DIE PARADOXE EINSTELLUNG DER EVANGELIKALEN ZUM PRAGMATISMUS (DR. MARTIN ERDMANN) / Vorbemerkungen (Siegfried Schad)

Vorbemerkungen (Siegfried Schad)

Vom Wortsinn her, könnte man Dr. Martin Erdmann ohne weiteres als Propheten bezeichnen (von gr. προφήτης propʰḗtēs [vgl. Präposition προ- pro-, φη|μί pʰē|mí, „ich sage“ und Suffix -tēs]: „Fürsprecher“, „Sendbote“, „Voraussager“) … allerdings als einen Propheten des Untergangs … wir wissen schon, daß der biblische Kanon abgeschlossen ist und die Bezeichnung Prophet nur dem gebührt, den Gott in seinem Wort namentlich herausgerufen hat und diesem in den Mund legte: “So spricht der HERR …“. Also wollen wir nicht vermessen sein im Umgang mit diesem herausragenden Amt und der Berufung eines Propheten, sagen wir einfach lieber, daß Dr. Erdmann ein Voraussager des Untergangs ist … jetzt gilt es nur noch zu klären WER oder WAS untergehen wird … auch wenn Gottes Wort niemals vergehen wird “Lk 21,33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.”, so ist dennoch der Evangelikalismus in seiner derzeitigen Form und unbiblischen Vielfalt zum Untergang verurteilt. Nur sehr Wenige, können dies in gleicher und ähnlicher Weise theologisch so gut präzisieren, so wie Dr. Martin Erdmann dies tut.

Wäre ich ein Arminianer (siehe Artikel und Begriffserklärung HIER), so müßte ich jetzt sagen, daß seit dem Niedergang des Evangelikalismus die Rettungschancen Gottes für die Menschheit massiv gesunken sind … das klingt doch etwas irdisch, wenn wir uns einen allmächtigen Gott vorstellen, dem die Hände gebunden sind … und seine Allmacht wäre somit keine … jedoch, der Schaden der Katastrophe eines bibeluntreuen Evangeliums, das nicht mehr uneingeschränkt zur guten Nachricht werden kann, ist gut sichtbar an dem schweren Weg der Gläubigen ihr tägliches Himmels-Manna zu erhalten, ungetrübt von den mannigfaltigen Einflüssen falscher Lehren. Dr. Martin Erdmann schreibt hierzu: ” Viele Christen sind sich ihrer bereitwilligen Anpassung an die postmoderne Kultur nicht bewusst.” Dies gilt für Pastoren und die Glieder der Gemeinde!

Der im nachfolgenden Artikel benutzte Begriff des Dominionismus wird an dieser Stelle nicht (erneut) erklärt, sondern muß über Dr. Martin Erdmanns frühere Arbeiten verstanden werden. Hierzu empfiehlt es sich die Video-Reihen von Dr. Martin Erdmann zu den Themen der Gesellschaftstransformation, bzw. Transformationstheologie und des Dominionismus anzusehen:  https://vimeo.com/verax/


DIE PARADOXE EINSTELLUNG DER EVANGELIKALEN ZUM PRAGMATISMUS (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Die Kultur des christlichen Abendlandes ist einer radikalen Umwälzung unterworfen. Mit dieser Feststellung treten Evangelikale auf, um sich mit Leibeskräften gegen die Entchristlichung ihrer Zeitgenossen zu stellen. Ist es nicht so, dass der von einer postmodernen Ideologie geprägte Mensch unserer Zeit sich von einer Befürwortung moralischer Grundsätze wenig beeindrucken zeigt, die von einem transzendenten Gesetzgeber herrühren. Sein intellektueller Horizont erlaubt es ihm nicht, die Gültigkeit eines autoritativen Anspruches von einem, wie er meint, fiktiven Gott anzuerkennen, dem er angeblich Rechenschaft schuldig ist. Doch er verrät dadurch nur seine einschlägige, ideologische Neigung, die Wirklichkeit absoluter Maßstäbe zu negieren, die nicht in sein humanistisches Weltbild passen. Sein intellektueller Horizont beschränkt sich auf das Postulat eines relativistischen Subjektivismus, das nichts Ultimatives oder letztlich Gültiges zulässt. Kategorische Imperative gibt es für ihn nicht mehr, außer dem einen, dass es absolut keine mehr gibt. Biblische Normen haben somit ihre Bedeutung verloren, autoritative Ansprüche an ihn zu stellen. „Maxime” werden nur noch dann anerkannt, wenn sie sich den ständig verändernden Ansprüchen und Empfindungen des Menschen anpassen. Nicht selten gipfelt sein Bestreben in einer existentiellen Selbstfindung, die auf eine Verwirklichung seiner Wünsche in allen Lebensbereichen hinausläuft, aber schlussendlich keine schlüssige Antwort auf die Sinnfrage zulässt.

Demnach liegt der sich rasch verbreitenden Krise im Verständnis gesellschaftlicher Moralvorstellungen eine Abneigung gegen ethische Grundsätze zugrunde, die sich von einer metaphysischen Realität ableiten und von dort ihre Legitimation erhalten. Die oberste Verpflichtung eines Menschen darin zu sehen, sich dem Willen eines höheren Wesens unterzuordnen und ihn als Schöpfer der Welt anzubeten, ist zunehmend dem Säkularisierungsprozess des 20. und 21. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Dieser Trend der Verweltlichung ist so durchschlagskräftig und allumfassend, dass er nicht vor den Türen der christlichen Gemeinden und Seminare haltmacht. Im Gegenteil, er bewirkt gerade dort seine verheerendsten Auswirkungen. Eine der Welt angepasste Christenheit ist ein schwaches Bollwerk gegen den Ansturm widergöttlicher Ideologien.

Der an den Tag gelegte Pragmatismus, die Trennung “religiöser Wahrheit” von “realer Wahrheit” und die marginale Bedeutung der Herrschaft Christi und der Autorität der Heiligen Schrift innerhalb der theologischen Fakultäten bzw. Seminare und Gemeinden stellen den Hauptgrund der Krise dar. Schlussendlich sind die Christen selbst schuld daran, sich in unserer Zeit auf dem Rücksitz des intellektuellen Busses wiederzufinden, erhoben sie doch zunehmend die subjektive Glaubenserfahrung als den letztgültigen Maßstab der Wahrheit. Man hat sich selbst in eine aussichtslose Lage manövriert, ohne zu wissen, was getan werden müsste, um in der kulturellen Debatte wieder Mitspracherecht zu bekommen. Zu oft gelang es den säkularen Humanisten, auch derer im kirchlichen Talar, die Bibel im gesellschaftlichen Kontext, in dem sich der moderne Mensch wiederfindet, von vorneherein als irrelevant abzutun.

Während einige meinen, die Christen würden sich schon gefährlich nahe am Abgrund der kulturellen Bedeutungslosigkeit befinden, sehen andere deren gesellschaftlichen Niedergang erst in ein oder zwei Jahrzehnten voraus. Natürlich hofft man innerhalb evangelikaler Kreise, die sich dem Dominionismus verpflichtet sehen, dass man sich noch rechtzeitig dazu entschließen kann, wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten, die imstande sind, den negativen Trend aufzuhalten oder sogar ins Positive zu kehren. Dennoch sind manche dieser auf kulturelle Einflussnahme bedachten Evangelikalen dazu geneigt, bei einer objektiven Betrachtung der prekären Sachlage, wie sie sich immer deutlicher abzeichnet, zunächst einmal eine eher pessimistische Einstellung einzunehmen. Auch wenn sie es nicht unterlassen, quasi reflexartig auf Gottes Souveränität über alle kulturellen Strömungen und Geschichtsabläufe hinzuweisen. Die Frage, ob die Gemeinde Jesu überhaupt dazu beauftragt sei, als kulturprägende Instanz zu wirken, ist für sie von keinerlei Belang. Selbstverständlich sind sie davon überzeugt, dass die Antwort ein uneingeschränktes „Ja“ ist. Dass man dieses „Ja“ hinterfragen könnte, stößt bei ihnen deshalb auf viel Unverständnis, wenn nicht sogar auf eine aggressive Gegenreaktion. Die Durchsetzung des Dominionismus – selbst wenn man sich beflissentlich davor scheut, diesen Begriff in den Mund zu nehmen – wird als dringliche Aufgabe aller Christen angesehen und proklamiert. Kein Kirchengänger darf sich der moralischen Verpflichtung entziehen, das Beste zu tun, um das Elend vieler Menschen in dieser Welt selbstaufopfernd zu lindern.

Betrachtet man die Befürwortung biblisch-moralischer Grundsätze als Grundlage einer positiven Gesellschaftsentwicklung auf dem Hintergrund der evangelikalen Gemeindepraxis treten paradoxerweise deutliche Widersprüche ans Tageslicht. Die Evangelikalen meinen nämlich, dass im gemeindlichen Umfeld Deutschlands und der Schweiz seit einigen Jahren Strömungen zu beobachten sind, die der kirchendistanzierten Bevölkerung ein aufgeschlosseneres und moderneres Selbstportrait entgegenhält. Sie geben grundsätzlich zu verstehen, dass diese Bemühungen der Auflockerung veralteter Kirchenstrukturen nicht allgemein und pauschal als konterproduktiv verurteilt werden sollten. Vieles ist nicht deshalb gut, weil es schon immer so gemacht wurde. Veränderung im Sinne einer progressiven Einflussnahme und Ausgestaltung biblischer Wahrheit auf der gesamten Bandbreite kultureller Konventionen und Institutionen ist durchaus erstrebenswert, wenn nicht sogar unerlässlich. Den Traditionalisten in den Gemeinden, die sich gegen die pragmatischen Züge des Dominonismus stellen, wird vorgehalten, unfähig zu sein, das Evangelium in einer verständlichen Weise ihren dem christlichen Glauben entfremdeten Mitbürgern glaubhaft zu verkündigen, wenn sie ihre Aufgabe nur als Mundzeugnis ansehen und nicht bereit sind, aktiv Hand anzulegen, damit die Liebe Gottes allen Menschen zugutekomme. Modern eingestellte Evangelikale sehen hingegen ermutigende Anzeichen der Kombination von Wort und Tat im Bereich der Zellkirchen-Bewegung und der Akzeptanz und Umsetzung des „Willow Creek“-Konzepts in vielen freikirchlichen Gemeinden. Realistisch gesehen, gibt es Grund, im Hinblick auf die Zukunft optimistisch zu sein, auch wenn noch vieles getan werden müsse, um tatsächlich im pluralistischen Kontext einer säkularen Gesellschaft konsequent die Zahl von Gemeindegründungen zu multiplizieren und die karitativen Dienstleistungen zu verbessern. Darüber hinaus muss das bisherige Abkapseln vieler Christen von jeglicher politischen und kulturellen Einflussnahme entschieden abgelehnt werden. Das Bewahren einer pietistischen Lebensführung sei in unserer modernen Zeit völlig fehl am Platz. Die Christen täten wohl daran, mit praktischen Liebeserweisen die Lehren ihres Religionsgründers so attraktive wie möglich zu machen.

So einleuchtend diese Argumente für die Durchführung eines den Dominionismus fördernden Aktionsplans auch erscheinen mögen, lassen sie sich nicht von der Bibel her bekräftigen. Sie stehen sogar einer biblischen Sichtweise diametral entgegen. Konservative Christen, die sich gegen dieses Programm der „Kulturrelevanz“ stellen, finden sich nur allzu oft inmitten eines ideologischen Zweifrontenkriegs wieder. Sie führen nicht nur Auseinandersetzungen mit religiösen Skeptikern, sondern treten auch bewusst gegen pragmatische Gemeindeglieder auf, die die Torheit des Kreuzes mit weltlicher Weisheit – dem Pragmatismus – übertünchen wollen.

Der in Nordamerika entstandene Pragmatismus betont die Zweckmäßigkeit und stellt sie als den eigentlichen positiven Wert dar. Alle Beurteilungsmaßstäbe müssen sich daran ausrichten, ob ein Unternehmen den gewünschten Erfolg bringt. Wenn nicht, muss die Methode so verändert werden, damit man das angestrebte Ziel erreicht. Evangelikale übernehmen oftmals ungeprüft die philosophischen Ansätze des Pragmatismus und deklarieren sie als zum Erfolg führende Prinzipien im Modernisierungsfeldzug der Gemeinde Jesu und der Gesellschaft, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass man in entscheidenden Punkten die Botschaft der Bibel untergräbt und sich damit selbst den Boden unter den Füssen wegzieht. Selbst der ehemals evangelikale Theologe Harvey Cox, der sich in späteren Jahren völlig dem Liberalismus geöffnet hat, nahm den Einfluss des Pragmatismus auf die westliche Zivilisation als Triebfeder der radikalen Säkularisierung und Umwälzung wahr und beschrieb ihn in seinem Buch The Secular City (Die säkularisierte Stadt). Darin skizziert er eine Gesellschaft, die ihre Werte nicht mehr von einer transzendenten Wirklichkeit herleitet. Sie geht stattdessen von einer Perspektive aus, in der es die Ewigkeit als Bezugspunkt nicht mehr gibt. Seine Kritik richtete sich an die kompromissbereiten Christen, die philosophische Ansätze des Pragmatismus naiv übernehmen, ohne darüber im Klaren zu sein, dass sie den Geboten der Bibel entgegenstehen.

Viele Christen sind sich ihrer bereitwilligen Anpassung an die postmoderne Kultur nicht bewusst. Im deutsch-sprachigen Gebiet fehlt nach wie vor eine breite Palette themenbezogener Studien, die die Fragen einer postmodernen Gesellschaft aufgreifen und eine stichhaltige theologische Antwort anbieten. In angelsächsischen Raum ist eine Reihe von Büchern erschienen, die sich zunächst einmal mit übergeordneten Themen befassen. Hier könnte man Themen wie die christliche Epistemologie (Erkenntnislehre), die Autorität der Bibel und die biblische Lebensgestaltung erwähnen.[1] Es wäre zu wünschen, wenn zumindest einige dieser Bücher ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht werden würden. Die Ermahnung der Bibel, sich nicht dem postmodernen Zeitgeist aufzuschließen und hinzugeben, sollte aber dennoch ausreichend sein, um sich zu weigern, den Dominionismus auf die eigene Fahne zu schreiben.

“Gestaltet eure Lebensführung nicht nach der Weise dieser Weltzeit, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr ein sicheres Urteil darüber gewinnt, welches der Wille Gottes sei nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.” (Röm. 12:2)


[1] (1) Moreland, J. P., Love Your God with All Your Mind (Grand Rapids: Baker, 1997). (2) Packer, J. I., Truth and Power: The Place of Scripture in the Christian Life (Wheaton: Shaw, 1996). (3) Noll, Mark, The Scandal of the Evangelical Mind (Grand Rapids: Eerdmans, 1994). (4) Wells, David, No Place for Truth (Or Whatever Happened to Evangelical Theology) (Grand Rapids: Eerdmans, 1993). (5) Wells, David, God in the Wasteland: The Reality of Truth in a World of Fading Dreams (Grand Rapids: Eerdmans, 1994). (6) Bloom, Allan, The Closing of the American Mind (New York: Simon & Schuster, 1987). (7) Carson, D. A., The Gagging of God (Grand Rapids: Zondervan, 1996). (8) Hirsch, Jr., E. D., Cultural Literacy (New York: Vintage, 1988). (9) Armstrong, John, editor, The Coming Evangelical Crisis: Current Challenges to the Authority of Scripture and the Gospel (Chicago: Moody, 1996). (10) Ingraffia, Brian D., Postmodern Theory and Biblical Theology: Vanquishing God’s Shadow (Cambridge: University Press, 1995).

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