HERMETIK – DIE FUSION VON PHILOSOPHIE UND MAGIE – PRÄGT EUROPÄISCHE GESCHICHTE (DR.MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Folge 6 über Mystizismus

Um die heutigen geistlichen Strömungen in den evangelikalen Gemeinden richtig einordnen zu können, ist es nötig, sich näher mit dem Mystizismus zu beschäftigen. Die griechische Philosophie verband sich unter dem Einfluss des Werkes „Corpus Hermeticum“ mit der Magie. Durch die Irrlehre des Gnostizismus drang dieses Gedankengut in die christlichen Gemeinden ein. Vor allem in den Umbruchphasen der europäischen Geschichte übte die Hermetik einen gewaltigen Einfluss aus und wurde durch Wissenschaftler verbreitet.

Magie stützt sich auf die „hermetischen Dialoge“

Man weiß nicht genau, wo die antiken Ursprünge der europäischen Alchemie (Magie) liegen, aber die Spuren führen in das alte Ägypten, wo der Mythos der legendären Gestalt des Hermes Trismegistus entstanden war. Die religionsgeschichtliche Forschung konnte zwar gewisse Parallelen zwischen den kultischen Inschriften der ägyptischen Religion und den Lehren des später verfassten Werkes „Corpus Hermeticum“ entdecken, aber die Bestimmung der Wechselbeziehung dieser Religion mit der Magie bleibt problematisch.[1] Sicher ist jedenfalls, dass sich die Magie auf die in Griechisch abgefassten sogenannten „hermetischen Dialoge“ im ersten nachchristlichen Jahrhundert ableitet. Weitere alchemistische Schriften, die man ausfindig machen konnte, wurden im 3. bis 5. Jahrhundert verfasst.

Fusion von Philosophie und Magie

In vielen ihrer Dialoge unterschieden die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles den einen Gott von den vielen Göttern; doch wir wissen letztlich nicht genau, was sie damit meinten. Vermutlich ist diese Unterscheidung eine zu jener Zeit auftretende Erscheinung im Griechentum; doch mit der Hermetik hält eine neu akzentuierte Anschauung Einzug. Zum Beispiel finden wir diese beim Kirchenvater St. Basilius (geb. um 330 n. Chr.) in seiner Abhandlung über das den Menschen gegebene Gebot der Götter. Der von der griechischen Philosophie beeinflusste St. Basilius nimmt Bezug auf die in Johannes 10,34 formulierte Aussage des Messias: „Steht nicht geschrieben: Ihr seid alle Götter?“ und deutet sie hermetisch um. Der hermetischen Weltanschauung liegt eine Fusion von Philosophie und Magie zugrunde, die sich im Streben nach Macht äußert.

Macht durch okkultes Wissen

Der Mensch sucht sein Heil in der Selbsterkenntnis, die sich ihm im okkulten Wissen anzubieten scheint und sich dann auf politisches Handeln auswirkt. In den Umbruchphasen der europäischen Geschichte – vornehmlich in den Epochen des Frühchristentums, der Renaissance, der Romantik und der Moderne – übte sie einen gewaltigen Einfluss auf die intellektuellen Vorkämpfer aus. Die Bedeutung, die Hermes Trismegistus im Denken der frühmittelalterlichen Magiern, Astrologen und Okkultisten einnahm, kann nicht überbetont werden. Man nahm an, dass Hermes der eigentliche Begründer der magischen Kunst sei.

Schriften der Romantik von Magie durchdrungen

Das Thema der Vergötterung des Menschen trat in der früheren hermetischen Literatur in Hülle und Fülle auf. In dem berühmten gnostischen Text „Asklepius“ wird konkret Bezug auf die Vergötterung des Menschen genommen: „Der Mensch ist ein großes Wunder … als ob er selbst Gott sei, … vertraut mit der Gattung der Dämonen, die dieselbe Herkunft wie er haben; er verachtet lediglich den menschlichen Teil seines Wesens, denn er setzt seine Hoffnung in die Göttlichkeit des anderen Teils.“ „Gnosis“ meint, dass sich der Mensch vom Körper löse und mit Gott eins werde. Das 18. Jahrhundert hat aus der gnostisch hermetischen Lehre gerade dieses Element herausgehoben: Die Ähnlichkeit und das geistige Band mit Gott soll wiederhergestellt werden bis zur Einswerdung. Diese Lehre zieht sich wie ein roter Faden durch die Philosophie und Theologie des 18. Jahrhunderts – nicht nur bei Wissenschaftlern, Theologen und Mystikern, wie Lavater, Obereit, Swedenborg, – sondern erst recht bei den jungen Romantikern, wie Schleiermacher, Schelling und anderen.[2]

Hermetische Esoterik passt sich der Kultur an

Dennoch bleibt festzuhalten, dass es sich bei dem Komplex Hermetismus um etwas handelt, was nicht primär und nicht direkt aus den Quellen des Altertums zu verstehen ist.[3] Es liegt in der Natur der Hermetik, dass sich ihre Wesensart nicht auf eine Überlieferung gründet, sondern in geeigneten kulturellen beziehungsweise philosophischen Horizonten sporadisch neuentdeckt wird. Neben der philosophisch orientierten Ägyptosophie verband sich die hermetische Esoterik ganz selbstverständlich mit den Geheimgesellschaften. Sowohl die Rosenkreuzer als auch die Freimaurer nahmen begierig die Tradition auf, um sich als Träger eines uralten, geheimen, die Menschheit zu besseren Zeiten führenden Wissens auszugeben.


[1] S. dazu, Garth Fowden, The Egyptian Hermes (Cambridge: Cambridge University Press, 1987).

[2] Diese „Verwendung“ der Gnosis stützt die Hauptthese der Gnosis-Interpretation von Hans Jonas, der meinte, die faszinierende Weltverneinung der Gnosis gipfele in einer Rebellion wider die herrschenden Normen, in der Befreiung aus den Fesseln diesseitiger Institutionen. S. dazu Jonas, The Gnostic Religion.

[3] Erik Hornung legte dar, dass die abendländische hermetische Tradition seit der Renaissance aus dem hellenistischen Ägypten und Griechenland geschöpft hat (Hornung, Das esoterische Ägypten).

Liebe Geschwister im Herrn Jesus,