DIE KIRCHE ALS „VERTEILUNGSNETZ” (DR. MARTIN ERDMANN) [UPDATE 2017 DES BUCHES “DER GRIFF ZUR MACHT”]

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Wie ist die Entwicklung des Neo-Evangelikalismus seit Veröffentlichung des Buchs Der Griff zur Macht im November 2011 weitergegangen und welche Veränderungen haben sich eingestellt? In eingehenden Recherchen bin ich diesen Fragen nachgegangen und versuche in der nahen Zukunft, die gewonnenen Erkenntnisse denen zu vermitteln, die ein Interesse am geistlichen Wohlergehen der Gemeinde Jesu haben. Vor der Beschäftigung mit neuen Themen ist es sinnvoll, noch einmal einige der wichtigen Inhalte des Buchs Der Griff zur Macht aufzugreifen. Deshalb werde ich in einer fortlaufenden Serie an Artikeln einzelne Buchauszüge veröffentlichen. Es ist dabei zu beachten, dass die Informationen auf dem Stand der Dinge gegen Ende des Jahres 2011 und davor Bezug nehmen. Manche Fakten haben sich mittlerweile etwas verändert. Beispielsweise heißen die UN-Millennium-Entwicklungsziele jetzt “Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“. Angegebene Links sind gegebenenfalls nicht mehr aktuell.


Der Griff zur Macht: Dominionismus – der evangelikale Weg zu globalem Einfluss

Warren zählte sechs Möglichkeiten auf, wie sich jede Kirche engagieren könnte, um AIDS-Infizierten zu helfen. Diese sind in dem Akronym C.H.U.R.C.H. zusammengefasst. Jeweils ein Buchstabe dieses englischen Wortes für „Kirche“ steht für eine Möglichkeit: 1.) Fürsorge und Trost für die Infizierten und Betroffenen, 2.) Durchführung von Untersuchungen und Beratungen, 3.) „Entfesselung“ freiwilliger Arbeitskräfte, 4.) Minderung der Stigmatisierung, 5.) Engagement für gesundes Verhalten sowie 6.) Hilfslieferungen von Nahrungsmitteln und Medikamenten.[1]

Der Vorschlag der Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Konzernen, NGOs und der Kirche ist keine neue Idee. Internationale Denkfabriken und Stiftungen versuchen seit den 1980er Jahren Werbung für diese Idee zu machen. Die öffentlichen Dokumente beinhalten oft Grafiken, die die Verbundenheit von Speichen und Radnabe symbolisieren. Jeder Bereich der Gesellschaft würde so von einer zentralen Kommandostelle gelenkt. In der Geschichte sind bereits die negativen Folgen einer solchen Zusammenarbeit sichtbar geworden. Afrika ist ein besonders unrühmliches Beispiel. Vor einigen Jahren enthüllten die Massenmedien, wie pharmazeutische Unternehmen mit den Regierungen Afrikas im Geheimen zusammenarbeiteten. Die üblen Machenschaften der Pharmaindustrie wurden in dem Roman und Spielfilm Der Ewige Gärtner[2] (2005) thematisiert. Ein anderes Beispiel ist der Spielfilm „Hotel Ruanda”[3] (2004), der aufzeigt, dass selbst die internationale Zusammenarbeit den Völkermord in Ruanda nicht verhindern konnte.[4] Der englische Sender BBC produzierte den Dokumentarfilm „Rhodes”[5], der in manchen Details sicherlich einseitig gefärbt und auch übertrieben ist, der aber die schrecklichen Folgen deutlich macht, wenn Missionare mit Firmen und Regierungen zusammenarbeiten. Der springende Punkt bei all diesen skrupellosen Machenschaften – und es gibt bedauerlicherweise noch einige mehr – ist, dass sich die guten Vorsätze in Nichts auflösen, wenn miteinander in Konkurrenz stehende Interessen ein gemeinsames Projekt in Angriff nehmen. Das Gerede über eine menschliche Natur, die sich von ihrer bösen Neigung abgewandt habe und nur noch auf das Gute bedacht sei, kann all das Schlechte nicht aufwiegen, das oft unter dem Deckmantel der Philanthropie – der Menschenfreundlichkeit – begangen wird. Es stimmt nicht, dass Rick Warren eine magische Formel entdeckt habe, die aus selbstsüchtigen Menschen Engel der Wohltätigkeit entstehen lässt, wenn sie nur den P.E.A.C.E.-Plan befolgen.

In Rick Warrens Vorstellungswelt spielt die Kirche in dieser Zusammenarbeit eine zentrale Rolle. Dabei folgt er der kommunitaristischen Philosophie Peter Druckers auf der ganzen Linie. Er hebt besonders ihre einzigartige Funktion als „Verteilungsnetz” hervor. Man fragt sich nur, wozu dient es? Was genau soll die Kirche im Verbund mit den NGOs, den Konzernen und Regierungen verteilen? Wird es die Verkündigung des rettenden Evangeliums von Jesus Christus sein? Das Akronym C.H.U.R.C.H. enthält kein „E” für Evangelium.

Vor unseren Augen spielt sich in den vergangenen 20 Jahren ein interessantes Schauspiel innerhalb des Evangelikalismus ab: Die Kultur des Neoevangelikalismus brachte in Zeiten des Wohlstandes Früchte zutage, die von außen betrachtet scheinbar wunderschön sind. Dazu zählen das „Evangelium der grenzenlosen Wunscherfüllung”[6], Prunk, den vor allem amerikanische Fernsehevangelisten zur Schau stellen, und die „geistliche” Selbstverwirklichung des Einzelnen. Ich-Bezogenheit und Reichtum sind die Kennzeichen dieser Zeit. Eine billige Gnade wurde verkündigt, die der Sturmflut der Sünde nichts entgegenzustellen vermochte. Nun beginnt das Pendel in die andere Richtung zu schwingen. Es schwingt aber nicht zurück zum Evangelium der Bibel, sondern vielmehr weit hinüber zu dem dreibeinigen Stuhl-Modell des neuen „Social Gospels” einer auftragsorientierten [purpose-driven] Theologie der Werksgerechtigkeit.

Zwei Fragen drängen sich auf: Wird die globale AIDS-Krise dazu genutzt – oder ist sie vielleicht sogar gefördert worden –, um den Mächtigen dieser Welt ein triftiges Argument zu liefern, um die Welt von der Notwendigkeit einer vollfunktionalen Weltregierung überzeugen zu können? Wird die Kirche – wie schon einmal in der Geschichte – dafür eingespannt, die „größte Armee von einer Milliarde Fußsoldaten” an Freiwilligen bereitzustellen, damit der globale „Friedensplan”, sprich eine Weltregierung, eingeführt werden kann?

Rick Warren sagte in einem Interview mit Tim Russert am 24. Dezember 2006:

“Die Probleme in unserer Welt sind so groß, dass jeder versagt hat, der sich um eine Lösung bemühte. Die Vereinten Nationen haben versagt wie auch die Vereinigten Staaten. Der Grund ist, dass wir nicht zusammenarbeiten. Im vergangenen Jahr äußerten sich beim Weltwirtschaftsforum in Davos Personen über öffentliche und private Partnerschaften. Ihre Absicht war, Regierungen und Firmen dazu zu bewegen, die großen globalen Probleme gemeinsam anzugehen. Es sind Probleme, die nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen betreffen. Als sie das ansprachen, fügte ich hinzu: „Nun, ihr habt recht, aber ihr habt etwas übersehen: in eurem Plan fehlt das dritte Bein des Stuhles.” Ein einbeiniger Stuhl fällt um, ein zweitbeiniger Stuhl fällt um, deshalb werden die Konzerne und Regierung allein diese Probleme nicht lösen können. Sie schafften es bislang nicht, weil sie nicht dazu fähig sind. Das dritte Stuhlbein sind die Kirchen. Der öffentliche Sektor spielt eine Rolle, der private Sektor spielt eine Rolle und der Glaubenssektor spielt eine Rolle. Jedes der drei Beine leistet einen bestimmten Beitrag, den die anderen nicht erbringen können.”[7]

Die Ideologie des „dreibeinigen Stuhls” des Managementberaters Peter Drucker geht davon aus, dass eine „gesunde” Gesellschaft am besten funktioniert, wenn sie sich auf „drei Beine” stützt: auf den Staat, den Privatsektor, zu dem die Kirchen zählen, und die Geschäftswelt. Aber dieses gesellschaftliche Konzept ist nicht realistisch, sondern idealistisch und sogar utopisch, also unerfüllbar!


[1] In Englisch: Care for and support those infected and affected; Handle testing and counseling; Unleash a volunteer labor force; Reduce stigma; Champion healthy behavior; and Help with medication and nutrition

[2] In Englisch: The Constant Gardener; http://de.wikipedia.org/wiki/Der_ewige_Gärtner: „In Afrika und Europa kommt Justin schon bald der weit verzweigten Verschwörung auf die Spur, der Tessa im Weg gewesen war: Ein großes Pharmaunternehmen, das in Afrika kostenlose AIDS-Tests unterstützt, lässt offenbar gleichzeitig an den Patienten ohne deren Wissen Dypraxa erproben, ein neues Mittel gegen eine erwartete Tuberkulose-Pandemie, von dem sich der Hersteller Riesenumsätze erhofft. Das unfertige Medikament kostete zwar zahlreichen der unfreiwilligen Testpersonen das Leben, aber so konnte Dypraxa billig und schnell optimiert werden. Die Toten wurden heimlich verscharrt und alle Unterlagen vernichtet, offiziell haben sie nie existiert. Selbst Angehörige der Verstorbenen, die Justin befragt, werden daraufhin festgenommen.”

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Ruanda: „Der Film erzählt die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte des Hôtel des Mille Collines in Kigali während des Völkermords im Frühjahr 1994. In dem seit vielen Jahrzehnten bestehendem Konflikt zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Hutus und den politisch wie wirtschaftlich dominierenden Tutsi wird am Abend des 6. April 1994 das Flugzeug des Präsidenten Habyarimana beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen, was die Auseinandersetzungen eskalieren lässt. Daraufhin sterben in Ruanda in nur 100 Tagen ca. eine Million Menschen durch Gewalttaten von Hutu-Milizen, Militär- und Polizeiangehörigen.”

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Ruanda: „Es scheint, dass die Weltöffentlichkeit die Völkermorde in Afrika wenig interessiert. Das planmäßige Vorgehen der Génocidaires – vor allem in Form der Interahamwe-Miliz ist organisiert: Der Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines hetzt die Hutu zusätzlich auf. Währenddessen hat der UN-Colonel Oliver Schwierigkeiten, zusätzliche Interventionen aus dem Ausland zu bekommen. Die UN-Soldaten dürfen nicht in gewalttätige Auseinandersetzungen eingreifen. Die neu eingetroffenen UN-Soldaten helfen nur den ausländischen Hotelgästen beim Verlassen des Landes. Zudem ist damit das letzte Hindernis beseitigt, das die Hutu-Milizen davon abhalten könnte, die Flüchtlinge im Hotel zu töten.”

[5] http://www.independent.co.uk/news/rhodes-to-nowhere-bbcs-epic-tale-flops-1365061.html: „Über neun tendenziöse Stunden wird [Cecil] Rhodes [ein führender Imperialist des 19. Jhdts.] als korrupter und geldgieriger Rassist und Pädophiler dargestellt, dessen abscheuliche Leidenschaft es war, sich an junge Knaben heranzumachen […] Die BBC hat 10 Mio. [Brit. Pfund] von unserem Geld dafür ausgegeben, ein Potpourri an Übertreibungen und Verleumdungen über diesen großartigen Menschen zusammenzustellen. Paul Johnson, Daily Mail.”

[6] In Englisch: „name-it-and claim-it gospel”

[7] MTP (Meet The Press) Transcript for Dec. 24; http://www.msnbc.msn.com/id/16202841/

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