IRENÄUS HÄLT AN DER LEHRE DES FREIEN WILLEN FEST (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Folge 3 über Mystizismus

Um die heutigen geistlichen Strömungen in den evangelikalen Gemeinden richtig einordnen zu können, ist es nötig, sich näher mit dem Mystizismus zu beschäftigen.

Der Kirchenvater Irenäus kämpfte im 2. Jahrhundert n. Chr. zwar gegen die Irrlehre des mystischen Gnostizismus, sein Verständnis von Sünde und Rechtfertigung war jedoch vom Heidentum beeinflusst.

Irenäus – ein ausgleichender und evangelistischer Bischof

Irenäus (ca. 140 – 200 n. Chr.) war aus Kleinasien in den Westen gekommen und war zum Vorsteher der Gemeinde in Lyon ernannt worden. Er hatte die Verfolgung dieser Gemeinde unter dem römischen Kaiser Mark Aurel erlebt und trat die Nachfolge von Bischof Potinus an, der dieser Verfolgung zum Opfer gefallenen war. Er nahm seine bischöflichen Pflichten ernst und erlernte die Sprache der noch nicht latinisierten Kelten in der Umgebung seiner Gemeinde, um ihnen das Evangelium verkündigen zu können. In die vielfältigen kirchlichen Streitigkeiten seiner Zeit griff er versöhnend und ausgleichend ein, denn er verstand es, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Für das Wesentliche aber trat er mit der schlichten und unpathetischen Entschiedenheit ein, die einen Leiter einer christlichen Gemeinde kennzeichnet, der seiner Überzeugung treu bleibt.

Kampf gegen die Irrlehre des mystischen Gnostizismus

Iräneus war sich bewusst, dass sich der Gnostizismus allmählich zu einem ausgeklügelten Religionssystem entpuppen werde, das dem Christentum die Vorrangstellung streitig machen wollte. Um die Fragen eines Freundes über die Gnosis zu beantworten, befasste er sich mit der „Überführung und Widerlegung“ dieser Irrlehre. Er verfasste mehrere Schriften, in denen er sich mit dem Gnostizismus auseinandersetzte und die Unterschiede zum Evangelium herausstellte. Sein fünfbändiges Hauptwerk „Adversus Haereses“ („Gegen die Irrlehre“), das er von 180 bis 190 n. Chr. verfasste, ist eines der kostbarsten literarischen Schätze der frühchristlichen Antike. Es enthält einerseits eine ausführliche Darstellung und Widerlegung vieler gnostischer Irrlehren, die in der letzten Hälfte des zweiten Jahrhunderts im Römischen Weltreich überhandnahmen, und andererseits findet sich darin eine Erklärung und Rechtfertigung des katholischen Glaubens.[1] In seiner umfassenden Auseinandersetzung mit dem Gnostizismus wandte sich Irenäus gegen die Idee einer ewigen Materie, die Ursprung des Bösen sei. Im Besonderen trat er der gnostischen Heilsvorstellung entgegen. Den Gnostikern warf er vor, philosophische Begriffe für ihren Zweck zu verwenden und dabei die Gefahr zu unterschätzen, dass mit den Begriffen auch die heidnischen Inhalte des griechischen Theismus übernommen werden.

Der Irrtum über den freien Willen des Menschen

So wertvoll Irenäus´ Beitrag zur Bekämpfung abweichender Lehrmeinungen auch war, müssen berechtigte Zweifel an seiner Eignung als Verfechter des christlichen Glaubens angemeldet werden. Gewiss glaubte Irenäus an den Christus der Heiligen Schrift und war ihm treu ergeben. Dennoch nahm er die Selbstoffenbarung und Bedeutung des Menschensohnes nicht ernst genug, um den Einfluss der Gnostiker zurückdrängen zu können. Es genügte nicht, sie als Erzfeinde des Christentums zu brandmarken.

Der Kirchenhistoriker William Cunninghams meint, dass Irenäus im Interpretieren der Schrift zu sehr vom humanistischen Ideal ausging, dass der Mensch autonom, also souverän und selbstbestimmt, sei. Irenäus habe an der Lehre des freien Willens im Sinne des Arminianismus oder Pelagianismus festgehalten, wie wir diese Lehrmeinung heute nennen würden.[2] Irenäus habe eine zu hohe Meinung von der vermeintlichen Naturbegabung des Menschen gehabt, denn der Bischof von Lyon meinte, dass jeder Mensch grundsätzlich fähig sei, den Willen Gottes zu erfüllen.[3] Cunningham wendet ein, dass mehr als nur die Bereitschaft zum Gehorsam nötig sei, um dem Aufruf des Schöpfers zur Wohltat Folge leisten zu können. Der Mensch trage zwar das Ebenbild Gottes an sich, besitze aber deshalb noch lange nicht einen freien Willen. In dieser Angelegenheit sei Irenäus fehlgegangen.

Heilsverständnis der Heidentums übernommen

Für Irenäus stand außer Zweifel, dass Gott seinem Geschöpf die Vollkommenheit anfänglich verwehrte, weil der Mensch sterblich war.[4] Er setzte die menschliche Vergänglichkeit mit der Sünde gleich. Da Irenäus die Sterblichkeit quasi an den Platz der Sünde rückte, verwarf er die Interpretation des Werkes Christi, die die Apostel verkündigt hatten. Anstatt ein stellvertretendes Sühneopfer zu sein, wofür es die ersten Christen hielten, garantiere es vielmehr das Emporsteigen auf der Seinsstufe. In der Vereinigung des im Menschen liegenden göttlichen Funkens mit Gott sah Irenäus die Verwirklichung der Unsterblichkeit. Somit verfiel er völlig dem Heilsverständnis des griechischen Theismus.[8] Das ewige Wort Gottes sei Mensch geworden, um „alles Fleisch mit Gott zu vereinigen“.[5] Der Fluch der Sünde manifestiere sich in der Sterblichkeit; das Heil in der Unsterblichkeit. Christus gebe dem Menschen neues Leben und vollendete Existenz. Das menschliche Fleisch werde unsterblich.[6]

Irenäus Vorstellung der menschlichen Freiheit ruht auf zwei Grundsätzen. Zum einen deutet der Kirchenvater auf die ursprüngliche Freiheit der Schöpfung hin, die dem Menschen die Möglichkeit eröffnet habe, sich dem Ratschluss Gottes zu widersetzen. Es bestehe kein Grund, den Menschen zur Sinnesänderung anzuhalten, wenn dieser dazu nicht fähig sei.[7] Zum anderen vertritt Irenäus den Standpunkt, dass der Sündenfall die ethische Veranlagung des Menschen nur stückweise in Mitleidenschaft gezogen habe. Der Mensch habe stets die Möglichkeit, dem Ruf des Evangeliums aus eigener Kraft Folge zu leisten.[8] „Wenn wir nicht völlige Handlungsfreiheit besäßen, warum würde dann der Apostel, ja vielmehr der Herr selbst, uns raten, dieses zu tun und jenes zu lassen.“[9]

Leider hielt Irenäus an der Idee einer allumfassenden Freiheit fest und schob somit das souveräne Heilswirken Gottes im Schenken der Wiedergeburt und des Glaubens effektiv zur Seite. Als Folge davon verwarf Irenäus die biblische Rechtfertigungslehre, dass der Sünder allein durch Glauben gerecht wird.


[1] Irenäus, Against Heresies, in The Ante-Nicene Fathers, Vol. 1, Alexander Roberts, ed., (Peabody, MA: Hendrickson Publishers, 1994).

[2] William Cunningham, Historical Theology (Edinburgh, Scotland: T. & T. Clark, 1864), Vol. 1, 140.

[3] Ebd.

[4] Irenäus, Against Heresies, 4.38.1, zit. in Karl Rudolph Hagenbach, Textbook of the History of Doctrines (Ann Arbor, Mich.: Making of America, [1862] 2000) 122: “As to the original estate, it is held that man, as created, was not in a condition to receive from God at the very beginning of his career perfection. This consists in immorality: ‘For things just begotten could not be unbegotten. But in so far as they are not unbegotten, in so far do they fall short of perfection.’”

[5] Hagenbach, Textbook of the History of Doctrines, 125: “… united all flesh to God.”

[6] S. ebd., 130.

[7] Irenäus, Against Heresies, 4.37.3.

[8 Ebd., 4.37.4.

[9] Ebd.

Liebe Geschwister im Herrn Jesus,