CHRISTEN WOLLEN KULTURRELEVANT SEIN UND VERWERFEN DABEI BIBLISCHE BOTSCHAFT (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Christliches Abendland verändert sich radikal

Die Kultur des christlichen Abendlandes ist einer radikalen Umwälzung unterworfen. Mit dieser Feststellung treten Evangelikale auf, um sich mit Leibeskräften gegen die Entchristlichung ihrer Zeitgenossen zu stellen. Ist es nicht so, dass der von einer postmodernen Ideologie geprägte Mensch unserer Zeit sich von einer Befürwortung moralischer Grundsätze wenig beeindruckt zeigt, die von einem transzendenten Gesetzgeber herrühren? Sein intellektueller Horizont erlaubt es ihm nicht, die Gültigkeit eines autoritativen Anspruches von einem, wie er meint, fiktiven Gott anzuerkennen, dem er angeblich Rechenschaft schuldig ist. Doch er verrät dadurch nur seine ideologische Neigung, die Wirklichkeit absoluter Maßstäbe zu leugnen, die nicht in sein humanistisches Weltbild passen. Sein intellektueller Horizont beschränkt sich auf die Forderung eines relativistischen Subjektivismus, der nichts Ultimatives oder letztlich Gültiges zulässt. „Kategorische Imperative“ (moralische Forderung, die keinen Widerspruch duldet) gibt es für ihn nicht mehr, außer dem einen, dass es absolut keine mehr gibt. Biblische Normen haben somit ihre Bedeutung verloren, autoritative Ansprüche an ihn zu stellen. Leitsätze werden nur noch dann anerkannt, wenn sie sich den ständig verändernden Ansprüchen und Empfindungen des Menschen anpassen. Nicht selten gipfelt sein Bestreben in einer existentiellen Selbstfindung, die auf eine Verwirklichung seiner Wünsche in allen Lebensbereichen hinausläuft, aber schlussendlich keine schlüssige Antwort auf die Sinnfrage zulässt.

Verweltlichung macht vor christlichen Gemeinden nicht halt

Die oberste Verpflichtung eines Menschen darin zu sehen, sich dem Willen eines höheren Wesens unterzuordnen und ihn als Schöpfer der Welt anzubeten, ist zunehmend dem Säkularisierungsprozess des 20. und 21. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Dieser Trend der Verweltlichung ist so durchschlagskräftig und allumfassend, dass er nicht vor den Türen der christlichen Gemeinden und Seminare haltmacht. Im Gegenteil, er bewirkt gerade dort seine verheerendsten Auswirkungen. Eine der Welt angepasste Christenheit ist ein schwaches Bollwerk gegen den Ansturm widergöttlicher Ideologien.

Christen bringen sich selber ins Abseits

Der an den Tag gelegte Pragmatismus (das Handeln wird über die Vernunft gestellt, und die Wahrheit und Gültigkeit von Ideen und Theorien wird allein nach ihrem Erfolg bemessen), die Trennung “religiöser Wahrheit” von “realer Wahrheit” und die nebensächliche Bedeutung der Herrschaft Christi und der Autorität der Heiligen Schrift innerhalb der theologischen Fakultäten beziehungsweise Seminare und Gemeinden stellen den Hauptgrund der Krise dar. Schlussendlich sind die Christen selbst schuld daran, sich in unserer Zeit auf dem Rücksitz des intellektuellen Buses wiederzufinden, erhoben sie doch zunehmend die subjektive Glaubenserfahrung als den letztgültigen Maßstab der Wahrheit. Man hat sich selbst in eine aussichtslose Lage manövriert, ohne zu wissen, was getan werden müsste, um in der kulturellen Debatte wieder Mitspracherecht zu bekommen. Zu oft gelang es den säkularen Humanisten, auch derer im kirchlichen Talar, die Bibel im gesellschaftlichen Kontext, in dem sich der moderne Mensch wiederfindet, von vorneherein als irrelevant abzutun.

Hat die Gemeinde Jesu wirklich einen „kulturrelevanten Auftrag“?

Während einige meinen, die Christen würden sich schon gefährlich nahe am Abgrund der kulturellen Bedeutungslosigkeit befinden, sehen andere deren gesellschaftlichen Niedergang erst in ein oder zwei Jahrzehnten voraus. Natürlich hofft man innerhalb evangelikaler Kreise, die sich dem Dominionismus (Streben nach weltlicher Macht) verpflichtet sehen, dass man sich noch rechtzeitig dazu entschließen kann, wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten, die imstande sind, den negativen Trend aufzuhalten oder sogar ins Positive zu kehren. Dennoch sind manche dieser auf kulturelle Einflussnahme bedachten Evangelikalen dazu geneigt, bei einer objektiven Betrachtung der prekären Sachlage zunächst einmal eine eher pessimistische Einstellung einzunehmen. Dabei unterlassen sie es nicht, quasi reflexartig auf Gottes Souveränität über alle kulturellen Strömungen und Geschichtsabläufe hinzuweisen. Die Frage, ob die Gemeinde Jesu überhaupt dazu beauftragt sei, als kulturprägende Instanz zu wirken, ist für sie von keinerlei Belang. Selbstverständlich sind sie davon überzeugt, dass die Antwort ein uneingeschränktes „Ja“ ist. Dass man dieses „Ja“ hinterfragen könnte, stößt bei ihnen deshalb auf viel Unverständnis, wenn nicht sogar auf eine aggressive Gegenreaktion. Die Durchsetzung des Dominionismus – selbst wenn man sich beflissentlich davor scheut, diesen Begriff in den Mund zu nehmen – wird als dringliche Aufgabe aller Christen angesehen und proklamiert. Kein Kirchengänger darf sich der moralischen Verpflichtung entziehen, das Beste zu tun, um das Elend vieler Menschen in dieser Welt selbstaufopfernd zu lindern.

Anhänger des Dominionismus gehen pragmatisch vor

Betrachtet man die Befürwortung biblisch-moralischer Grundsätze als Grundlage einer positiven Gesellschaftsentwicklung auf dem Hintergrund der evangelikalen Gemeindepraxis, treten paradoxerweise deutliche Widersprüche ans Tageslicht. Die Wiedersprüche zeigen sich darin, dass die Evangelikalen ihre postmodernen Zeitgenossen über kulturrelevante Projekte erreichen wollen, aber dabei den Kern des Evangeliums verleugnen. Sie wollen evangelisieren, wenden aber das heidnische Prinzip des Pragmatismus an. Christen übernehmen ungeprüft weltliches Verhalten und verwerfen dadurch die biblische Botschaft.

Die Evangelikalen meinen, dass im gemeindlichen Umfeld Deutschlands und der Schweiz seit einigen Jahren Strömungen zu beobachten sind, die der kirchendistanzierten Bevölkerung ein aufgeschlosseneres und moderneres Selbstportrait entgegenhält. Sie geben grundsätzlich zu verstehen, dass diese Bemühungen der Auflockerung veralteter Kirchenstrukturen nicht allgemein und pauschal als negativ verurteilt werden sollten. Vieles ist nicht deshalb gut, weil es schon immer so gemacht wurde. Veränderung im Sinne einer zunehmenden Einflussnahme und Ausgestaltung biblischer Wahrheit auf der gesamten Bandbreite kultureller Konventionen (Regeln der Gesellschaft) und Institutionen sei durchaus erstrebenswert, wenn nicht sogar unerlässlich. Den Traditionalisten in den Gemeinden, die sich gegen die pragmatischen Züge des Dominonismus stellen, wird vorgehalten, unfähig zu sein, das Evangelium in einer verständlichen Weise ihren dem christlichen Glauben entfremdeten Mitbürgern glaubhaft zu verkündigen, wenn sie ihre Aufgabe nur als Mundzeugnis ansehen und nicht bereit sind, aktiv Hand anzulegen, damit die Liebe Gottes allen Menschen zugutekomme. Modern eingestellte Evangelikale sehen hingegen ermutigende Anzeichen der Kombination von Wort und Tat im Bereich der Zellkirchen-Bewegung und der Akzeptanz und Umsetzung des „Willow Creek“-Konzepts in vielen freikirchlichen Gemeinden. Realistisch gesehen, gebe es Grund, im Hinblick auf die Zukunft optimistisch zu sein, auch wenn noch vieles getan werden müsse, um tatsächlich im pluralistischen Kontext einer säkularen Gesellschaft konsequent die Zahl von Gemeindegründungen zu multiplizieren und die karitativen Dienstleistungen zu verbessern. Darüber hinaus müsse das bisherige Abkapseln vieler Christen von jeglicher politischen und kulturellen Einflussnahme entschieden abgelehnt werden. Das Bewahren einer pietistischen Lebensführung sei in unserer modernen Zeit völlig fehl am Platz. Die Christen täten wohl daran, mit praktischen Liebeserweisen die Lehren Jesu so attraktiv wie möglich zu machen.

Torheit des Kreuzes mit weltlicher Weisheit übertüncht

So einleuchtend diese Argumente für die Durchführung eines den Dominionismus fördernden Aktionsplans auch erscheinen mögen, lassen sie sich nicht von der Bibel her bekräftigen. Sie stehen sogar einer biblischen Sichtweise diametral entgegen. Konservative Christen, die sich gegen dieses Programm der „Kulturrelevanz“ stellen, finden sich nur allzu oft inmitten eines ideologischen Zweifrontenkriegs wieder. Sie führen nicht nur Auseinandersetzungen mit religiösen Skeptikern, sondern treten auch bewusst gegen pragmatische Gemeindeglieder auf, die die Torheit des Kreuzes mit weltlicher Weisheit – dem Pragmatismus – übertünchen wollen.

Der Prgmatismus fördert die Verweltlichung

Der in Nordamerika entstandene Pragmatismus betont die Zweckmäßigkeit und stellt sie als den eigentlichen positiven Wert dar. Alle Beurteilungsmaßstäbe müssen sich daran ausrichten, ob ein Unternehmen den gewünschten Erfolg bringt. Wenn nicht, muss die Methode so verändert werden, damit man das angestrebte Ziel erreicht. Evangelikale übernehmen oftmals ungeprüft die philosophischen Ansätze des Pragmatismus und deklarieren sie als zum Erfolg führende Prinzipien im Modernisierungsfeldzug der Gemeinde Jesu und der Gesellschaft, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass man in entscheidenden Punkten die Botschaft der Bibel untergräbt und sich damit selbst den Boden unter den Füssen wegzieht. Selbst der ehemals evangelikale Theologe Harvey Cox, der sich in späteren Jahren völlig dem Liberalismus geöffnet hat, nahm den Einfluss des Pragmatismus auf die westliche Zivilisation als Triebfeder der radikalen Säkularisierung und Umwälzung wahr und beschrieb ihn in seinem Buch The Secular City (Die säkularisierte Stadt). Darin skizziert er eine Gesellschaft, die ihre Werte nicht mehr von einer transzendenten Wirklichkeit herleitet. Sie geht stattdessen von einer Perspektive aus, in der es die Ewigkeit als Bezugspunkt nicht mehr gibt. Seine Kritik richtete sich an die kompromissbereiten Christen, die philosophische Ansätze des Pragmatismus ungeprüft übernehmen, ohne darüber im Klaren zu sein, dass sie den Geboten der Bibel entgegenstehen.

Bibel ermahnt, sich nicht dem postmodernen Zeitgeist hinzugeben

Viele Christen sind sich ihrer bereitwilligen Anpassung an die postmoderne Kultur nicht bewusst. Im deutschsprachigen Gebiet fehlt nach wie vor eine breite Palette themenbezogener Studien, die die Fragen einer postmodernen Gesellschaft aufgreifen und eine stichhaltige theologische Antwort anbieten. Im angelsächsischen Raum ist eine Reihe von Büchern erschienen, die sich mit Themen, wie der christliche Erkenntnislehre, der Autorität der Bibel und der biblischen Lebensgestaltung befassen.[1] Es wäre zu wünschen, wenn zumindest einige dieser Bücher ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht werden würden. Die Ermahnung der Bibel, sich nicht dem postmodernen Zeitgeist anzuschließen und hinzugeben, sollte aber dennoch ausreichend sein, um sich zu weigern, den Dominionismus auf die eigene Fahne zu schreiben.

“Gestaltet eure Lebensführung nicht nach der Weise dieser Weltzeit, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr ein sicheres Urteil darüber gewinnt, welches der Wille Gottes sei nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.” (Röm. 12,2)


[1] (1) Moreland, J. P., Love Your God with All Your Mind (Grand Rapids: Baker, 1997). (2) Packer, J. I., Truth and Power: The Place of Scripture in the Christian Life (Wheaton: Shaw, 1996). (3) Noll, Mark, The Scandal of the Evangelical Mind (Grand Rapids: Eerdmans, 1994). (4) Wells, David, No Place for Truth (Or Whatever Happened to Evangelical Theology) (Grand Rapids: Eerdmans, 1993). (5) Wells, David, God in the Wasteland: The Reality of Truth in a World of Fading Dreams (Grand Rapids: Eerdmans, 1994). (6) Bloom, Allan, The Closing of the American Mind (New York: Simon & Schuster, 1987). (7) Carson, D. A., The Gagging of God (Grand Rapids: Zondervan, 1996). (8) Hirsch, Jr., E. D., Cultural Literacy (New York: Vintage, 1988). (9) Armstrong, John, editor, The Coming Evangelical Crisis: Current Challenges to the Authority of Scripture and the Gospel (Chicago: Moody, 1996). (10) Ingraffia, Brian D., Postmodern Theory and Biblical Theology: Vanquishing God’s Shadow (Cambridge: University Press, 1995).

Kommentar verfassen