Leseprobe: “Die Gottesversprecher” – Ute Aland

Ute Aland

Die Gottesversprecher

Roman frei nach wahren Begebenheiten

Die Bibelzitate folgen den nachstehenden Übersetzungen:
Hoffnung für alle, Copyright © Hoffnung für alle®, Biblica, Inc.®,
Hrsg. von ’fontis – Brunnen Basel: S. 41, 230.
Lutherbibel, revidierter Text 1984,
© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart:
S. 132, 133, 168, 174, 188, 190, 193, 208, 209, 213, 239.
Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im
SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten: S. 185, 235-238.
Bibeltext der Schlachter, Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft:
S. 93, 94.

© 2015 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: Getty Images
Umschlaggestaltung: Sabine Schweda
Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7655-0911-7

Prolog

Der Duft von Lavendel

Unter mir fällt die Küste steil ab. An den Fundamenten der schroffen,
wie von einem Gott gefalteten Felsen bricht sich tosend der
Atlantik. Der eigensinnige Wind zerzaust mir die Haare, reißt an
meiner Leinenhose und zerrt an der seidenen Bluse, die mich vor
der bissigen Julisonne schützt.

Neben mir, einen Schritt näher noch am Abgrund als ich, steht
der Mann, den ich liebe, und lässt seinen Blick weit über den Horizont
schweifen, während ich gierig die unablässig die Küste empor-
stürmende Salzluft hinunterschlucke, um meine Lungen mit der
Kraft dieses Augenblickes zu füllen.

Überglücklich verfolgen meine Augen die übermütigen Möwen,
die sich vom Wind emporwerfen lassen, Spielgefährten der warmen,
wilden Böen, als wären sie ohne Gewicht.

Nach all dem, was passiert ist, hätte ich nie daran geglaubt, dass
ich je wieder glücklich sein, je wieder so viel Leben spüren würde.

Ich kann es noch immer kaum fassen, dass nach so vielen schweren
Jahren meine Gedanken so federleicht sind, wie es eigentlich
nur Kinder kennen.

Vielleicht haben mich gerade jene Jahre empfänglich dafür gemacht,
die Schönheit des Augenblickes zu sehen.

Die schlimmsten Jahre meines Lebens. Die Jahre als junge Frau,
in denen andere eine Familie gründen und sich eine Zukunft aufbauen,
habe ich als Gefangene gelebt, manchmal bis zum Tode
verzweifelt. Dabei hatte ich schon damals fliegen wollen, frei, wild
und unbegrenzt. Meine Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit und
Lebenssinn waren immer schon stärker als bei den meisten Menschen.
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Doch ich klebte wie einst Ikarus Federn mit dem Wachs zu gern
geglaubter Lügen zusammen und stürzte – wie jener Sonnenstürmer
– in den schier bodenlosen Abgrund.

Aber wie durch ein Wunder bin ich nicht zerschollen, ich habe
überlebt. Mehr als das: Ich bin mir selbst begegnet und habe verstanden,
was Gnade ist. Ich habe meinen Wahn erkannt und meine
Verführbarkeit.

„Lass uns nach Hause gehen“, reißt mich die dunkle Stimme
meines Mannes aus der Grübelei. „Ich habe Hunger.“

Mit „Zuhause“ meint er im Moment die kleine Steinhütte seiner
Eltern inmitten von eichenbestandenen Weiden und Lavendelfeldern.
Im Sommer vermieten sie sie als Ferienhaus.

Die Côte Basque ist ein beliebtes Urlaubsziel. Wir beiden dürfen
hier manchmal außerhalb der Saison wohnen, wenn keine Touristen
da sind. Wir könnten es uns natürlich niemals erlauben, einfach
so Ferien zu machen. Wahrscheinlich auch die nächsten Jahre
nicht, bis die Kredite abbezahlt sind, die vielen Schulden aus jener
gefräßigen Zeit.

„Lass uns noch ein bisschen bleiben. Nur ein paar Minuten
noch“, bettle ich. Mein Liebster hat eigentlich immer Hunger, aber
ich möchte noch ein wenig die Wellen da unten angucken.

Diese kleinen, fleißigen, unermüdlichen Wellen, die nicht wahrhaben
wollen, dass sie der Realität der Felsen Frankreichs nichts anhaben
können. Sie rennen und rennen, als könnten sie nicht akzeptieren,
dass es nicht weitergeht. Lächerlich eigensinnig krabbeln sie die
Steilküste hinauf, um dann hinabzuklatschen und wieder neu gegen
das Gestein anzurennen wie unbelehrbare Kinder des Sisyphus.

Ich lächle den Mann an meiner Seite an, und ich weiß, warum
das Lächeln, das er mir erwidert, so unfertig aussieht.

Ich weiß, dass er weiß, woran ich denke. Weil ich immer daran
denke, wenn ich hier stehe. Ich weiß auch, dass er wütend ist auf
das, was damals passiert ist. Er kann es ihnen nicht vergessen, dass
sie mich missbraucht haben. Er hadert immer noch damit.

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Wir waren alle Betrogene. Auch ich erinnere mich noch gut an
all die perfiden, subtilen Versuche, unser Glück zu verhindern, aber
ich weiß, dass ich das Spiel mitgespielt habe. Dass ich ihnen die
Macht über mich gegeben habe, dass ich mich wie diese kleinen
dummen Wellen da unten immer und immer wieder gegen die
Felsen habe schmettern lassen, in dem naiven Glauben, ich könne
mein Leben in die Bahnen zwingen, die ich mir erhoffte.

Letzten Endes ist es anders gekommen, und sie haben mein
Glück – unser Glück – nicht verhindern können.

Ich für meinen Teil habe Frieden geschlossen. Ich habe lange für
diesen Frieden gebraucht. Es hat fast fünf Jahre gedauert und meine
Therapeutin gut ernährt.

Aber Gott hat mir die verlorenen Jahre zurückerstattet. In solchen
Momenten wie diesen weiß ich das.

„Ja, lass uns gehen“, gebe ich schließlich nach.

Ich kenne den Weg schon fast blind, den Graspfad, der von den
Klippen zu der kleinen Hütte führt, denn es ist das dritte Jahr, dass
wir hierherkommen. Diesmal dürfen wir sogar eine Sommerwoche
hier verbringen, bevor sie wieder an Urlauber vermietet ist.

Eine ganze Woche Paradies.

Am meisten liebe ich die Abende auf der Terrasse. Wir können
von dort sogar die Silhouette der Pyrenäen sehen, in die die
Abendsonne eintaucht, kurz bevor sie die Gipfel mit ihrem Schleier
aus rotgoldenem Licht verhüllt. Wir sitzen oft bis tief in die
Nacht in eine Decke gewickelt auf der Bank, neben uns drängt sich
Lavendel aus allen Fugen, unsere Weingläser stehen auf dem
Tischchen vor uns.

Aber dieses Jahr werde ich den Bordeaux nicht mittrinken. Ich
darf nicht, denn ich bin schwanger – auch so ein Wunder. Denn
eigentlich bin ich unfruchtbar. Auch das hat mit der Zeit damals
zu tun, wie eigentlich fast alles in meinem Leben mit der Zeit damals
zu tun hat. Ich wäre fast krepiert, denn „man geht nicht zum
Arzt, weil Gott ja unser Arzt ist“.

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Im Grunde ist eine Gebärmutterentzündung nichts Schlimmes
– wenn man sie behandelt. Ich habe sie nicht behandelt. Ich
habe stur auf übernatürliche Heilung gewartet. Die kam aber nicht.
Sondern Fieber, Schüttelfrost, schreckliche Schmerzen und dann
der Notarzt.

Alles voller Eiter, haben die Ärzte diagnostiziert und konnten
nicht begreifen, warum ich nicht früher gekommen war – bei solchen
Schmerzen! Sicher hätten sie auch nicht begriffen, warum ich
nach drei Wochen Krankenhaus freiwillig direkt zu den Menschen
zurückgegangen bin, die mitverantwortlich gewesen waren für
meine Lage. Ich kann es heute selber kaum begreifen.

„Sie werden keine Kinder bekommen können, Frau Feininger“,
hatte die Ärztin mir mitgeteilt. Dabei wollte ich mindestens vier.
Na ja, so viele werden es wohl jetzt nicht mehr werden, die biologische
Uhr …

Dass ich dann doch schwanger wurde, hat meinen Liebsten versöhnt
mit den Ereignissen damals. Das Schlimmste für mich war,
mich zwischen ihm und der Gruppe entscheiden zu müssen. Ich
habe gebetet wie eine Verrückte, dass er auch einer von uns wird,
einer von den „Auserwählten“.

Aber er ist zu schlau – oder zu schlicht. Er ist Surfer! Er kennt
die Wellen. Und die Felsen. Er ist am Meer groß geworden.

Ich öffne das Törchen in der halb zerfallenen Mauer, wir steuern
auf das Steinhäuschen zu, um auf der Bank im Lavendel Platz zu
nehmen.

Lavendel – auch so eine Erinnerung, denn der würzige Duft
lässt mich daran denken, wie alles anfing – damals, vor ungefähr
neun Jahren.

Ich sitze in einem hohen, lichtdurchfluteten Saal, eigentlich kein
typischer Gottesdienstraum. Auch von außen hätte ich den hohen
Klinkerbau – eine ehemalige Weberei, wie das Messingschild verriet
– niemals für eine Kirche gehalten, eher für ein Kulturzentrum.

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Im Moment sitzen hier um die sechzig, siebzig Leute. Die junge,
hübsche Frau neben mir duftet ganz leicht nach Lavendel. Vielleicht
ihr Shampoo. Der Duft passt zu ihr, finde ich. Sie hat so
etwas Natürliches, Sonniges, Frisches.

Als ich mich vorhin neben sie setzte, begrüßte sie mich herzlich,
so als würden wir uns ewig kennen. Dabei kenne ich hier niemanden
– abgesehen von Udo natürlich.

Normalerweise ist diese Umarmerei nicht mein Ding, bei ihr war
das aber okay. Ich mag Lavendel, und sie scheint nett zu sein. Ihr
Name sei Natascha, stellte sie sich vor. Ich schätze, sie hat in etwa
mein Alter, Mitte, Ende zwanzig.

Und der Typ neben ihr ist vielleicht ihr Freund. Vielleicht aber
auch nicht. Möglicherweise darf man hier nicht befreundet sein,
und alle sind schon miteinander verheiratet. Keine Ahnung, was
die hier für Regeln haben. Ich hätte Udo mal lieber eingehender
ausfragen sollen. Wo treibt der Typ sich eigentlich rum?

Kein Udo weit und breit, dabei kann man ihn im Grunde gar
nicht übersehen. Mit seinen Zweimeterfünf müsste ich seine Geheimratsecken
eigentlich schon von Weitem erblicken. Aber das
sieht Udo ähnlich. Mich hier anzuschleppen und dann sitzen zu
lassen.

Langsam werde ich nervös. Ich ärgere mich, dass ich Idiot mich
habe bequatschen lassen herzukommen. Jetzt eine Zigarette! Ob
ich kurz mal vor die Tür gehe, eine rauchen? Oder gleich ganz
abhauen. Noch kann ich.

Als die Band anfängt zu spielen, ist es zu spät zu verschwinden.
Scheiße, warum kommt Udo nicht?

Cool bleiben, Sara, versuche ich mich zu beruhigen, die werden
dir hier schon nichts tun.

„Das ist ganz anders, als du es kennst“, hat Udo mir versichert.
„Du wirst überrascht sein, wie locker alles bei uns läuft. Keine
Religiosität, sondern echtes Leben.“

Zugegeben, die Band ist ziemlich gut, richtig professionell sogar

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und die Sängerin ein Augen- und Ohrenschmaus. Eine tolle Stimme
– gänsehautverdächtig. Und dann noch Saxofon – voll mein
Stil.

Trotzdem denke ich an Zigarette.

Die Location ist auch cool, wie ich widerwillig eingestehen
muss. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, Kirche ätzend zu finden
und alles, was mit Kirche zu tun hat. Ich habe wirklich genug
Gründe dafür, glaubt mir. Das hier sieht jedenfalls wirklich nicht
wie eine typische Gemeinde aus, wie ich sie kenne, mit pietistischem
Staub, Jahreslosungsposter im Wechselrahmen oder Sonnenuntergangsschmu
mit Bibelspruch, dieser „röhrende Hirsch“
der Frommen.

Die hohen Wände sind grob weiß verputzt, oben schmale Oberlichter,
Industrielook. Die alten Stahlträger hängen voller Lichttechnik.
Sogar die Stühle sind nicht nur stylisch, sondern sogar
bequem.

Ich bin wahrlich kein Kirchenneuling. Im Gegenteil. In Anbetracht
all der Erlebnisse, die ich schon im Schoß der Gläubigen
erlitten habe, wundere ich mich, wie es Udo gelingen konnte, mich
in die „Everlasting Church of God’s Power“ zu schleppen. Allein
dieser bekloppte Name.

Hatte ich mir nicht geschworen, mich von Kirche fernzuhalten?
Immerhin war ich in den Jahren als baptistisches Gemeindekind
zu dem Schluss gekommen, dass Gemeinde der geschlossenen Abteilung
einer Irrenanstalt manchmal gefährlich ähnlich ist. Ich
habe mich deswegen auch nicht gewundert, als mir jemand sagte,
dass religiöser Wahn in psychiatrischen Einrichtungen ziemlich
stark vertreten sei.

Ich bin nur hier, weil Udo keine Ruhe gegeben hat.

In den Mittagspausen hat er sich in der Kantine immer zu mir
gesetzt, um mich vollzuquatschen. Offensichtlich sehe ich wie ein
typisches Missionsopfer aus, irgendwie „verloren“.

War mir immer ein bisschen unangenehm, denn die Kollegen

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haben schon komisch geguckt, dass sich jemand aus der Chefetage
zu mir setzt.

„Entspann dich“, hat Melanie zu mir gesagt. Melanie und ich
bilden eine Projektgruppe bei „Jagner International Communication
Design“. „Der sucht sich immer die Neuen, um sie zu bekehren.
Bei mir hat er es auch schon probiert, mich von seinem
Jesus-Quatsch zu überzeugen. Fast drei Wochen hat es gedauert,
bis er endlich kapiert hat, dass ich kein Interesse habe.“

Tja, Melanie ist wohl tougher als ich. Ich habe mich schlicht und
einfach breitschlagen lassen zu kommen – Udo kann entsetzlich
penetrant sein.

Ich mag ihn nicht sonderlich und bin ziemlich sauer, dass er
nicht akzeptieren will, dass ich von Gemeinde die Schnauze voll
habe. Was soll das hier? Als „Gemeindekind“ bin ich eh immun.
Ich habe meine christliche Gehirnwäsche nämlich hinter mir. Ich
war Jugendleiterin. Sogar mit Schein! Nur den Taufschein, den
habe ich nicht. Bin gerade noch rechtzeitig abgesprungen vom
„Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Den Stress, den meine Eltern
mit der Gemeinde haben, brauchte ich echt nicht, und im Grunde
war ich nur wegen Papa und Mutti in der Gemeinde, habe ihnen
zuliebe das brave Mädchen gemacht.

Ich erinnere mich mit Schrecken an die vier Jahre, die Papa Ältester
war.

Es kann sich keiner vorstellen, über was für Lächerlichkeiten
sich Menschen streiten. Und mit welch kriecherischer „Demut“ sie
ihre Böswilligkeiten verbreiten.

Ohne mich!

Ich werde mein Leben mit Sicherheit nicht mit den Befindlichkeiten
von irgendwelchen Gemeindemitgliedern verderben. Echt,
Leute, ich glaube ja, dass es Gott irgendwie gibt, zumindest ein
höheres Wesen. Aber dieser Zirkus? Nein, danke!

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Jesus da Bock drauf hätte:
„Bruder Soundso will die Musik lauter, die Schwester Soundso will

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lieber die alten Lieder singen, die hatten noch Tiefe.“ Und so’n
Quark. Ich kriege Pickel beim Gedanken an die miesepetrigen
Gesichter mit dem geheuchelten Kirchenlächeln – zweite Reihe
links reserviert für die „Garde der Rechtgläubigen per Geburt“.
Und ich konnte die alte Leier nicht mehr hören: „Dein Großvater
Friedrich hat unsere Gemeinde gegründet und hätte niemals kurze
Röcke in diesen Räumen geduldet!“ Großvater Friedrich hier, die
gute alte Zeit da. Eigentlich hätten sie Großvater Friedrichs Konterfei
hinter die Kanzel hängen sollen statt des Kreuzes.

Hätte ich zum Abschied eigentlich mal machen sollen. Jesus war
ja immerhin auch ein Rebell. Vielleicht hätte es ihm sogar gefallen.

Nun ja, jetzt ist es zu spät. Kann ja schlecht nach dreieinhalb
Jahren wieder im Gottesdienst auftauchen: „Hallo, hier bin ich, die
verlorene Tochter, ich wollte nur mal kurz umdekorieren.“

Nein, danke, ich bin damit durch. Ich habe zu viel erlebt. Ich
habe zu viel hinter die Fassaden geschaut, ich nehme den Leuten
ihr Erlöstsein nicht ab. Hier wird das auch nicht anders sein, auch
wenn die hier deutlich jünger sind als bei uns.

Hilfe! Sage ich noch immer „bei uns“? Ich fasse es nicht.

Natascha weht immer mehr Lavendel zu mir herüber. Sie hat
nämlich angefangen, zu der Musik zu tanzen. Ich weiß nicht, ob
ich das peinlich finden soll – sieht nämlich eigentlich beneidenswert
gut aus, was sie da macht. Die Figur dazu hat sie ja. Bei uns
war Tanzen verpönt. Weltlich, Sünde, Fleischeslust!

Das scheinen die hier ganz anders zu sehen.

Lavendel-Natascha berührt mit ihrer Hand ganz leicht meine
Schulter: „Du fühlst dich sicher komisch, oder? War bei mir am
Anfang auch so.“

Ich lächle sie an, aber so schön wie ihres ist mein Lächeln bestimmt
nicht. Sie sieht irgendwie glücklich aus. Vielleicht ist sie ja
frisch verliebt in den Typen neben ihr. Kein Wunder. Der würde
mir auch gefallen.

Überhaupt sehen die hier alle verdammt gut aus, und die Outfits

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sind auch vom Feinsten. Ganz schön kurze Röcke – ich stelle mir
Opa Friedrichs Entsetzen vor: „Die Endzeit! Sodom und Gomorra!“
Hätte ich mein hautenges Top also doch anziehen können,
ärgere ich mich über meine Entscheidung heute Morgen, die rosafarben-
keusche, hochgeknöpfte Bluse zum Gottesdienst zu tragen.

Wie auch immer; ich werde mir die Vorstellung zu Ende ansehen
und verschwinde dann unauffällig.

Hoffentlich verwickelt mich am Ende niemand in peinliche Gespräche
wie: „Na? Weißt du, wie sehr Gott dich liebt und dass er
für dich gestorben ist?“ oder so etwas.

Gut, dass ich Udos Angebot, mich die fünfunddreißig Kilometer
in seinem Wagen mitzunehmen, abgelehnt habe. Dann kann ich
mich unauffällig verdünnisieren.

Verstehe das sowieso nicht, dass jemand eine gute halbe Stunde
fährt, um hier in Osnabrück in die Kirche zu gehen.

„Wie lange geht das hier?“, frage ich Natascha unsicher. Ihr Lächeln
ist echt hinreißend mit ihren strahlenden grünlichen Augen
und den rötlich-blonden Locken. Ich kann verstehen, dass der Typ
sie dauernd so verzückt anguckt.

„Die Leiter beten noch“, erklärt sie. „Manchmal dauert das etwas
länger, wenn die Gegenwart des Herrn besonders stark ist. Aber
das Warten lohnt sich.“

Was soll das heißen, „wenn die Gegenwart des Herrn besonders
stark ist“? Frommes Gelaber?

„Du hast ziemliche Vorurteile, oder?“, fragt sie mich.

Volltreffer, denke ich. Sie sieht mir freundlich direkt in die Augen.
Ich zucke mit den Schultern.

„Schlechte Erfahrungen mit Kirche?“, fragt sie.

Ich nicke. Kann sie etwa Gedanken lesen?

„Gemeindekind?“

Ich nicke wieder. Hat Udo etwa was von mir erzählt? Wenn ja,
kriegt er was zu hören.

„Ich spüre dein Misstrauen“, verrät sie mir. „Weißt du, ich kann

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das so gut nachvollziehen. Es wird nämlich sehr viel Schindluder
getrieben mit dem Glauben. Ich bin auch in der Gemeinde groß
geworden, ein typisches Gemeindekind, und hatte die Nase so was
von voll! Aber hier bin ich dem lebendigen Gott begegnet.“ Sie
sieht mir direkt in die Augen und bettelt förmlich: „Gib Gott eine
Chance!“

Ich bin ziemlich froh, dass ich ihr nicht antworten muss, denn in
diesem Augenblick verklingt die Musik, und einige junge Männer
betreten den Raum durch eine verdeckte Tür neben der Bühne.
Udo ist auch dabei.

„Das ist unsere Leitung“, flüstert Natascha mir zu. „Der ganz
rechts ist Arthur, der Pastor. Daneben steht Daniel, wir nennen ihn
Dan. Ein ganz toller Gottesmann. Er hat eine starke apostolische
Berufung.“

Apostolische Berufung? Und was soll das bitte sein? Sieht jedenfalls
super aus, der Apostel. Wie Leonardo di Caprio in Rotblond.
Seine fuchsbraunen Augen leuchten bis in meine Reihe – und ich
sitze ziemlich weit hinten. Kaum zu fassen, welche Präsenz dieser
Mann hat.

Er tänzelt ein wenig, als er dem durchtrainierten jungen Mann
zu seiner Rechten etwas ins Ohr flüstert. Auf dessen Jungengesicht
strahlt ein kurzes Lächeln auf.

„Das ist Jörg“, unterrichtet mich Natascha, die – ich weiß nicht,
wie sie das macht – wohl mitgekriegt hat, dass mir der Typ auf
Anhieb gefällt.

Jörg kämmt sich mit der Hand die leicht gelockten, braunen Haare
aus der Stirn. Der freche Ausdruck auf seinem Gesicht – der ist
bestimmt total gut drauf. Ich kenne solche Jungs, wo die sind, geht
meist die Post ab. Aber bei dem hier ist noch etwas anderes: Er hat
auch einen ernsten Zug um die fast schwarzen Augen, etwas, das
Seriosität ausstrahlt. Er ist mir sofort sympathisch! Seine ganz besondere
Ausstrahlung verdoppelt meine Gänsehaut, aber ich habe
meine Tage, da reagiere ich eh auf alles etwas überempfindlich.

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Bleib mal ganz locker, Sara, versuche ich mich zur Besinnung zu
bringen, aber mein Herz klopft total.

Die Band spielt jetzt so ’ne Art psychedelische Musik, um mich
herum singen alle in einer komischen Sprache. – Ob das der gefürchtete
Sprachengesang ist? Hätte mir eigentlich denken können,
dass ich bei Charismatikern gelandet bin. In meiner Gemeinde
hat man mich so viel vor ihnen gewarnt, dass ich jetzt richtig
neugierig bin.

Der Gesang, oder was immer das ist, wird ruhiger, dann herrscht
plötzlich wieder Stille. Der Apostel geht ans Pult. Er wird wohl
die Predigt halten, aber eines kann der sich abschminken: Auf keinen
Fall werde ich mich von irgendwem um den Finger wickeln
lassen.

„Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Geschwister!“, freut
sich Dan, uns zu sehen. „Ich bin so froh, dass der Herr euch heute
hierhergebracht hat.“

Na ja, ob das der Herr war?, denke ich, innerlich auf Krawall
gebürstet. Mich hat jedenfalls nicht der „Herr“ hierhergeführt,
sondern euer Udo.

„Niemand ist hier, den der Herr nicht kennt und liebt“, fährt der
Apostel fort.

Noch habe ich nichts Überwältigendes von ihm gehört, denke
ich, aber nach zwei Sätzen, das wäre auch zu viel verlangt.

„Es ist kein Zufall, dass gerade du hier bist“, behauptet Dan.

Ja, ja, äfft es in mir, alles Masche.

„Der Herr wollte, dass genau du heute Morgen hierherkommst.
Er kennt jeden deiner Schritte. Du denkst: Bei mir war’s sicher
nicht der Herr, jemand hat mich hierhergeschleppt.“

Scheiße, schießt es mir durch den Kopf. Kann der etwa auch
Gedanken lesen? Quatsch, ermahne ich mich und rutsche auf meinem
Stuhl hin und her.

„Der Herr meint dich ganz persönlich“, fährt der Apostel fort,
und ich sage mir: Bleib nüchtern, Sara, das ist alles Vertreter
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gelaber, wundere mich aber gleichzeitig, wieso ich nicht einfach
mal kommentarlos zuhören kann.

Hast du etwa etwas zu verbergen?, frage ich mich. Wieso bin ich
so wenig souverän, sondern nörgle in einer Tour? Ich nehme mir
vor, mich wie eine Erwachsene zu verhalten.

Bleib fair!, rüge ich mich.

„Vielleicht glaubst du, Gott zu kennen. Vielleicht bist du der
Religion schon lange überdrüssig. Vielleicht bist du auf der Suche
nach einem erfüllten, glücklichen Leben …“, höre ich Dan sagen.

Bingo!, denke ich, über mich selbst überrascht. Habe ich ihm
etwa zugestimmt? – Warum auch nicht? Wo er recht hat, hat er
recht.

„Mag sein, in dir tobt ein Kampf“, fährt er fort. „Ein Teil von dir
will weg, ein anderer weiß: Hier ist etwas, das dein Leben verändern
könnte. Du willst in Ruhe gelassen werden, andererseits ödet
dein Leben dich manchmal an, und du fragst dich: Ist das etwa
alles, was ich zu erwarten habe?“

Ich erinnere mich an diese Cartoons, wo Engelchen und Teufelchen
sich streiten, und lache bei der Vorstellung auf, in den Reihen
hinter mir könnten alle die beiden auf meiner Schulter miteinander
streiten sehen. Ich jedenfalls höre die beiden diskutieren.

„Wenn du die Nase gestrichen voll hast von Heuchelei, von dem
ewigen Gejammer über deine Sünde, wenn du dich nach echtem
Leben und nach der spürbaren Kraft Gottes sehnst, dann bist du
ganz auf Gottes Linie. Der Schöpfer des Universums hat nämlich
kein Interesse an den jämmerlichen Aktivitäten, mit denen Menschen
glauben, ihm zu gefallen. Erinnern wir uns an Jesus: Mit
wem hat er ständig Zoff gehabt, als er Mensch war? Klar – mit den
Religiösen. Da ging der Herr richtig ab. Was Gott will, ist unbändiges,
schöpferisches Leben, ist echte Beziehung zu seinen grandiosen
Geschöpfen.“

Mir fällt auf, dass ich gebannt auf Dan starre. Habe mit einem
Mal alles um mich herum vergessen. Der Typ ist echt gut! Seine

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Mimik, seine klaren, knappen Gesten, der Klang seiner Stimme,
alles strahlt Souveränität aus. Der Mann weiß, wovon er spricht.

„Auch Gott hasst Religion!“, ruft Dan ins Plenum. „Lass dir von
niemandem einreden, dass du nichts als ein kraftloser, armer Sünder
bist! In Christus sind wir eine neue Kreatur, berufen, die Werke
zu tun, die er getan hat.“

Dan schlägt die Bibel auf.

„Im Johannesevangelium Kapitel 10, Vers 10 heißt es, dass Jesus
kam, damit wir das Leben in Fülle haben. Er kam in diese Welt,
uns Menschen zurück zum Vater zu führen, die Werke des Teufels
zu zerstören, die Macht der Sünde und des Todes zu zerbrechen
und den Menschen die Liebe Gottes zu offenbaren. Jesus Christus
kam, damit wir die Fülle Gottes erfahren, das heißt, er kam, um
uns in eine völlig neue Dimension unseres Menschseins zu führen
und eine neue Lebensqualität zu geben, uns vollkommen zu machen.
Durch ihn erhalten wir den Frieden, die Liebe, die Freude
und die Kraft, die nur Gott geben kann. Jesus erfüllt uns durch den
Heiligen Geist mit der ganzen Fülle Gottes. Was bedeutet das
konkret? Durch Christus sind uns alle Reichtümer der geistlichen
Welt zugänglich, und wir dürfen aus diesen schöpfen!“

Immer herausfordernder dringen die Worte auf mich ein, den
ganzen Saal hat er in seinen Bann gezogen, und erst jetzt merke
ich, dass ich genauso aufmerksam auf meiner Stuhlkante sitze wie
die anderen. Noch nie habe ich jemanden so predigen hören! Ich
lechze danach, dass er weiterredet. Eine lange unterdrückte Sehnsucht
nach etwas, das meinem Leben Bedeutung und Sinn gibt, ist
aus den abgesperrten Ecken meines Bewusstseins nach vorne geschnellt
und hungert nach diesen Worten.

„Als einzelne Christen und als Gemeinschaft der Christen sind
wir Teilhaber der Herrlichkeit Gottes, und Gott vermag bei Weitem
mehr zu tun, als wir jemals erdenken oder erbitten könnten.
Wie sieht es in unserem Leben aus?“, fragt Dan in die Runde, sein
offener Blick streift die Reihen.

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„Spiegelt unser Leben diese Tatsache wider? Leben wir in dem
Bewusstsein, dass Gott mit all seiner Schöpferkraft an und durch
uns wirkt und es nichts gibt, was er nicht an und durch uns tun
könnte?“

Dan hat aufgehört, auf der Bühne hin und her zu laufen, er rückt
den kleinen Mikrofonknopf an seiner Wange zurecht, greift sich
an den Gürtel, wo die Übertragungseinheit steckt. Man hört seinen
Atem, so ruhig ist es im Saal. Er geht auf das Pult zu, legt
beide Hände flach auf die Bibel. Dann beugt er sich langsam nach
vorne, und seine Stimme ist ganz leise, so eindringlich, als meinte
er jeden Einzelnen von uns.

„Das, was die Bibel ‚Fleisch‘ nennt – die größte Bastion der Sünde
in unserem Leben –, ist der Stolz und die Rebellion, mit der der
Mensch seinen eigenen Fähigkeiten mehr vertraut als Gottes
Möglichkeiten.“

Dan macht eine kurze Pause, in der er tief einatmet. Das Mikro
überträgt den leisen Luftzug in den Saal. Er steigt die drei langen
Stufen hinunter und steht jetzt direkt vor der ersten Reihe. „Die
perfideste Form der Rebellion des Menschen gegen Gottes Gnade
ist die Religiosität. Religion ist der Versuch des Menschen, Gottes
Gerechtigkeit und Heiligkeit durch eigene Kraft, religiöse Werke
oder Zeremonien zu erkaufen.“

Mir wird heiß und kalt. Ich weiß genau, was Dan meint. Meine
ganze Kindheit und Jugend habe ich im mulmigen Schlamm
frommer Verhaltensweisen überlebt, mich abgemüht, fromme Ansprüche
zu erfüllen, und gegen den Gedanken angekämpft, dass
wir uns was vormachten. Ich habe immer vergeblicher den Versuch
unternommen, das Gefühl niederzuringen, dass wir als Gläubige
gar kein Ass gezogen hatten, wie man uns predigte, sondern die
Arschkarte. Hier bestätigt endlich mal jemand, wie recht ich hatte!
Und das in einer Kirche.

Meine Weltsicht steht Kopf.

„Im Grunde nährt Religiosität den menschlichen Stolz, sie ist

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der Versuch, sich von der Gnade unabhängig zu machen. Was
bleibt, ist ein Glauben an sich selbst, seine eigene Leistung und
Streben, überzogen mit frommer Tünche. Die Kirche hat über
lange Zeit vergessen, dass sie eine gute Nachricht für die Welt hat.
Sie hat den Menschen Regeln auferlegt, indem sie ihre Angst vor
Gott ausnutzt, um Menschen zu manipulieren und zu beherrschen.
Dabei lautet die Nachricht, die die Kirche verbreiten sollte:
Der Weg zum Frieden mit Gott geht nicht über unser Bemühen.
Christus hat alles aus dem Weg geräumt, was zwischen uns und
Gott stand! Deshalb ist Jesus so hart gegen die Hüter der Religion
vorgegangen – und tut es noch: Sie versperren Menschen den
freien Zugang, den Gott geschaffen hat, und lästern somit das
Kreuz.“

Ich nicke die ganze Zeit. Genau das habe ich erlebt! Ist das krass!

„Wie konnte es geschehen, dass das Evangelium von Gottes
Gnade so pervertiert wurde?“, fragt Dan in den Saal. „Das Evangelium
ist die gute Botschaft, dass allein der Glaube, also die vertrauensvolle
Annahme des Heils, uns vor Gott untadelig macht. Wie
konnte daraus der billige Versuch werden, Menschen zu unfreien,
freudlosen, verklemmten frommen Korinthenkackern zu dressieren?“
Mittlerweile hat Dans Gesicht einen beinahe schmerzhaften
Ausdruck angenommen, als litte er körperlich. Ich glaube in seinen
Augen eine Tiefe der Empfindung wahrzunehmen, die mich bei
einem Prediger überrascht. Ich habe von Predigern viel Lehrreiches,
Spitzfindiges und Ermahnendes vorgetragen bekommen,
aber bei Dan spüre ich ein Feuer. Sicher, er ist klug, sehr eloquent,
irgendwie beeindruckend, aber das alles macht nicht die Faszination
aus. Das, was er sagt, scheint direkt aus ihm herauszusteigen,
er will uns nicht einfach anpredigen – der Mann hat eine Berufung!
Aus diesem Holz müssen die Männer sein, die die Welt verändern.
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Dans Stimme wird noch eindringlicher, und als wolle er uns vor
schlimmen Fehlern bewahren, fleht er beinahe: „Achtet genau darauf,
dass ihr euch niemals etwas auf eine bestimmte Form der
Frömmigkeit einbildet und glaubt, dafür besondere Segnungen zu
erhalten. Wenn wir diese Einstellung bei uns feststellen, müssen
unsere Alarmglocken läuten! Wir sind dann nämlich weiter von
Gott entfernt, als wir meinen.“

Er steigt die drei Stufen wieder hoch, geht zum Pult und fährt
mit ruhiger Stimme fort: „Wie oft begegnet man Christen, die
zwar wissen, dass sie aus Gnade gerettet sind, dann aber glauben,
sich alle weiteren Segnungen verdienen zu müssen. Die selig
machende Erkenntnis ist doch, dass uns alles –“, Dan breitet
seine Arme weit aus, „der ganze überragende Reichtum des
Reiches Gottes allein aus Gnade durch den Glauben geschenkt
wird.“

Dan wirft dem Bandleader einen kurzen Blick zu, der mit einem
leichten Nicken antwortet.

„Der Herr ist gut! Halleluja“, ruft Dan und erklärt: „Der Herr
hat uns im Leitungsteam während der Gebetszeit gezeigt, dass er
heute zu ganz bestimmten Menschen direkt sprechen will. Und
deshalb bitte ich alle aufzustehen, die sich und anderen nicht länger
verlogene Religiosität vorspielen wollen. Ich rufe auch die auf,
die nicht länger mit dem nutzlosen Versuch Zeit verplempern wollen,
Gottes Nähe durch fromme Leistungen zu erwerben, und diejenigen,
die die unbeschreibliche Gnade, die bedingungslose Einladung
Gottes an uns, heute annehmen wollen.“

Die Band beginnt leise zu spielen, der zarte Klang einer Geige
mischt sich mit Rascheln, dem Scharren von Stühlen und vielfachem
Murmeln.

Innerhalb weniger Sekunden stehen fast alle um mich herum.
Nur der unauffällige Mann neben mir und ein Pärchen in der Reihe
sind sitzen geblieben – und ich natürlich, aber ich bin wie elektrisiert.
18

Ich bin sicher: Gerade habe ich das Evangelium gehört, zum
ersten Mal in meinem Leben. Ich weiß, dass ich in meinem bisherigen
Leben einer Täuschung erlegen bin, denn man hat mir die
ganze Zeit die Wahrheit vorenthalten und mich mit einem Lügenevangelium
abgespeist. Sicher, sie wussten es selbst nicht besser.
Jetzt, jetzt weiß ich, warum ich die Gemeinde verlassen habe. Ich
habe es immer gespürt, dass das nicht die Wahrheit war. Ich weiß,
dass Dan recht hat, dass ich gerade die Wahrheit gehört habe. Alles
in mir weiß das. Trotzdem stehe ich nicht auf. „Handle nicht
auf einen Impuls hin“, ermahne ich mich. „Lass dir Zeit, alles zu
überdenken.“ Wieder die beiden Stimmen in meinem Kopf.

Natascha steht mit erhobenen Händen, wiegt sich ganz leicht im
Takt der Musik hin und her.

Murmeln.

Mir wird unerträglich heiß. Raus hier!, dröhnt das eingesperrte
Tier in mir. Hau ab! Wenn es nicht so eng wäre, wäre ich schon auf
der Straße, denke ich.

Aber da ist noch eine andere, leisere, sanftere, geduldige Stimme,
die fragt: „Ist das nicht genau das, was du willst: Leben, Frieden,
Freude? Spürst du nicht die Sehnsucht nach Gott? Nimm sie ernst.
Das ist deine Chance. Nimm dich ernst. Vergiss deinen Stolz. Vergiss,
dass du nie wieder was mit Kirche zu tun haben wolltest.
Lerne unterscheiden. Dies hier ist die Wahrheit.“ Ich höre der leisen
Stimme zu, deren Wahrheit das Grollen übertönt. Umständlich
stehe ich auf. Und obwohl Dan mich definitiv nicht sehen
kann, sagt er just in diesem Moment: „Jetzt sind wir vollständig“ –
dabei sitzen der Mann und das Pärchen noch immer. Heiße Wellen
durchlaufen mich. Ich kann nicht mehr denken. Ich zittere ein
wenig. Ein Schwall überwältigender Freude raubt mir beinahe das
Bewusstsein. Ich spüre Gottes unendliche Liebe. Ich schluchze.

Jetzt ist mir alles egal.

Ich fühle mich mit einem Mal ganz weich, als wäre eine Schutzschicht
von mir abgefallen. Ich werde endlich ein glückliches

19

Leben führen! Endlich niemandem mehr irgendwas beweisen
müssen. Ohne Maske, ohne Einsamkeit, mich fallen lassen, mich
lieben lassen – von Gott, mein Leben in seine Hände geben, endlich
den Kampf gegen das Offensichtliche aufgeben: dass Gottes
Liebe wirklich existiert.

Den Rest des Gottesdienstes habe ich wie in Trance verbracht,
total verzückt, glücklich. Natascha hat mich hinterher herzlich
umarmt. Ich war froh, dass sie nichts gesagt hat, nur ganz feste
gedrückt, als würde sie alles verstehen.

Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet, dass die Sache sich
ziemlich schnell wieder in Luft auflösen würde. Ich war davon ausgegangen,
dass sich meine „spirituelle Erfahrung“ einfach als Folge
eines hormonellen Ausnahmezustandes entpuppen würde.

Aber es ist anders. Heute Abend liege ich noch wach in meinem
Bett, höre auf die Geräusche in meiner Wohnung. Ich habe es mir
mit einem Glas Martini und einer Zigarette gemütlich gemacht.
Gegen halb elf kommen meine Eltern von der Bibelstunde wieder
und diskutierten im Hausflur wie gewohnt lauthals.

Die Tür zu ihrer Wohnung fällt ins Schloss, dann bleibt nur
noch das Ticken meiner Küchenuhr. Eine Autotür knallt irgendwo,
das quietschende Tor einer der aufgeräumten Garagen in unserer
aufgeräumten Siedlung kracht laut in seine Riegel, und ich
lausche in die Stille danach, blase sanft den blauen Rauch in den
milden Lichtkegel meiner Nachttischlampe. Mein Körper liegt
entspannt in den Kissen. Ich habe etwas Großes erlebt und spüre
noch immer, dass Gott mir nahe ist. „Herr, ich möchte immer in
deiner Nähe leben, deine Liebe immer spüren, dir folgen“, bete ich,
und wieder durchflutet mich dieser Strom. Genauso müssen sich
Säuglinge an der Mutterbrust fühlen, wenn sie gesättigt ein-
schlummern. Und tatsächlich schlafe ich bald danach ein und erwache
morgens wieder in der Gewissheit, dass ich ein neues Leben
begonnen habe.

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Ich weiß, es ist nicht nett von mir, aber ich bin froh, dass Udo die
ganze Woche über nicht in der Firma war. Er ist krankgemeldet.
Ich bin halt noch nicht so weit, ihm in sein wissend grinsendes
Gesicht zu sehen.

Und wen habe ich am Sonntag beim Gottesdienst als Erstes gesehen?
Natascha! Sie ist freudestrahlend auf mich zugelaufen, und
diesmal habe ich sie aus vollem Herzen umarmt.

„Das ist übrigens Joachim, mein Mann“, stellt sie mir ihren Sitznachbarn
von letztem Sonntag vor. Lächelnd umarmt er sie und
küsst sie leicht auf die Wange. „Ich bin kurz bei Jörg, entschuldige
mich“, sagt er und geht.

Natascha nimmt mich freundschaftlich bei der Hand, zieht mich
zu sich heran und flüstert: „Ich freue mich so, dich zu sehen. Gott
hat mir gezeigt, dass er Großes mit dir vorhat.“

Ich ahnte nicht, was ihre Worte noch für mich bedeuten würden.

21

1
Mindestens einmal täglich gehe ich auf Dans Blog, um seine Predigten
zu lesen. In meinem Eifer habe ich sogar Annika den Link
geschickt.

Annika ist meine beste Freundin. Wir kennen uns schon seit
über zehn Jahren und haben viel miteinander erlebt. Wir reden
eigentlich über alles – über Liebeskummer, Speckröllchen, Orangenhaut
genauso wie über unsere Pläne, Erfolge und Traumprinzen.
Ich kann nicht mehr zählen, auf wie vielen Feten wir schon
zusammen versackt sind (sie hatte mir immer voraus, dass sie hinterher
kein schlechtes Gewissen hatte) und wie viele „Martiniabende“
wir beiden gemeinsam verbracht haben. So ein Martiniabend
mit Annika ist ein unumstößliches Ritual und hat ein paar
ziemlich unumstößliche Regeln:

Annika und ich wechseln uns mit „Einladen“ ab. Die „Gastgeberin“
besorgt dann eine oder zwei Flaschen Martini, eine Plastiktüte
Eiswürfel und schwarze Oliven von der Tanke im Gewerbegebiet
und darf bestimmen, wo wir hingehen. Das will die Tradition so.

Oft treffen wir uns einfach nur in meiner Wohnung und kuscheln
uns in mein Sofa. Bei Annika waren wir in den letzten Jahren
nur ein einziges Mal, denn sie lebt in einer ziemlich stressigen
WG, da kommt auch mal irgendein Idiot rein, der Heftklammern
braucht oder den Dosenöffner nicht findet oder wissen will, ob
Annika die Woche mit dem Treppenhaus dran ist.

Aber richtig gut wird’s, wenn wir unsere „Specials“ haben. Das
Heißeste war mal ein Boot von der Hafenpolizei, als wir zusammen
in Hamburg waren. Haben uns nachts da draufgeschlichen
und uns im Rettungsboot unseren Drink genehmigt. Hatten die
Hosen so voll aus Angst, dass jemand kommt und uns festnimmt.
Wir haben uns so zugeknallt, dass ich keine Ahnung habe, wie wir

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da wieder runter sind. Dass die uns nicht erwischt haben, wundert
mich noch heute.

Zu diesen Specials mit „Thrill“ gehört auch das Führerhäuschen
vom Ladekran am Schrottplatz – man denkt immer, diese Kabinen
wären abgeschlossen, sind sie aber oft gar nicht. Oder das Dach
von so einem Neubau, wo noch keine Fenster drin waren. Siebte
Etage oder so.

Dann gibt’s natürlich auch die eher romantischen Specials wie
Waldlichtung, Pavillon im Schlosspark oder im Herbst eine Strohburg
auf einem abgemähten Feld.

Heute haben Annika und ich jedenfalls mal wieder ein „Special“
einberufen und frieren uns die Hintern auf einem Hochsitz ab.
(Das gibt’s natürlich auch: die Flops, diese Ideen, die sich als total
hirnrissig rausstellen wie nachts Hochsitz im September.)

„Also diese Leute“, lallt Annika, obwohl sie höchstens ein Glas
getrunken hat, „diese Leute mit diesem total bescheuerten Namen
… Church-Dingsbums, wo du mir den Link geschickt hast –
finde die beiden Apostel oder was ja auch süß, aber mal ehrlich,
was ist das für’n Verein? Für mich sehen die eins a aus wie Sektenführer
oder so.“

Ich wünschte, wir wären jetzt auf meinem Sofa und nicht auf
diesem scheißkalten Hochsitz, und ziehe mir die Wolldecke fester
um die Schultern. Wir haben noch nie ein „Special“ abgebrochen –
eine weitere Grundregel: Beende niemals ein Special vorzeitig!

„‚Everlasting Church of God’s Power‘“, sage ich und versuche
Annika nicht merken zu lassen, dass mich ihre vorschnelle Art mit
allem, was über Martinitrinken, Diäten und Männer hinausgeht,
umzugehen, ziemlich nervt.

„Du mit deinen ‚tiefgründigen Gesprächen‘ – entspann dich
doch mal!“

Mit Annika kann man echt Spaß haben, und sie verträgt einiges
an Alk, aber wenn man mal über was reden will, das etwas anspruchsvoller
ist, sucht man sich besser jemand anderen.

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Dabei ist Anni echt toll. Sie ist direkt, ehrlich, auf sie kann man
sich verlassen. Aber für irgendwelche Fragen nach dem Sinn des
Lebens oder so hat sie kein Verständnis. Eigentlich wundert es
mich nicht, dass sie so reagiert. Hätte ich mir denken können.

Sie hält ja sogar die Baptisten für eine Sekte. Aber ich kann super
umschalten. Das ist ja das Tolle an unseren Martiniabenden,
dass man nichts denken muss, nur trinken, rauchen, kichern.

„Schon gut!“, sage ich, fische heimlich die Eiswürfel aus dem
Glas und lasse sie zwischen die Ritzen der Bretter unter den Hochsitz
fallen – scheiß auf die Tradition.

Hätte mir natürlich schon gewünscht, dass sie mal mitkommt in
einen der Gottesdienste, sich das wenigstens mal anschauen. Aber
Anni zieht es vor, sich mit den Dingen, zu denen sie sich eine Meinung
bildet, nicht zu sehr auseinanderzusetzen. Ist einfacher für
sie. Differenzieren ist nicht so ihr Ding.

Also bleiben unsere Martiniabende, was sie immer waren, und
wenn ich reden will über Dinge, die mich noch so beschäftigen,
dann muss ich mir jemand anderen suchen.

Meiner Clique brauche ich mit Gott eh nicht zu kommen, das
gilt bei denen als Liebestöter. Jedenfalls waren sie extrem erleichtert,
als ich nicht mehr zu den Baptisten gegangen bin. Im Grunde
habe ich ziemlich lange ein Doppelleben geführt.

Wenn ich denen sagen würde, dass ich mein Leben ernsthaft in
Gottes Hand gelegt habe, dass ich ihm folgen und vertrauen will –
die würden mich doch für krank halten, für eine Spaßbremse allemal.
Aber die sollen sich wundern, wenn die glauben, ich entwickle
mich jetzt zu einer angepassten Kirchenmaus. Für die passt das
wohl nicht zusammen: Markusevangelium und Martini.

Mein Bedarf an Input und Austausch ist neuerdings jedenfalls
ziemlich hoch, und ich sauge alles an Predigten und Lehre auf, was
ich kriegen kann, als hätte ich Jahre aufzuholen, die ich besser hätte
verbringen können, als mich mit selbstverliebten Leuten herumzutreiben,
die an allem und jedem etwas auszusetzen hatten.

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Ich will Gott gefallen!

Das Einzige, womit ich mich von Anfang an schwergetan habe,
ist das Missionieren. Ich finde es ja absolut richtig, die Leute nicht
in die Kirche, sondern die Kirche zu den Leuten zu bringen. Die
Kirche, meint Dan, sei kein Gebäude, keine Institution, die Kirche
sind wir Gläubigen, wo immer wir sind. Deshalb gehen wir raus zu
den Menschen.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht bei mir leider anders aus.
Mit Grauen erinnere ich mich an mein erstes Treffen mit Janett,
nachdem sich bei meiner alten Clique doch herumgesprochen hatte,
dass ich jetzt „richtig“ fromm geworden bin:

Janett sitzt schon an einem Tisch, direkt an der Tür des Eiscafés,
als ich reinkomme. Ich entdecke sie sofort, Janett ist nicht zu übersehen.
Sie ist nie zu übersehen. Janett, ganz wie man sie kennt:
perfekt geschminkt, perfekt angezogen mit ihrem engen, neongelben
Shirt und dem dunkelbraunen Mini-Minirock.

Jeder, der zu einem der Tische in der Eisdiele will, muss ihren
tadellosen Beinen mit den hochhackigen Schuhen ausweichen, die
sie in den Raum gegossen hat. Die platinblonden Haare wickelt sie
wie in Gedanken versunken um ihre schmalen Finger.

Janett ist perfekt. Perfektes Aussehen, perfekter Gang, eine
Meisterin des Small Talks, bestimmt ist sie auch gut im Bett – soll
ja auch jede Menge Übung haben, nach dem, was man so hört.

Reiß dich zusammen, ermahne ich mich. Immerhin bin ich nicht
hier, um über Janetts Moral zu urteilen. Genau das wollte ich mir
ja abgewöhnen! Wozu ich allerdings hier bin, weiß ich auch nicht
so genau.

Will ich mich vor meiner alten Clique für meinen Glauben
rechtfertigen? Denn eines ist ja wohl klar: Janett ist hier, um
auszukundschaften, was an den Gerüchten so dran ist, und es
den anderen dann brühwarm aufzutischen. Janett würde alles haarklein
Charlott, Susan, Christine und Laureen berichten. Jede
Wette, nach diesem Eisessen wird Janetts Telefon für mindestens

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zweieinhalb Tage durcharbeiten. Und mir wird klar, dass es noch
gar nicht so lange her ist, da habe ich dieser Gerüchteküche mein
Gift tüchtig mit beigemischt. Offiziell habe ich dieses Treffen als
meine erste „Freundschaftsevangelisation“ eingeordnet – erfahrungsgemäß
die wirksamste Art, Menschen die Gute Nachricht
nahezubringen, sagt Dan.

Janett wickelt noch immer ihre blonden Locken um die Finger,
sieht aber jetzt mit süßem Augenaufschlag lächelnd zu mir herüber.
Die Hand löst sich aus der blonden Pracht und winkt mir zu.
Ich stehe noch immer in der Tür und höre das aus Janetts knallroten
Lippen gehauchte „Hi“ ganz deutlich. Es verteilt sich wie Erdbeerduft
im Raum, und mir ist klar, dass es im Grunde gar nicht
mir gilt, sondern allen hier. Janett ist irgendwie immer auf einer
Bühne, und der Rest der Welt darf ihr zusehen.

„Hi“, quäle ich mir ein Lächeln ab.

„Toll, dass du da bist, Süße!“, flötet Janett, als ich mich setze, und
es ist irgendwie schön, dass sie das sagt, auch wenn ich davon ausgehen
muss, dass es geheuchelt ist.

„Ja“, erwidere ich, „freue mich auch total.“ Auch das entspricht
mindestens nur zur Hälfte der Wahrheit.

Janett gehört zu der Clique, mit der ich seit der Oberstufe zusammen
bin, wobei ich Janett selbst erst am Berufskolleg kennengelernt
habe. Janett Kommunikationsdesign, ich Werbegrafik und
Design. In Windeseile wurde Janett zur ungekrönten Königin unserer
Clique. Was sie toll findet, ist toll. Sie kriegt immer die besten
Jungs, die hippesten Klamotten.

Was uns als Clique einte – abgesehen von unserem gemeinsamen
Interesse an Klamotten, Jungs, Tanzen? Na ja, das, was die meisten
Gruppen eint: die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit
gegenüber anderen. Ich schäme mich dafür, dass wir uns ständig
kichernd die Mäuler zerrissen haben über alle, die unseren fragwürdigen
Vorstellungen nicht entsprachen.

Mein Job war da eher der des hässlichen Entleins, auf das der

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Glanz der anderen herabscheint. Vielleicht habe ich mir gerade
deshalb mein Maul am lautesten über die anderen zerrissen.

„Es ist ja echt so lange her, dass wir uns gesehen haben.“ Janett
betont das Wörtchen „echt“, als wolle sie darauf ein Universum
errichten. „Echt total lange!“

Ich nicke eingeschüchtert. Wir beide sind total verlogen, denke
ich. Ich weiß doch, dass ihr über mich herzieht.

Ich will ja weiter Beziehungen zu Nichtchristen führen, habe ich
mir vorgenommen, aber was soll das hier für eine Beziehung sein?
Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich ja vor allem hier, um genau das
herauszukriegen. Ich sollte unserer Beziehung wenigstens eine
Chance geben.

„Ja, ja, ich war ziemlich beschäftigt in letzter Zeit“, erkläre ich
und spüre, wie schwer es werden würde, den wahren Grund meiner
Zurückhaltung zu nennen. Denn wie würde Janett wohl auf einen
Satz reagieren wie: „Ich gehöre jetzt Jesus“?

Ich kann mir den Spott und die Verachtung in Janetts Augen
ziemlich gut ausmalen. Nein, danke, das brauche ich wirklich
nicht.

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Schisser. Zu feige, für Jesus ein
Zeuge zu sein. Die anderen sind da viel cooler. Helena zum
Beispiel. Schon als wir uns in der Gemeinde kennenlernten,
überschüttete sie mich mit ihren begeisterten Berichten. Was für
unglaubliche Dinge sie erlebt, wenn sie fremden Menschen von
Jesus erzählt. „Man darf einfach keine Scheu haben“, behauptete
sie.

Udo tickt in der Beziehung genauso. Dafür verdrehen die Kollegen
aber auch die Augen, wenn er mit seinem „Jesus-Gequatsche“
anfängt.

Aber warum auch gleich mit der Tür ins Haus fallen? Vielleicht
wird Janett ja von selbst merken, wie sehr ich mich verändert habe,
und nach dem Grund fragen. Dann kann ich es ihr ja immer noch
sagen – später vielleicht.

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„Hatte einiges zu erledigen – Persönliches und so. Auch im Job
war’s ganz schön stressig“, erkläre ich.

„Echt? Das ist ja … Das sind doch bestimmt acht, neun Wochen,
dass ich von dir nichts gehört habe. Ist echt alles in Ordnung
bei dir?“

„Ja, klar. Acht Wochen schon? Mann, das könnte sein. War das
nicht, als ich dich mit Christine im Aroma getroffen habe?“

„Ja, Wahnsinn! Ewig her!“

Dann treiben wir Konversation über Janetts neueste textilen und
erotischen Eroberungen. Ich bin ziemlich zurückhaltend, fühle
mich unwohl.

Mit einem „Und wie geht’s bei dir so?“ streift Janett ihre lackierten
Fingernägel verwirrend leicht über meinen Unterarm und sieht
mich mit schräg gelegtem Kopf und Kussmund an, lehnt sich dann
wieder zurück und schlägt ihre unverschämt langen Beine übereinander.
„Hab ein paar ziemlich spannende Leute kennengelernt, witzig,
total gut drauf, aber auch interessant halt. Wir führen total tiefe
Gespräche.“ Ich kenne Janett lange genug, um zu wissen, was die
Worte bei ihr auslösen. Deshalb wundere ich mich auch nicht über
den kurzen Schatten in Janetts süßem Antlitz.

„Ach wirklich?“ Ihre Stimme klingt tatsächlich so schnippisch,
wie ich erwartet habe. „Freut mich ja für dich, schön, echt!“ Dann
scheint sie sich auf ihren letzten Gedanken zu besinnen: „Wir beiden
Hübschen könnten ja auch mal wieder zusammen shoppen
gehen, im Moment hast du ja wohl nicht so was Richtiges zum
Anziehen.“ Dabei blickt sie direkt an mir vorbei aus dem mit himbeerfarbenen
Seidenschals verhängten Fenster. Ich weiß, was das
Biest will, und kann trotzdem nicht anders, als kurz meine Garderobe
zu checken; die im Übrigen gar nicht so übel ist, wie ich finde:
eine gut sitzende Jeans, eine neue Bluse, ein schicker breiter Gürtel
– eigentlich ganz anständig.

Anständigkeit täte deiner Garderobe auch ganz gut, ein bisschen

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zu nuttig das Outfit, denke ich und finde mich ätzend, sage dann
aber: „Bei Schönemann kann man ganz gut einkaufen“, und zucke
mit den Schultern.

„Also, ich will jetzt meinen Eisbecher!“, verkündet Janett, schiebt
die Eiskarte quer über den Tisch, bettet sich geschmeidig in das
mintfarbene Polster und führt dem braun gebrannten, schokobecherlöffelnden
Schönling am Nachbartisch die Vollkommenheit
ihrer Beine vor. Sie lacht hell, und ich stelle mir die geilen Glotzaugen
des Schokobechers vom Nebentisch vor, der sich nicht viel
Mühe zu geben braucht, um Janetts Slip zu sehen – falls sie einen
trägt.

Janett winkt mit vollendeter Eleganz der kleinen italienischen
Kellnerin zu, haucht mit einem zuckersüßen Lächeln: „Ich nehme
den Eierlikörbecher“, und ohne die Kleine aus ihrem Bann zu entlassen,
blickt sie den Bruchteil einer Sekunde zu mir herüber: „Und
was nimmst du?“

„Das Gleiche“, antworte ich, obwohl ich eigentlich lieber noch in
der Karte geguckt hätte.

Als die Eisbecher kommen, beginnt Janett lasziv an ihrem langen,
schlanken Eislöffel zu lutschen, schließt bei jedem Mal genüsslich
die Augen und rekelt sich im Mintkissen.

Ich bin entsetzt. Die Show gilt offensichtlich dem gelockten
Schokobecher schräg hinter mir, der – ich ahne es – sein Eis mittlerweile
gierig vor sich hinschmelzen lässt. Ekelhaft. Mit solchen
Leuten habe ich meine Zeit verbracht? Ich fasse es nicht. Ich bereue,
überhaupt gekommen zu sein. Janett scheint mich eh nicht
mehr wahrzunehmen. Sie blickt durch mich hindurch wie durch
die Seidenschals am Fenster.

Ich räuspere mich. Nichts. Ich bin für Janett im Augenblick
nicht existent.

Ich weiß nicht, was mich plötzlich reitet, jedenfalls verkünde ich
in dem Moment lauthals: „Ich habe Jesus gefunden!“

Das ist ein Satz! Ein toller Satz, ein Hammersatz, ein echter

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Schocker, einer, der es in sich hat, ein Satz, der mit dem schnuckeligen
Schokobecher am Nachbartisch ohne Probleme mithalten
kann.

Und tatsächlich: Janett lässt fassungslos ihren Löffel in das Sahne-
Eis-Eierlikör-Gemisch fallen und wirkt mit einem Mal ganz
und gar nicht mehr verführerisch. Viel eher sieht sie – sie sieht
leicht blöde aus. Als hätte einer sie ausgeschaltet.

Ich gebe zu, ich habe diesen Anblick genossen und ganz langsam
meinen Eierlikör-Becher zu Ende gelöffelt und mir die perfekte
Janett angeschaut, die wie eingefroren auf ihrer Schickimicki-Bühne
vereist war, einige ziemlich lange Momente lang, als hätte sie
nicht nur ihren Text, sondern ihre gesamte Rolle vergessen. Ich bin
mir sicher, dass selbst Brad Pitt sie in dem Moment nicht aus ihrer
Starre hätte befreien können.

Mir dämmerte schon auf dem Nachhauseweg, dass das wohl
nicht ganz im Sinne des Erfinders gewesen war. Meinen ersten
Bekehrungsversuch musste ich wohl als echten Reinfall verbuchen.

Die zweite Erfahrung auf diesem Gebiet war von komplett anderer
Art; es hat allerdings etwas gedauert, bis ich mich habe breitschlagen
lassen, mit Helena loszuziehen. Was ich dabei erlebt habe, hat
mein Denken ziemlich auf den Kopf gestellt:

Es war am 24. Juni, ich erinnere mich genau an die laue Nacht,
als Helena und ich aus dem Bus am Hauptbahnhof ausstiegen.
Wir fühlten uns wie Gesandte einer anderen Wirklichkeit. „Ist dir
eigentlich klar“, fragt mich Helena, „was für eine wertvolle Fracht
wir bei uns haben? Die Botschaft vom Reich Gottes.“

Ich nicke angestrengt, denn ich kämpfe gegen schier unüberwindlichen
Harndrang – vor lauter Aufregung. Mit meiner
Linken wühle ich in meiner Umhängetasche, drehe die Schachtel
Zigaretten zwischen den Fingern. Wenn Helena dabei ist, traue
ich mich nicht zu rauchen. Sie sagt dann zwar nichts, aber ich
weiß, dass sie Rauchen für Schwäche hält, ungesund, Schnuller für

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Erwachsene. Und sie hat ja recht – also bleibt die Schachtel in der
Tasche.

Bei mir herrscht Chaos im Kopf. Einerseits dieser Gedanke: Du
verfügst über die wertvollste Nachricht der Welt, die Menschen
aus Verzweiflung und Verlorenheit holen kann; andererseits habe
ich auch einfach Schiss, ausgelacht zu werden. „Was kann dir denn
schon passieren?“, fragt Helena. „Man trifft viel öfter Menschen,
die Gott suchen, als man vermuten würde. Gott hat den Menschen
die Ewigkeit ins Herz gelegt. Es gibt also eine Art Brückenkopf
Gottes in jedem Menschen!“

Ich bin froh, dass sie die ganze Zeit redet. Sie erzählt von ihren
Einsätzen, aber ich kann ihr kaum zuhören, so nervös bin ich.

Dann sind wir endlich beim Marschallplatz. Hier liegt das „Forum“,
die angesagteste Disco der Stadt. Da sitzen immer jede
Menge junger Leute auf den Stufen, Opfer des allgemeinen
Rauchverbots – und potenzielle Opfer unserer geplanten Evangelisation.
Ich will nur weg hier. „Herr, hilf mir!“, flehe ich und versuche
mich auf Helenas Ratschläge zu konzentrieren.

„Man sollte vorher beten, dass der Herr einem zeigt, wen man
ansprechen soll, den Rest regelt Gott.“

Ich hoffe, dass sie recht hat. Vor dem Forum hängt ein Pulk rauchender
Jungs ab, die lauthals rumgrölen und sich mit gegenseitigem
Anrempeln ihre Existenz beweisen.

Weiter Richtung „Antonios Pizza“ sitzen zwei Mädels auf einer
Mauer, sie wirken etwas verlassen. Ich denke: Vielleicht ganz gut
für unsere Zwecke. Die Rothaarige mit den Zöpfen, die würde ich
gerne ansprechen und frage mich, ob das Gottes Führung ist oder
ob mir nur ihr Outfit besonders gefällt. Sie trägt ein moosgrünes,
hautenges Shirt und einen kurzen karierten Faltenrock, der ihre
geringelte Strumpfhose bis über die Knie freilässt. Vielleicht etwas
zu mager auf den zweiten Blick. Girly-Look – ich würde so nicht
rumlaufen, aber ihr steht das.

„Die beiden auf der Mauer?“, tippt mich Helena an.

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„Hab ich auch schon gedacht“, erwidere ich und weiß noch immer
nicht, ob das jetzt Zufall oder Gottes Reden ist.

„Lass uns noch mal kurz beten“, schlägt Helena vor und fängt
auch sofort an: „Vater, du liebst die beiden jungen Frauen. Du
kennst sie. Du willst ihnen deine Liebe zeigen. Gib uns den richtigen
Zugang, offenbare uns, was du ihnen sagen willst. Amen.“

„Amen.“

Mehr fällt mir in dem Moment nicht ein, dann gehen wir rüber.
Ich habe ziemlich weiche Knie und versuche mich hinter Helena
zu verstecken.

„Hi“, sagt sie.

„Hi“, antworten die beiden etwas kurz angebunden. Wir stören
ganz offensichtlich.

„Dürfen wir kurz?“, fragt Helena, ohne sich für die Antwort zu
interessieren. Mir ist das unangenehm. Ich mag es nicht, mich aufzudrängen,
und setze mein schönstes Lächeln auf, aber sicher wirkt
es so bescheuert, wie ich mich fühle.

Helena hat sich schon neben die Schwarzhaarige auf das Mäuerchen
gesetzt. Bleibt mir der Platz neben dem Girl. Ich hopse hoch,
ohne sie anzusehen. Echt peinlich das alles hier. Helena schweigt
eine Weile. Alle schweigen.

„Ihr seid traurig, oder?“, fragt Helena wie aus heiterem Himmel,
und ich wundere mich. Nicht so sehr, dass sie das sagt, sondern
weil ich die Traurigkeit auch spüre. Bei dem Mädel neben mir besonders.
Ich habe so einen süßlichen Geruch wie von rohem
Fleisch in der Nase und muss dauernd denken, dass ihr Freund ihr
was antut.

Totaler Blödsinn, ich sollte mich lieber auf unser Gespräch konzentrieren,
denke ich und versuche den Gedanken fortzuwischen,
geht aber nicht. Die Mädels sehen ziemlich verunsichert drein. So
ein Intro kennen sie wohl nicht. Vor meinem inneren Auge sehe
ich, wie die Rothaarige wie ein verängstigtes Vögelchen unter einem
Schlafsofa kauert und weint. Sie hat furchtbare Angst vor ir
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gendwem. Ich werde plötzlich selber total traurig. Muss fast weinen
– ganz komisch ist das. Hoffentlich übernimmt Helena das
Gespräch – ich fühle mich voll im falschen Film, kann mich gar
nicht richtig konzentrieren.

„Wie kommst du denn darauf, dass wir traurig sind? Ist doch
Schwachsinn“, macht die Schwarzhaarige Helena an.

„Ich spüre die Traurigkeit“, antwortet Helena. Ich würde mich
gerne mit ihr kurzschließen, ob bei ihr derselbe Film abläuft. Ich
werde total hibbelig, Adrenalin bis in die Haarspitzen, und fange
vor Aufregung sogar an zu zittern – oder vielleicht auch, weil ich
etwas zu freizügig angezogen bin und jetzt ein kühler Wind über
den Platz fegt.

„Du spürst Traurigkeit? Aha, und was hat das mit uns zu tun?“,
will die Schwarzhaarige leicht gereizt wissen.

„Es ist eure Traurigkeit“, behauptet Helena, was bei der Schwarzhaarigen
gar nicht gut ankommt.

„Also, hört mal, ihr beiden Oberschlauen. Lasst uns einfach in
Ruhe. Wie wir uns fühlen, geht euch nichts an, außerdem wisst ihr
gar nichts.“

„Doch, Gott zeigt mir eure Traurigkeit, und er will, dass es euch
gut geht.“

„Scheiße, was sagst du? Ich glaube gar nicht an Gott“, blafft die
Schwarzhaarige zurück. Das Mädel neben mir betrachtet schweigend
ihre geringelten Knie.

„Das ändert aber nichts daran, dass es ihn gibt“, kontert Helena,
und ich blöde Kuh zittere immer mehr. Mir ist echt komisch. Am
liebsten würde ich das Mädel neben mir ganz fest umarmen. Mache
ich natürlich nicht. Nachher denkt sie, ich bin vom anderen
Ufer, und hält das für üble Anmache.

Ich höre Helena und die Schwarzhaarige reden, aber das Schweigen
von dem Mädel neben mir übertönt alles.

„Gott liebt euch und will euch helfen“, sagt Helena. Ich finde,
das klingt total platt, aber die Kleine neben mir bricht in dem

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Moment in Tränen aus. Ich muss mich zusammenreißen, sie nicht
zu umarmen.

Ihre Freundin legt den Arm um sie, als wolle sie sie vor uns
schützen. „Lasst uns doch einfach in Ruhe“, sagt sie aufgebracht.
„Seht ihr nicht, was ihr anrichtet?“ Aber Helena bleibt sitzen. Ich
natürlich auch – was soll ich sonst tun? Bin wie gelähmt.

Das Mädel neben mir will etwas sagen, aber man versteht sie
kaum. Nur Schluchzen.

Helena springt von dem Mäuerchen, stellt sich vor sie und legt
ihre Hand auf die bebende Schulter, was ich eigentlich auch gerne
getan hätte, mich aber nicht traue.

„Gott möchte dir helfen“, sagt Helena zu ihr, und die Rothaarige
schluchzt noch schlimmer.

Jetzt springt auch die Schwarzhaarige von der Mauer, baut sich
neben Helena auf und giftet, mit einem Seitenblick auf den Pulk
Jungs, die offensichtlich schon zu uns rüberschielen: „Ihr schnallt
das echt nicht, oder? Haut ab, Rahel geht es nicht gut. Ihr macht
alles nur noch schlimmer.“

Ich fühle mich ziemlich scheiße, aber gehen will ich nicht. Ich
will noch neben Rahel sitzen bleiben und gebe meinem kaum
mehr zu zügelnden Drang nach, ihr meine Hand auf ihren Kopf zu
legen, da bekommt sie einen heftigen Weinkrampf.

„Was ist denn?“, flüstert Helena tröstend. Die Freundin zeigt
eine unwillige Grimasse und zuckt nur mit den Schultern. Rahel
hat sich wie ein kleines Kind an meine Schulter gelehnt und vergräbt
ihr Gesicht in meiner Stola.

Sie ist so zerbrechlich. Ich streiche ihr übers Haar und frage
mich, was ich hier mache. Was geht hier ab? Ich kenne die beiden
doch gar nicht, wundere ich mich über mein eigenes Verhalten.

„Sie will nicht darüber reden, kapiert?“, fährt die Schwarzhaarige
uns an.

„Ihr Freund schlägt sie“, behaupte ich, ohne richtig zu checken,
was ich da eigentlich sage.

34

Rahel schaut mir ins Gesicht. Ihre verheulten Augen sagen mir,
dass ich recht habe. Ich rede einfach weiter. Was soll’s?

„Sie hat Angst vor ihm. Sie verkriecht sich unter so einer Art
Schlafsofa, wenn er mal wieder ausrastet. Sie liebt ihn, sie kann ihn
nicht verlassen, aber sie kann auch keine Nacht mehr richtig schlafen.
Nachts träumt sie davon, dass er sie jagt, er ist mit einem Messer
hinter ihr her, und sie läuft barfuß vor ihm weg und kann ihm
nicht entkommen.“

Was ist denn in mich gefahren? Was, wenn das alles Quatsch ist?
Ich kann das doch nicht wissen.

„Das kannst du gar nicht wissen“, motzt die Schwarzhaarige. Ich
zucke mit den Schultern, gucke in Helenas erstauntes Gesicht.

Sie lächelt und sagt: „Gott hat ihr das offenbart.“

Krass!

„Es stimmt“, gibt Rahel zu, nachdem sie sich beruhigt hat. „Nor-
man schlägt mich. Jede Nacht träume ich, dass er mich umbringen
will. Er ist total eifersüchtig. Wenn er wüsste, dass ich hier bin,
würde er mich töten.“

„Wo ist Norman denn jetzt?“, fragt Helena.

„Er ist auf Montage. Bis übermorgen“, erklärt Rahel.

„Und was soll das jetzt?“, sagt ihre Freundin. „Wenn euch euer
sogenannter Gott das verraten hat, was soll Rahel jetzt machen,
eurer Meinung nach? Oder will Gott Norman in einen super Typen
verwandeln oder ihn vom Gerüst fallen lassen, damit er seine
Freundin nicht mehr quälen kann?“

„Gott will sich um unsere Sorgen kümmern. Lasst uns erst mal
beten, vielleicht wissen wir dann, was wir tun sollen“, erwidert Helena.
Die Schwarzhaarige verdreht die Augen und schielt zu den Leuten
vor der Disco rüber, die mittlerweile ziemlich unverfroren beobachten,
was hier läuft. Ich bin noch total geflasht von dem, was
hier gerade abgeht.

„Ich habe schon ganz oft gebetet, dass Gott mir hilft.“ In Rahels

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Stimme ist ein deutlicher Vorwurf. „Ich glaube nicht, dass Gott
Gebet erhört.“

„Was? Du betest? Hast du mir ja nie erzählt“, krächzt die
Schwarze.

„Ich dachte, du hältst das eh für dummes Zeug.“

Helena reicht Rahel eine Packung Taschentücher (sie ist echt ein
Profi), und Rahel schnäuzt sich.

„Gott hat mir noch nie geantwortet“, schluchzt sie und richtet
sich auf. Ich nehme meine Hand von ihrem Kopf.

„Da siehst du: Alles dummes Zeug“, kontert die Schwarzhaarige.

„Vielleicht hat Gott ja doch gehört“, antwortet Helena, „und hat
uns vorbeigeschickt.“

Die Schwarze rollt wieder mit den Augen und dreht sich empört
weg. Ich denke: Vielleicht stimmt das ja, was Helena sagt, und
Gott hat uns tatsächlich vorbeigeschickt. Das wär natürlich irre.

„Rahel, willst du Gott dein Leben anvertrauen und dich unter
seinen Schutz stellen, ihn um Hilfe bitten in deiner Not?“

Rahel nickt.

„Und du?“ Helena guckt die Schwarzhaarige an. Aber die zieht
wieder ihre Grimasse.

„Ganz sicher nicht!“, zischt sie.

Helena nimmt Rahels Hände.

„Lieber Vater im Himmel …“

Ich schließe die Augen. Es fühlt sich gerade alles richtig an. Ein
gutes Gefühl. So sollte das Leben sein, finde ich: sich richtig anfühlen.
„Wir danken dir, dass du Rahels Gebet gehört hast. Danke, dass
du uns zu ihr geschickt hast …“

Das wäre wirklich ein Ding! Gott schickt uns, weil Menschen
ihn um Hilfe gebeten haben – und gibt uns auch noch Einsicht in
ihre Nöte. Herr, das ist abgefahren!

„… Wir bitten dich, dass du sie schützt und ihr ihren Weg weist.
Willst du das, Rahel?“, fragt Helena.

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Ich öffne die Augen. Rahel nickt.

„Dann solltest du das Gott sagen.“

Die Schwarzhaarige schüttelt unwillig den Kopf und dreht sich
noch ein Stück weiter weg. Ihr ist die Sache peinlich. Mir jetzt
nicht mehr.

Es ist wie im Traum. Gott hat mich gebraucht! Mich Flachpfeife!
„Was muss ich tun?“, flüstert Rahel.

„Wenn du willst, spreche ich dir ein Gebet vor, und wenn du das
okay findest, sprichst du mir einfach nach. Wäre das okay für
dich?“

Rahel nickt. Sie sieht ganz folgsam und neugierig aus, trotz der
verweinten Augen, und spricht Helena zögernd das Übergabegebet
nach.


Die Gottesversprecher

Roman frei nach wahren Begebenheiten

von Ute Aland

240 Seiten, gebunden

14 x 21 cm

Erscheinungsdatum: 22.12.2014

Bestell-Nr.: 190911

ISBN: 978-3-7655-0911-7

EAN: 9783765509117

1. Auflage

14,99 €

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