ERKENNTNIS OHNE LIEBE SCHÜRT DAS FEUER DER EINBILDUNG (DR. MARTIN ERDMANN) / Nachbemerkung (Siegfried Schad)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Der Apostel Paulus schreibt, dass Erkenntnis aufbläht, die Liebe aber aufbaut (1. Kor. 8,1). Am Beispiel des Verzehrs von Götzenopferfleisch macht er ein geistliches Prinzip deutlich, das immer und überall gilt. Wie die Gläubigen in Korinth sind auch wir aufgefordert, gut zuzuhören.

Die christliche Gemeinde in Korinth beschäftigte eine brennende Frage. Um in unserer Zeit die Brisanz des Problems verstehen zu können, müssen wir uns in die antike Kultur zurückversetzen. Es war damals weit verbreitet, Teile des Götzenopferfleisches entweder den Armen zu geben oder es auf dem Markt zu verkaufen. Die Priester hatten nichts dagegen, denn sie nahmen schon zuvor die besten Stücke an sich. Die Christen konnten nie sicher sein, ob das Fleisch, das sie käuflich erwarben, zuvor den Götzen geweiht worden war. Auch wenn man das Festgelage im Tempel tunlichst mied, bestand doch die stete Gefahr, mit dem Götzenopferfleisch bei den täglichen Mahlzeiten in Berührung zu kommen. Diese Verquickung von allgegenwärtigem Götzendienst und gewöhnlichem Lebensvollzug stellte für die Jungbekehrten eine enorme geistliche Herausforderung dar. Wie sollten sie sich verhalten?

Wer hat recht im Meinungsstreit?

Die jüdischen Christen verabscheuten es grundsätzlich, das den Götzen geopferte Fleisch anzurühren. Sie kauften wie zuvor bei jüdischen Metzgern ein. Doch unter den Gläubigen, die einen heidnischen Hintergrund hatten, herrschten zwei unterschiedliche Meinungen. Einerseits gab es solche, die sich völlig von ihrer früheren Religion emanzipiert hatten. Die Verehrung heidnischer Götzen übte auf ihr Denken keinen Einfluss mehr aus, denn sie wussten über den Lug und Trug dieser Religion Bescheid. Die vermeintlichen Götter waren nichts als Fantasiegebilde. Daher fühlten sie sich frei, das Götzenopferfleisch zu essen, ohne dabei irgendwelche Gewissensbisse zu haben. Es gab aber auch solche, die sich von der Vorstellung nicht losreißen konnten, dass sich hinter den Götzen mehr verbarg als nur Schall und Rauch. Jede Berührung mit dem heidnischen Kultus, auch gerade dort, wo es unwissentlich geschah, war ihnen ein Gräuel. Ein berechtigter Einwand erhebt sich in unseren Reihen. Wie auch immer die Antwort des Heidenapostels ausfiel – was hat dies alles mit unseren heutigen Verhältnissen im aufgeklärten Westen zu tun? Eigentlich doch gar nichts. Wieso sollten wir uns noch mit dieser offensichtlich irrelevanten Problematik beschäftigen? Doch so leicht lässt sich die Antwort des Paulus nicht zur Seite schieben. Denn in seiner Antwort geht er auf etwas sehr wichtiges ein, das uns auch heute noch betrifft.

Von Liebe oder Stolz geleitet?

Erkenntnis ohne Liebe schürt das Feuer der Einbildung und des Stolzes. Das richtige Wissen um die Nichtigkeit der Götzen ließ in so manchem Gläubigen in Korinth das Gefühl der Überheblichkeit aufkommen. Man wähnte sich den anderen Christen in der Glaubenserkenntnis weit überlegen, die Vorbehalte gegen den Verzehr von Götzenopferfleisch hatten. Im Brüsten der eigenen Meinung – einer Meinung übrigens, die Paulus durchaus für richtig hält – verbreitet sich das Gift der Sünde. Man hatte die Liebe trotz richtiger Erkenntnis außer Acht gelassen. Die Liebe allein führt zu wahrer Erkenntnis. Andere Christen fürchteten sich davor, spirituell verunreinigt zu werden, wenn sie das Götzenopferfleisch aßen. Was war zu tun?

Liebe zu Jesus erweitert unsere Gotteserkenntnis

Konnte man nicht den Beschluss des Jerusalemer Apostelkonzils (Apostelgeschichte 15) in dieser Frage heranziehen? Den nichtjüdischen Bekehrten wurde damals geboten, aus Rücksicht vor ihren jüdischen Glaubensgenossen kein Götzenopferfleisch zu essen. In Korinth stand die Sachlage aber etwas anders. Das Problem betraf hauptsächlich zwei unterschiedlich denkende Gruppierungen innerhalb der heidenchristlichen Kommune. Die Angelegenheit musste neu überdacht werden. Jeder war gespannt, was wohl Paulus, der am Apostelkonzil teilgenommen hatte, zu dieser Frage sagen würde. Allein die Liebe ist fähig, alles Selbstsüchtige abzulegen, um dem anderen in persönlicher Aufopferung zu Diensten zu stehen. «Geliebte, lasst uns einander lieben! Denn die Liebe stammt aus Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott erzeugt und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe» (1. Johannes 4,7.8). Eigentlich ganz einfach: Liebe zu Gott bringt uns ihm näher und ermöglicht uns, seine Gnade in vermehrtem Umfang zu empfangen. Im Gegenzug gibt er sich uns selbst zu erkennen, wie dies noch nie zuvor geschah. Unsere Gotteserkenntnis ist also unmittelbar von unserer Bereitschaft abhängig, Jesus Christus zu lieben.

Echtes Wissen macht demütig

Dieser geistliche Grundsatz lässt sich unmittelbar übertragen auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sollen Rücksicht nehmen auf das schwache Gewissen anderer. Die Erkenntnis, die uns in der Liebe geschenkt wird, ist von solider Art. Sie bläht sich nicht auf, um letztlich wie ein Luftballon zu zerplatzen, sondern ist tragfähig und stabil. Denn dort, wo die Erkenntnis zur stolzen Einbildung wird, zeigt sie paradoxerweise am schnellsten ihr Unwissen. Der sich seines Wissens rühmende Mensch ist noch weit von der wirklichen Erkenntnis entfernt. Je mehr jemand tatsächlich weiß, umso bescheidener und demütiger, ja liebevoller wird er. Derjenige, der sich seines großen Wissens brüstet, weil er ein paar wenige Steine am Strand der Erkenntnis eingesammelt hat, hat noch nie einen Blick auf den immensen Ozean der Wahrheit und Liebe geworfen.


Nachbemerkung (Siegfried Schad)

Wenn dieser Artikel von Dr. Erdmann, am Eingang mancher christlicher Foren von Jedem Besucher gelesen werden würde, dann würde so manche hitzige und aufgeblähte Diskussion erst gar nicht aufkommen, sondern im Keim erstickt sein.

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