DAS ZIEL IST DAS ERREICHEN DER UNSTERBLICHKEIT (DR. MARTIN ERDMANN) / Nachbemerkung (Siegfried Schad)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Folge 9 über Mystizismus

Um die heutigen geistlichen Strömungen in den evangelikalen Gemeinden richtig einordnen zu können, ist es nötig, sich näher mit dem Mystizismus zu beschäftigen. In der Blütezeit der Alchemie vom 15. bis 18. Jahrhundert waren die Medizin, Kunst, Literatur und Musik von der Magie durchdrungen. Das große Ziel war das Erreichen der Unsterblichkeit. Eine Wende trat mit der Aufklärung ein, als sich die Alchemie in ihrer mystischen Umhüllung gegen die Naturwissenschaft nicht mehr behaupten konnte.

Siegeszug der Magie in der Medizin

Die Blütezeit des alchemistischen (okkulten) Umtriebs fällt in den zirka drei Jahrhunderte umfassenden Zeitraum vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Die zentrale Person in der Frühphase jener Zeitepoche war der zeitweise in Basel tätige Mediziner Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493-1541). Daher konnte die Alchemie besonders in der Naturheilkunde ihre Bedeutsamkeit über Jahrhunderte hinweg behaupten. Wilhelm Windelband beschreibt die Situation zutreffend:

“Dabei führte die metaphysische Grundvoraussetzung von der wesentlichen Einheitlichkeit aller Lebenskraft zu dem Gedanke, dass es auch ein einfaches, kräftigstes Gesamtmittel zur Stärkung jedes beliebigen Archeus [Naturkraft], dass es eine Panacee [Allheilmittel] gegen alle Krankheiten und zur Aufrechterhaltung aller Lebenskräfte geben müsse; und der Zusammenhang mit den makrokosmischen Bestrebungen der Magie nährte die Hoffnung, dass der Besitz dieses Geheimnisses die höchste Zaubermacht verleihen und die begehrtesten Schätze gewähren werde. Das alles sollte der „Stein der Weisen“ leisten: alle Krankheiten sollte er heilen, alle Stoffe in Gold verwandeln, alle Geister in die Gewalt seines Besitzers bannen. Und so waren es schließlich sehr reale und nüchterne Absichten, die in den Abenteuern der Alchimie sich zu befriedigen dachten.”[1]

Auch Kunst, Literatur und Musik von Magie durchdrungen

Die Verbreitung der Alchemie (Magie) ging mit einer bemerkenswerten Übereinstimmung von Kunst, Literatur und Musik einher, wie sie zum Beispiel in Michael Maiers Werk „Atalanta Fugiens“ in Erscheinung trat. Der Schriftsteller Nicholas Flamel (1330-1413) hatte den Anstoß dazu gegeben. Abhandlungen von Basilius Valentinus, George Ripley, Eirenaeus Philalethes und Jean D’Espagnet und zahlreiche Werke mit skizzenhaften bis kunstvollen Abbildungen waren in regem Umlauf, sowie auch in dem Werk „Mutus Liber“ (dt. „Wortloses Buch“), das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich veröffentlicht wurde und vorgab, die Herstellungsmethode des Steins der Weisen bildhaft darzustellen.

Das höchste Ziel ist die Unsterblichkeit

Die sich hinter der Alchemie verbergende mystische Weltanschauung wurde detailliert in der 1678 veröffentlichten Schriftensammlung „Theatrum Chemicum“[2] dargelegt. Diese Weltanschauung erforderte eine grundsätzlich andere Methode in der Erforschung der Welt wie die rationalistische Wissenschaft. Die Alchemisten gingen von der fundamentalen Voraussetzung aus, dass der Kosmos ein lebender Organismus sei, zu dem der Mensch eine wechselseitige Beziehung hat und untrennbar mit ihm verbunden ist zu gegenseitigem Nutzen. Von diesem Grundsatz leitete man ab, dass Subjekt und Objekt eine Wesenseinheit bilden. Nur so könne man zu einer richtigen Naturerkenntnis gelangen. Ein größerer Kontrast zur Forschung, die auf Beobachtung und Erfahrung beruhte und die die Objekte der Welt zu manipulieren versuchte, ist nicht vorstellbar; diese hat immer auf eine Trennung von Subjekt und Objekt bestanden. Nimmt man jedoch die Theorie vom lebenden Organismus der hermetischen (okkulten) Kunst ernst, wird verständlich, wie die Alchemisten auf die Idee gekommen waren, Gold aus unedlen Metallen herzustellen oder ein Elixier zu brauen, welches das menschliche Leben unsterblich machen würde. Im Vorwort der Abhandlung über den „Großen Stein der antiken Weisen“[3] von Basilius Valentinus steht die Antwort: Das Erreichen der Unsterblichkeit war immer das höchste Ziel der Alchemie. Kraft der im Schmelztiegel durchgeführten chemischen Reaktionen sollten die Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein überschritten werden.

In der Aufklärung kann sich die Magie nicht mehr behaupten

Ein Wende trat ein, als im 18. Jahrhundert die Aufklärung aufkam und sich eine rationalistische Atmosphäre über die kulturelle Landschaft Europas ausbreitete. Die Alchemie konnte sich in ihrer mystischen Umhüllung gegen die sich immer stärker durchsetzende Naturwissenschaft nicht mehr behaupten. Im 21. Jahrhundert kann man sich kaum vorstellen, dass es eine Zeit gegeben hat, in der die Ausübung der alchemistischen Kunst die Aufmerksamkeit fast der ganzen Bevölkerung – wie etwa im elisabethanischen England – besaß. Die Bücher John Dees, die Dramen und Gedichte Shakespeares und Miltons, die Poesie Henry Vaughans und die mystischen Abhandlungen seines Bruders Thomas sowie Bücher zahlreicher anderer Autoren jener Zeit dienen als Beleg eines allgemeinen Interesses dafür. Der historische Befund legt offen, dass sich hinter der Alchemie ein Quacksalber verbarg, der mit giftigen Chemikalien hantierte und der – wie man ihm böswillig nachsagte – einzig darauf bedacht war, betuchte Landesfürsten hinters Licht zu führen. Er machte ihnen leere Versprechungen, Blei in Gold zu verwandeln, um sich selbst an den Vergütungen seines Mäzens zu bereichern.


[1] Wilhelm Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie (Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), [1906] 181993) 312.

[2] Ursprünglich in Frankfurt a. M. [Frankfort] herausgegeben, wurde die englische Übersetzung des lateinischen Textes von Arthur Edward Waite überarbeitet und vom Londoner Verlagshaus J. Elliot and Co. 1893 unter dem Titel The Hermetic Museum herausgegeben.

[3] The “Practica,” with Twelve Keys, and an Appendix thereto, concerning the Great Stone of the Ancient Sages, by Basilius Valentinus, A Monk of the Benedictine Order. First Tract. An Epigram upon The Practica of Basilius by Michael Maier, in Arthur Edward Waite, Hrsg., The Hermetic Museum, Vol. I (London: J. Elliot and Co. 1893; Nachdr., York Beach: Weiser, 1991) 314-315: XI.—THE GOLDEN TRIPOD; or, Three Choice Chemical Tracts, namely: That of Basilius Valentinus, a Monk of the Benedictine Order, called Practica, with Twelve Keys and an Appendix. The Preface of Basilius Valentinus, The Benedictin, Concerning the Great Stone of the Ancient Sages.


Nachbemerkung (Siegfried Schad)

Warum Dr. Martin Erdmann auf vielen Wissensgebieten zu Hause ist und über diese auch referiert, erschließt sich u.a. aus einem Aspekt seiner Vita, der auf den ersten Blick so gar nicht zu einem Theologen zu passen scheint (Wikipedia schreibt HIER): “Für das Universitätsspital Basel verfasste er (Anm.: Dr. Martin Erdmann) als Senior Scientist von Januar 2004 bis Dezember 2008 eine akademische Studie über die ethischen Fragen der Nanomedizin…”.

Dr. Martin Erdmanns Schriften sind mitunter intellektuell sehr herausfordernd, auf den ersten Blick auch manchmal kompliziert, dafür jedoch in ihren Analysen überaus gründlich und besitzen in ihren Ausführungen und Erklärungen einen viel nachhaltigeren Wert, als die viele leichtere Kost die wir auf intellektuellen Gebieten von Christen üblicherweise lesen und hören dürfen.


avatarklein

Eingestellt von Siegfried Schad mit freundlicher Genehmigung von © Dr. Martin Erdmann alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.

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