RENAISSANCE: ERKENNTNIS DER EIGENEN GÖTTLICHKEIT DURCH MEDITATION (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Folge 7 über Mystizismus

Um die heutigen geistlichen Strömungen in den evangelikalen Gemeinden richtig einordnen zu können, ist es nötig, sich näher mit dem Mystizismus zu beschäftigen In der Renaissance wertschätzten die Gelehrten die alten Schriften der Philosophen aus Griechenland, Ägypten und Indien und hielten sie für die älteste Weisheit. Sie meinten, durch Meditation ihre eigene Göttlichkeit erkennen zu können.

Optimierung des Erinnerungsvermögens durch Magie

Die ersten Anzeichen einer kurz vor dem Aufblühen stehenden europäischen Alchemie (Magie) können im 13. Jahrhundert deutlich wahrgenommen werden. Eine Reihe bedeutender Alchemisten treten mit ihren Publikationen an die Öffentlichkeit. Unter ihnen befinden sich Roger Bacon (1214-1294), Arnold von Villanova (1235-1312) und Ramon Lull (1235-1316). Villanova gilt als Verfasser des „Rosarium philosophorum“. Lull tut sich als Autor der „ars magna Lulli“ hervor, die darauf abzielt, das Erinnerungsvermögen zu optimieren. Unter seinem Namen sind auch viele alchemistische Abhandlungen in Umlauf gebracht worden, von denen wahrscheinlich einige tatsächlich seiner Feder entstammten. Genannt werden muss auch Nicholas Flamel (1330-1417), dessen später ins Englische übersetzte „Book of the Hieroglyphic Figures“[1] noch heute einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt.

Übersetzung eines okkulten Basiswerkes am Hof der Medici in Florenz

Mit dem Beginn der Renaissance entwickelte sich die Vorstellung, eine möglichst große Menge antiken Materials zusammenzutragen, und zwar – und dies ist das Entscheidende – im Glauben, dass diese Materialien alle etwas miteinander zu tun haben könnten und ein homogenes Ganzes bilden würden.[2] Man verstand es als Zeugnis der ältesten Weisheit, als vormosaische ägyptische Priesterweisheit. Bekanntlich hat Marsilio Ficino im späten 15. Jahrhundert die hermetische Tradition mit seiner Übersetzung der „Hermetica“ wieder ins Bewusstsein einer größeren intellektuellen Öffentlichkeit geholt. Dabei kam dem „Corpus Hermeticum“ der Stellenwert einer Basisbibliothek zu. 1460 brachte Leonardo Da Pistoia aus Makedonien einen Codex mit 14 Traktaten des okkulten Werkes „Corpus Hermeticum“ nach Florenz mit, wo sich am Hofe der Medici im Jahr zuvor eine neue Platonische Akademie gebildet hatte, die an die Tradition der Akademie in Athen anzuknüpfen suchte. Ihr Leiter Ficino übersetzte auf Wunsch von Cosimo Medici die griechischen Traktate des „Corpus Hermeticum“ bereits 1463 ins Lateinische, also noch bevor es eine lateinische Übersetzung des Platons gab.[3] In Ficinos Philosophie ist Platon der Erbe von Hermes Trismegistus, Moses, Orpheus und Pythagoras. Ficino konnte sich nicht entscheiden, wem er die erste Stelle der Tradition zuerkennen sollte. Im Vorwort zu seiner Ausgabe des „Corpus Hermeticum“ gab er dieses als die älteste Quelle der Weisheit aus, in seiner „Theologia Platonica“ von 1482 setzte er Zoroaster an die erste Stelle, dann erst folgt Hermes. Damit nahm er eine Tradition auf, die das abendländische Wissen auf die beiden Standbeine Ägypten und Indien setzte. Apollonios von Tyana beispielsweise war ja in beiden Regionen zuhause, und die Kombination von Indien und Ägypten gehört seit dem Hellenismus zum Repertoire esoterischer Autoren.

Dem Menschen wird ein freier Wille zugeschrieben

Als Renaissance-Gelehrte die hermetischen Texte mehr als tausend Jahre nach ihrer Abfassung entdeckten, traten diese dank ihres unvergleichlichen Prestiges in Konkurrenz mit den heiligen Schriften der Kirche. Der vielseitig begabte Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) machte den Asklepius, einer der Schriften des „Corpus Hermeticum“, zur Grundlage seines berühmten Schrift über die Würde des Menschen (De Hominis Dignitate; 1486/87) und rief darin dem willensfreien Menschen zu, sich für den Ausgang des eigenen Schicksals verantwortlich zu fühlen:

“Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünscht, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In die Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt. Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche.”[4]

Im Weiteren vertrat er die These, dass es keine andere Wissenschaft gebe, die die Göttlichkeit Christi unter Beweis stellt, als Magie und Kabbala.[5]

Durch Meditation soll der Mensch göttliche Züge annehmen

Sofern die Alchemisten darauf abzielten, eine aus ihrer Perspektive gesehen falsch erscheinende Erkenntnis mit einer wahren auszutauschen, richtete sich ihr Begehren auf die Erfüllung des Traumes, wesensgleich mit Gott zu sein. Der englische Schriftsteller esoterischer Literatur und bekennender Rosenkreuzer Robert Fludd stand völlig unter dem Einfluss des „Corpus Hermeticum“. Der Verstand des Menschen ging ihm zufolge aus Leben und Licht hervor; im meditativen Aufsteigen zur Selbsterkenntnis, wie dies mittels der Selbstbetrachtung des plotinischen Einen geschehe, nehme der Mensch göttliche Züge an.


[1] Laurinda Dixon, Hrsg., Nicolas Flamel, His Exposition of the Hieroglyphicall Figures (New York: Garland, [1624] 1994).

[2] S. dazu, Antoine Faivre & Karen-Claire Voss, “Western Esotericism and the Science of Religions,” in Numen: International Review of the History of Religions 42 (1995), 50.

[3] Ediert wurde Ficinos Übersetzung einige Jahre später: Mercurius Trismegistus, Liber de potestate et sapientia Die e Graeco in Latinum traductus a Marsilia Firma Florentino ad Cosmum Medicem Patriae Patrem (Treviso, Geraert van der Leye, 1471).

[4] A. Buck, Hrsg., De Hominis Dignitate, übers. v. N. Baumgarten (Hamburg: Meiner, 1990).

[5] „Nulla est scientia que nos magis certificet de divinitate Christi quam magia et Cabala.“

Liebe Geschwister im Herrn Jesus,