und von dem Sektretär Calvins verhaftet und dem Stadtrat in Genf ausgeliefert.

Darauf meldet sich die katholische Inquisition und bittet um die Auslierferung von Servet. Dieser wird nun vom Genfer Stadtrat vor die Entscheidung gestellt, entweder wird er ausgeliefert oder in Genf vor Gericht gestellt. Servet entscheidet sich für Letzteres.

Es fehlen jedoch die Beweise, dass Servet der Gotteslästerung schuldig ist und Calvin stellt 30 Briefwechsel mit Servet zur Verfügung, aus den ersichtlich wird, dass Servet die Gottheit Jesu leugnet. Der Stadtrat holt nun Erkundigungen bei den anderen Schweizer Kantonen ein (Basel, Bern, Schaffhausen und Zürich), wo er gesucht wird und kommt dann zu dem Urteil, dass Servet wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt werden soll.

Calvin versuchte noch die Todesstrafe abzumildern, dass er nicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, unternahm letztendlich aber auch keine Versuche, den Stadtrat aufzuhalten, was sowieso nicht möglich gewesen wäre.

Im Nachhinein verteidigte Calvin das Todesurteil an Servet mit den Worten: Wer die Seele eines Menschen durch Gotteslästerung tötet, der ist genauso schuldig, wie jemand, der den Leib eines anderen durch Mord tötet.

Dieses Todesurteil fand damals allgemeine Zustimmung unter den protestantischen Theologen, mit einer Ausnahme: Der Baseler Theologe Castellio setzte sich kritisch damit auseinander und verfasste die Schrift: “Von den Häretikern und ob sie zu verfolgen seien”.

Ist die unter manchen Christen verbreitete These “Calvin sei der Mörder von Michael Servet” aufgrund dieses historischen Hintergrundes haltbar?

Nein.

Michael Servet wurde von der damaligen weltlichen Obrigkeit wegen Gotteslästerung verurteilt. Die Obrigkeit trägt das Schwert von Gott um die Übeltäter zu bestrafen (Röm 13). Zudem hatte Servet die Obrigkeit auch offensiv herausgefordert und in gewisser Weise zu einem solchen Urteil gedrängt.

Calvin war in der Weise mit daran beteiligt, dass er Servet dem Stadtrat in Genf ausgeliefert hat, durch seine Briefwechsel die Beweise für die Gotteslästerung von Servet lieferte, keine Versuche unternommen hat, den Stadtrat aufzuhalten und im Nachhinein das Todesurteil gerechtfertigt hat.

Ist Calvin damit ein Mörder oder am Tod von Michael Servet Schuld?

Mit Sicherheit nicht.

Man kann höchstens kontrovers darüber diskutieren, ob das Todesurteil und wie es dazu kam im christlichen Sinne moralisch einwandfrei ist. Und dies wird auch getan. Man sollte dabei jedoch beachten, welche Verhältnisse damals im Hinblick auf die Obrigkeit herrschten und dass Gotteslästerung unter Todesstrafe stand. Man sollte auch bedenken, ob eine neuzeitliche, humanistische Kritik hier angemessen ist, welche behauptet, dass ein Todesurteil wegen Gotteslästerung “intolerant” wäre. Im 16. Jahrhundert geschah dies im Geist jener Zeit.

Es würde mich freuen, wenn dieser Hintergrund bei Christen dazu beitragen würde, das Todesurteil gegen Michael Servet und die Beteiligung von Calvin etwas ausgewogener und schachlicher zu beurteilen.

(Dieser Artikel verzichtet auf Quellenangaben, ist aber in Übereinstimmung mit der gängigen Geschichtsschreibung, wie man sie in den Kirchengeschichtsbüchern oder Standardwerken, wie dem RGG findet.

Der Artikel soll eine mittlerweile unter Christen falsche Ansicht widerlegen, dass die Christen in der Schweiz während der Reformation eine Bande von Mördern gewesen sind. Das Gegenteil ist der Fall: Es kam zu einer Rückkehr zu dem biblischen Prinzip “allein die Schrift” und zum biblischen Evangelium, dass man allein durch die Gnade Gottes und die Vergebung durch das Blut Christi errettet wird).

Dirk Noll


Dirk Noll © alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.


9 Kommentare

  1. ich antworte dem Bruder Stefan Klemm darauf mit dem Bibelwort aus 1.Joh. 1,7 : Das Blut Jesu Christi reinigt uns von ALLER
    Sünde. Also auch von der Sünde des Brudermordes durch Hass. Der Herr Jesus bat seinen Vater am Kreuz “Vater, vergib
    ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” So wie es die Regeln des Alten Testamentes gab, das Gesetz, so gibt es auch die
    Regeln des Neuen Testamentes, und zwar Gnade um Gnade. Unsere Begnadigung muss die Heiligkeit Gottes berücksichtigen,
    und dazu war das Opfer Jesu Christi notwendig, das die Heiligkeit Gottes befriedigte, und DESHALB kann Gott vergeben. Es
    ist nicht einer Laune überlassen, ob er vergibt oder nicht. Wenn ich mich auf das Blut Jesu berufe, das zur Bezahlung meiner
    Sündenschuld am Kreuz geflossen ist, dann MUSS – er hat sich selbst verpflichtet – Gott vergeben.
    Dies in Betracht ziehend verstehe ich den Einwand von Bruder Stefan Klemm nicht.

    1. Lieber Bruder Reinders,
      es bleibt zu klären, ob Calvin Buße getan hat, denn nur wenn wir unsere Sünden bekennen, werden sie vergeben.
      Noch eine Info-Seite zum Thema: http://www.michael-servet.de/
      (Der Verfasser des Ursprungstextes, Bruder Noll, hat keine Quellenangaben gemacht).

      Die letzten Worte von Servet zeugen von seinem Bibelverständnis (Joh 20,31):
      „Jesus, Sohn des ewigen Gottes, habe Erbarmen mit mir“; siehe auch The Dictionary of Bible and Religion, S. 256, William H. Gentz, Abingdon Press 1986

      Christliche Nächstenliebe schließt ein morden aus (Off 22,15).

      1. wieso sollte Calvin für WAS Buße tun und WIE vor allem sollte das geklärt werden? Aus allem geht doch hervor, daß Servet sich durch eigene Handlungen in diese Lage gebracht hatte. Ob er ein Bruder in Christus war, gälte es hierbei zuerst zu klären … wieso sollte Calvin Buße über etwas getan haben, was ein Anderer selbst über sich gebracht hat … ich finde Deine Gedankengänge (offen gestanden) etwas sonderbar

        1. Laut Encyclopedia Britannica (1892), Band 21, S. 685 schrieb Calvin am 26. Februar 1546 an Guillaume Farel: si venerit, modo valeat mea autoritas, vivum exire nunquam patiar.
          Zu Deutsch: Sollte Servetus einmal nach Genf kommen, würde er nicht lebendig weggehen.

          Servetus ging nicht freiwillig nach Genf, sondern wurde ausgeliefert. Aus o.g. Quelle (wikipedia):
          “… erkannte auf Calvins Beharren hin die Mehrheit der Richter nach einem Gesetz, das in ihrem Land nicht wirksam war, für eine Tat, die nicht in ihrem Land begangen worden war, und für eine Person, die nicht ihrer Gewalt unterstand, auf die Todesstrafe”.

          Andere haben für diesen Mord eine Gedenktafel aufgestellt: https://de.wikipedia.org/wiki/Servetus-Gedenkstein

          Es gibt noch andere Bsp. für Calvins Schreckensherrschaft:
          “Nachdem Calvin 1538 mit Farel vertrieben worden war, kehrte er 1541 zurück. Er konnte sein System durch eine Schreckensherrschaft halten, welche er mit Hilfe der auf seine Fürsprache hin zahlreich eingebürgerten fremden Religionsflüchtlinge gegen die alten Genfer Familien ins Werk setzte. Viele, die nicht rechtzeitig flohen, wurden hingerichtet, und Hunderte von Familien verliessen die Stadt.” ( https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Kantons_Genf#Reformation )

      2. Lieber Bruder Klemm,
        ich habe Ihnen mit 1.Johannes 1,7 geantwortet, aber nur 2 Verse weiter ist das selbstverständlich richtig, dass die Vergebung
        nur durch Sündenbekenntnis erfolgt. Ich habe das nicht übersehen, aber ich dachte, dass Vers 9 in diesem Kontext natürlich
        dazugehört. Insofern sind wir ja einer Meinung.
        Sprüche 28,13b sagt : Wer seine Missetaten bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.

        Ihr letzter Satz fordert mich etwas heraus. Grundsätzlich stimme ich zu, dass christliche Nächstenliebe Hass und damit Morden
        ausschließt. Aber wenn ich zur Zeit Hitlers gelebt hätte und ich hätte von den Judenmorden gewusst, hätte ich Hitler vermutlich
        gehasst. Und was machen wir jetzt mit solch einer Situation ? Wo ist die Grenze ? Psalm 139,21+22 sagt : “Sollte ich nicht hassen, Herr, die Dich hassen ? ….. Ich hasse sie mit vollkommenem Hass, sie sind mir zu Feinden geworden.” Ganz offenbar
        hatte David mit gewissen Bösewichtern dasselbe Problem wie ich. – Wie sehen Sie das ???
        Liebe Grüße von Johannes Reinders

        1. Lieber Bruder Reinders,
          zu David: 2Sam16,7-13: Simei fluchte David, der nichts dagegen unternahm.

          Zur christlichen Lehre:
          Mt 5,44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen,

          Liebe Grüße,
          Stefan Klemm

    1. ich habe nur einmal bei Wikipedia etwas eingestellt: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Erdmann_(Theologe,_1962). Obwohl ich detaillierte Angaben von Dr. Erdmann erhielt, entbrannte unter den Redakteuren Streit der sich in Löschungen auusdrückte, die wieder zurückgenommen wurden – hin und her … seither weiß ich, daß wenn es sich um bibeltreue Bekenntnisse handelt, der “Spaß” bei Wikipedia sehr schnell vorbei ist und zudem Leute anonym über Dinge mitreden wollen von denen sie keinrlei detaillierte Kenntnisse haben.

  2. ich muss Bruder Dirk Noll in einem Punkt widersprechen.
    Es ist lediglich ein Prinzip, dass eine Regierung von Gott die Vollmacht zur Bestrafung
    von Menschen hat, die gegen Gesetze verstoßen haben. Das Schwert ist nur ein Symbol für diese Vollmacht und bedeutet nicht, dass sie zwingend ein Todesurteil fällen und
    vollstrecken muss. Die Vollstreckung eines Todesurteils bedeutet etwas Endgültiges, womit für den Delinquenten auch die Gnadenzeit künstlich beendet wird. Mag die Lehre
    des Michael Servet sicherlich der Bestrafung würdig gewesen sein (Matth. 18,6), es hätte nicht zwingend ein Todesurteil sein müssen.
    Im übrigen könnte Gott selbst den Michael Servet bestrafen, und soweit er sich nicht
    bekehrt und die Gnade Gottes angenommen hat, bekommt er sowieso seine Strafe in
    der Hölle.
    Die Beschuldigung des Mordes, die gegenüber Calvin und seinen geistlichen Brüdern ausgesprochen wurde, entbehrt jeder Grundlage, da er nur Zeugenaussagen geliefert hat.
    Für das Urteil des Gerichts ist er nicht verantwortlich.

    Ich möchte aber die provokante Frage stellen, ob wir Christen nicht schuldig werden am
    Verlorengehen unserer Mitmenschen, wenn wir ihnen das Evangelium nicht verkündigen.
    Lukas 10 zeigt, dass die ausgesandten Jünger die Aufgabe bekamen für die Selektion
    der Mitmenschen, wohin sie kamen, und dort, wo sie freundlich aufgenommen wurden,
    konnten sie das Evangelium sagen. – Machen wir das, und wenn, beachten wir diese
    Methode ? Hesekiel 3 stellt uns in eine große Verantwortung. Wohl hat Jesus uns
    freigemacht vom Fluch der Sünde bzw. vom Gesetz der Sünde mit der Todesfolge, aber
    hat Gott deshalb seine Meinung geändert ??? Es gibt die allgemeine Berufung der
    Jünger zur Mission, und das ist die Frage, ob wir uns damit begnügen, gerettet zu sein,
    oder ob wir Jünger Jesu sind, die einen Generalauftrag haben und viele von uns haben
    auch einen Spezialauftrag gemäß der Gabe, die der Hl. Geist jedem von uns gegeben hat.

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